Samstag, 3. Dezember 2011

Klassiker der Extraklasse: Fahrraddiebe

Die Nachkriegszeit in Italien, die Stunde des italienischen Neorealismus, aus heutiger Sicht das Betrachten einer vielleicht vollkommen anderen Welt, einer Welt bzw. einer Zeit geprägt von Armut und Kriminalität, das alles für das Überleben in dieser Welt. Einer der zentralen Werke des Neorealismus: "Fahrraddiebe" von Vittorio de Sica aus dem Jahre 1948 nach dem Roman von Luigi Bartolini, für den De Sica höchstwahrscheinlich auch auf eigene Erfahrungen zurückgriff.

Die Grundgeschichte, dabei simpel, vielleicht aus unser heutigen Sicht regelrecht banal, doch diese zeigt in ihrer ganzen Simplizität die Realität, nicht mehr und nicht weniger, so erzielt diese selbst heute noch ihre Wirkung, eine bedrückende Realität, in der ein Diebstahl keinen Wert mehr hat, fast zur Tagesordnung gehört. Wo findet man Gerechtigkeit? Es gibt sie nicht. Jeder kämpft für sich und stirbt für sich. Und doch will jeder nur eins: Überleben. Und in einer Welt wo ein Fahrrad für Überleben stehen könnte, für Arbeit und somit für Glück und Hoffnung (symbolisch gesehen). In einer harten und bitteren Zeit: Italien, Ende der 40er Jahre. Endlich nach langer Arbeitslosigkeit findet Antonio Arbeit als Plakatkleber, dafür aber von Nöten wäre ein Fahrrad, so tauscht seine Frau die letzten Bettlacken für das Fahrrad beim Pfandleiher. Doch das Glück wärt nur kurz, den dieses wird wieder kurze Zeit danach gestohlen, verzweifelt versucht Antonio, gemeinsam mit seinem kleinen Sohn, den Dieb ausfindig zu machen. Wer sucht, der findet, doch kann Antonio ihm letztendlich nichts nachweisen. Nun bleibt ihm kein anderer Ausweg mehr, er tut es immerhin für seine Familie, um das Überleben zu sichern, getrieben von seinen Gefühlen und der Existenzangst, es gibt wahrscheinlich nur einen Weg....er musst selbst zum Fahrraddieb werden...

De Sica zeigt dies auf eine bedrückende bzw. ernüchternde Art und Weise, er zeigt die kalte und herzlose Realität, ungeschminkt und ungeschönt. Sozialkritisch von ihm angehaucht und vielleicht am Wichtigsten glaubwürdig. Diese besondere "Authentizität" gewinnt der Film zudem noch einmal durch die Tatsache, dass De Sica einmal größtenteils auf offener Straße drehen ließ und an Originalschauplätzen und höchstwahrscheinlich, dass er weiterhin auf Laiendarsteller setzte, denn was könnte in der Hinsicht glaubwürdiger sein? In jedem Fall liefern diese, jeder für sich, eine phänomenale Leistung ab, besonders Lamberto Maggionari und Enzo Staiola wissen in den Hauptrollen des besorgten und verzweifelten Vaters und des Sohnes, zwischen denen sich im Laufe der Geschichte immer mehr eine echte Bindung und Freundschaft zueinander entwickelt, zu glänzen. Diese Intensität fasziniert und zieht einen in den Bann dieses Film, den ich mich stets nie entreißen konnte. Eine Palette von verschiedenen Gefühlen werden abgerufen, jedes Mal aufs neue faszinierend. Insofern auch ein zutiefst menschliches Werk.
Meisterhaft bebildert, erschaffen gerade diese Originalschauplätze, eine Glaubwürdigkeit und Atmosphäre, die atemberaubender und bedrückender nicht sein könnten, sodass es an sich einfach lebendig wirkt, purer Realismus, einmalig die eingefangenen Bilder der tristen und trostlosen Straßen.

Dabei wurden auch die Charaktere faszinierend gehandhabt, De Sica zeigt insofern, dass jeder zum Kriminellen werden kann, obgleich der Eine oder der Andere und jenseits von irgendwelchen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, jeder urteilt für sich selbst. Sensibel und sehr präzise zeichnet er hierbei seine verschiedenen Figuren. Und stellt besonders die Vater-und-Sohn-Geschichte noch als wichtigen Aspekt der Geschichte dar, wie sie sich durch diese Suche bzw. Odyssee nach dem Fahrrad (dem Symbol für Hoffnung) näher kommen. Intensiv beleuchtet und letztendlich ist man doch ergriffen bzw. emotional berührt vom Ganzen und ja besonders vom Schluss.
Dazu noch untermalt vom großartigen Score von Alessandro Cicognini, perfekt gemacht und dramatisch wie auch tragisch-bewegend komponiert, stimmig und passend eingesetzt, insofern auch packend. Einfach grandios.

Abschließend möchte ich dann nur noch sagen, dass "Fahrraddiebe" einen wichtigen und für mich auch zeitlosen Vertreter des italienischen Neorealismus darstellt. Ein bedeutendes wie auch herausragendes Werk, dass die Nachkriegzeit brillant und bedrückend porträtiert.



9 / 10

Autor: Hoffman

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