Donnerstag, 16. Februar 2012

Kritik: "Thank You for Smoking"


Nick Naylor (Aaron Eckhart), Lobbyist der Tabakindustrie und von der Bevölkerung verachtet, führt uns durch diese habgierige Geschichte um Macht und Einfluss und spricht immer wieder von seiner moralischen Flexibilität: Weil das ist sein Job. Er reist quer durchs Land um die Zigarette zu vertreten und ihre sinkende Anerkennung in den Mündern der Menschen zu verbessern – sein eigenes Privatleben stellt er hinten an. Nick hat nichts studiert, um da zu stehen, wo er sich momentan befindet. Er redet nur unheimlich gerne und gerne auch unheimlich viel. Nick hat keine Angst davor, dass ihn seine Umgebung, besonders jene, die sich für das Verbot der Kippen einsetzen, bedingungslos hasst, weil er schlussendlich jedem beweist: Er hat Recht. Denn genau das ist sein Talent. 

Ich bin wirklich erstaunt, dass „Thank You for Smoking“ eine großartig-vorführende, Seiten unabhängige Gesellschafts-Satire ist, die nicht zur Fluppen-Lehrstunde verkommt, dennoch aber genug hintergründige Einblicke liefert, um die angesprochen, streitwürdigen Themen angemessen zu behandeln. Die Präzision Reitmans ist wunderbar-bissig, stellt er doch beide, sich verachtende Parteien im Kampf um das plakative Abschreckungssymbol in Form eines Totenkopfs auf den Zigarettenschachteln ausreichend vor, damit sich auch jeder Zuschauer ein Bild machen kann, wie absurd und lächerlich der ganze Streitfall doch ist. 

„Thank You for Smoking“ ist keine zähe Studie über das Richtige und Falsche, weil das nicht existent ist.  Man möchte uns sagen: Wir müssen lernen hinter die uns vorgegaukelten Fassaden zu blicken und uns nicht von dem beeinflussen zu lassen, was uns irrgläubig als korrekte Lebenseinstellung verkauft wird. Dies ist ein konzipierter und umgesetzter Abgesang auf die überall herrschende Leichtgläubigkeit, die durch die mediale Blendung des vermeintlich Tadellosen entsteht – ein gezeichnetes Bild, der auf uns einwirkenden Einflussnahme. Obwohl Nick Naylor nicht immer der aalglatte Sympathisant ist – macht ihn das nicht gerade menschlich? – tritt er gegen die Verbreitung des Halbwissens an. Nicht nur wegen seines Jobs, denn auch hier vertritt er schlussendlich nur einen Ansichtswinkel, sondern auch wegen der Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und seinen Mitmenschen. Nick ist eben nicht nur der sarkastische Vermittler des in „Thank You for Smoking“ Vorgeführten – das kristallisiert sich mehr und mehr heraus. Auch er hat familiäre Probleme, muss lernen sich diese einzugestehen und dem Menschen eine neue Chance anbieten, für den er zu wenig da war – seinen Sohn. Reitmans Film besteht aus vielen - sich zwischen Sarkas- und Zynismus befindlichen - gefühlvollen Einlagen. Man muss sie nur entdecken. 

Hauptsächlich ist der Film aber eines: ausgefallen. Neben der episodenhaften Struktur, die dafür sorgt, dass „Thank You for Smoking“ aus vielen Szenen besteht, die unabhängig voneinander agieren könnten, ist es vor allem dieses schräge und bissige Drehbuch, das die allgemeingültig sozial-denkenden Leitlinien eiskalt und kompromisslos zu ignorieren weiß. Besonders amüsant und zugleich kritisch sind die abendlichen Gespräche zwischen Nick und seinen beiden Lobbyisten-Kollegen aus der Alkohol- und Waffensparte. So beklagen sie ihren schwächelnden, niedrigen Gesellschaftsstatus, während sie sich im Gegenzug in einem Wettstreit verlieren, wessen Industrie täglich mehr Menschen ins Jenseits befördert. Führt dazu, dass sich der Tabak-Lobbyist im Nachgang bei den eingeschnappten Kollegen entschuldigen muss, weil seine Industrie die Liste anführt. Welch ein grandioses, ungeschöntes Amüsement um buhlende Anerkennung und Wertschätzung.
Und genau daran liegt die Kunst. Der Film verliert sich nie in bodenlosen und sinnleeren Geschmacklosigkeiten, stattdessen gibt's viel Feingefühl und einen klugen Kopf – eine seltene Kostbarkeit. Dadurch erlangt „Thank You for Smoking“  meinen Respekt und die Dankbarkeit dafür, dass es ihn gibt.


 Eine absolut absurde wie gleichzeitig tiefschürende Sternstunde satirischer Unterhaltung, die durch einen fabelhaft aufspielenden Aaron Eckhart und überaus boshaft-guten Dia- und Monologen zu den besten und intelligentesten Vertretern ihres Genres zählt.


9 / 10

Autor: Iso

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