Freitag, 6. Januar 2012

Kurzkritik: "The Descent"



"Afraid of the dark? You will be."

UK wirft 2005 jenes klassische Gewürz in das rostige Horrorbecken, welches die trübe Suppe aus schalem Einheitsbrei und weichgespülten Massenkompatibilitätsgurken für Nimmersatte und verzweifelte Optimisten (nur in raren Fällen aufgefrischt) wieder schmackhaft macht. Europa schickt mit dem jungen Neil Marshall einen ambitionierten Neuling in den zugetrampelten amerikanischen Backwood, der für eingefleischte Fans einer göttlichen Sendung gleichkommt und Standardkinogänger auf eine nervliche Zerreißprobe stellt und potenzieller Therapiegrund wird.

Mit einem abrupten Schock startend, nur um die kommenden Minuten in lethargischer Gelassen- und Gediegenheit auszukosten, schwelgend in unterkühlten Bildern und düsterem Ton. Ansammlung weiblicher Protagonisten, die eine Klettertour planen, Verstreuung und Verteilung von Hintergrundinformationen über die jungen Freundinnen. Dabei zielgenau das Identifikationszentrum auf die Figur der schwer traumatisierten Sarah lenkend, sprich: Ebenso effektiv wie sinnvoll praktizierte Ruhe vor dem Sturm. Der Titel in weißen Lettern kündigt das Holz an, aus dem Marshall den Film gefertigt hat. Schriftzüge, die einem schrammligen B-Horror-Picture entsprungen zu sein scheinen. Nach einem technisch herausragenden Klaustrophiecrashkurs, Halluzinationen und keimender Hysterie macht Vorahnung der Gewissheit Platz: Irgendetwas lauert in der Dunkelheit. Und dieses "Etwas" verkündet mit seiner furchterregenden visuellen und akustischen Präsenz seine Herkunft aus einem barbarischen, finsteren Zeitalter. "The Descent" gleicht in seinem Aufbau selbst einer Urkreatur, die schließlich aus ihrem Schlaf erwacht. Kein ablenkender Erzählstrang, kein optischer Firlefanz, keine Beziehungsdialoge, keine Auflockerung, um zu gefallen, alles ist präzise und direkt dirigiert und todernst.

Marshall lässt es nach gut halbstündiger Psychothrillreferenz Bluten und Schreien, dass es ins Mark fährt. Im besten 70er Jahre Flair spielt er die kantige Wildheit als großen Trumpf aus, terrorisiert mit authentischer Retro-Rohheit. Getreu der Devise "Um das Biest zu besiegen, musst du selbst zur Bestie werden", lässt Sarah die Evolution im Ultrabeschleuniger an ihr Hand anlegen, um nicht ausselektiert zu werden und verschmilzt mit der unwirtlichen Umgebung.

Natur dient keiner geistigen Entfaltung, fungiert nicht als Katalysator für Stressabbau, wird vielmehr zum eigenen Grab. Einer der Grundgedanken im Subgenre, doch für mich nie so ungeniert spürbar gewesen. Es brodelt von Beginn an unter der imposanten Oberfläche, unter bewaldeten Landstreifen wartet die feuchte, glitschige Hölle, auf die im Vorfeld sehr dezent und wohldosiert in symbolträchtigen Omen angedeutet. Und wenn die Sympathieträgerin schließlich ihr Haupt aus dem unterirdischen Blut- und Gedärmetümpel erhebt, ihre einstige Schönheit unter Litern von Angstschweiß und Sturzbächen von rotem Lebenssaft verschwunden ist und sie mit ausdrucksloser Mimik in die Kamera starrt. Wenn Erscheinungsbild und Artikulation den blinden Kannibalen kaum noch nachsteht, dann ist es dem Mittdreißiger auf dem Regiestuhl schon lange vor dem verstörendem Ende gelungen: Er hat mich fertig gemacht.


8,5 / 10

Autor: seven

Keine Kommentare:

Kommentar posten