Samstag, 15. Oktober 2011

Kritik: "Mr. Nobody"

Was wäre, wenn... ich mehrere Leben hätte

Alle Entscheidungen und alle daraus sich bildenden Konsequenzen laufen ineinander und ergeben das Leben, welches wir leben und das uns daran erinnert, dass ein jeder von uns tatsächlich existiert.


Es ist die Thematik, die „Mr. Nobody“ über weite Strecken dazu verhilft, dass eine gewisse Ästhetik zu Jaco van Dormaels Science-Fiction-Drama aufgebaut wird. Doch kann auch ein guter Jared Leto und ein noch besserer Toby Regbo, die ein und dieselbe Person zu verschiedenen Lebzeiten verkörpern, nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein weniger hohes Budget dem Film vielleicht, nein, ganz bestimmt weniger Schaden zugefügt hätte.

Für die Asche: Das Leben auf dem Mars hat begonnen.
Mit Bildgewalt (bunte Farben, jede These mit passenden Szenen untermauert) möchte „Mr. Nobody“ besonders visuell beeindruckend sein, hat bei mir aber nicht selten das komplette Gegenteil erreicht. Ich sehnte mich zwei Stunden nach mehr Schlichtheit, mehr Einfühlsamkeit und weniger nach den wuchtigen und kräftigen, sondern eher nach den ruhigen und leisen Tönen.
Nicht zu bestreiten: Das Werk behandelt ein anspruchsvolles, sehr schwieriges Thema, weil es versucht das zu charakterisieren, was sich nur sehr schwer auf die Leinwand transportieren lässt: das Leben und all die unzähligen Facetten.
Die Geburt, die Trauer, das Lachen, der Schmerz, die Liebe und das Ende. "Mr. Nobody" spricht allen Gefühlszuständen, allen Lebensabschnitten ihre Daseinsberechtigung zu, versucht sie alle möglichst geschickt unterzubringen. Und gerade die letzte Station unseres Bestehens spielt eine zentrale Rolle, denn geht von ihr vieles aus. Oder besser gesagt: endet bei ihr alles. Sie wird jedoch am Ende benötigt, um das Leben lebenswert zu machen, um reflektieren zu können, um zu sagen, dass man da war, um anderen Menschen zu zeigen, dass man richtig gelebt hat - um das Geschehene, alles Erlebte abzuschließen.


Schlimm. Einfach schlimm. Man beachte das Einhorn.
Aber warum - und gerade da liegt das Hauptproblem - muss man den Prozess vor der Geburt visualisieren? Benötigt man nicht nur eine leise Off-Stimme, um die Vorstellungskraft jedes einzelnen Zuschauer anzuregen und damit gar individuell zu handeln? Weshalb verzichtet Dormael nicht auf seine unveränderlichen, vorgefertigten Bilder? Und warum, ich konnt's wirklich nicht glauben, galoppiert da ein Einhorn durch einen Himmel mit Putten?
Weitere Beispiele könnten folgen.


Es sind aber nicht nur die überladenen Bilder oder die viel zu oft eingesetzten, nervenden, sogar abstoßend ekelhaften Popsongs. Vielmehr ist es die schlussendliche Banalität des Films, der mir gefühlte fünf Stunden pseudo-philosophische Phrasen an den Kopf quatscht, aber nie in eine seelische Tiefe vordringt - mich nie erreicht. Er ist oberflächlich, kommt nur selten auf den Punkt und zieht sich besonders in seinem Mittelteil deutlich.
Dazu kommt, dass einige Dia- und Monologe inhaltlich leer sind, aber vorgeben mehr zu sein, weil die verschachtelte Geschichte auf mehreren Ebenen spielt und deshalb kurzerhand auch noch seicht das Universum und dessen Entstehung erklärt wird. Zu viel. Einfach viel zu viel.  Und gerade durch seine gescheiterte Komplexität verliert "Mr. Nobody" viel Stärke und endet letztlich als unbedeutende Erfahrung, die vielleicht auch einfach nur eines ist: überfordert. Verständlich überfordert.

 
4,5 / 10

Autor: Iso

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