Freitag, 16. März 2012

Märchenhafter Zauber im pulsierenden Schmalzorchester - Kritik: "Punch-Drunk Love"


“You can go to places in the world with pudding. That's funny.” 



Er bittet sie um nichts, als um bloßes Verzeihen gegenüber dem, was geschehen ist, denn ist sie die einzige Person, die mehr in ihm sieht als andere Menschen. Barry (Adam Sandler), ein mittelmäßig erfolgreicher Unternehmer, ist nicht perfekt, vielleicht nicht der Hellste und ganz sicher auch nicht derjenige, der nicht an sich selbst und dem zerbricht, was ihm vorgemacht wird sein zu müssen. Er ist nicht der lockere, charmante Typ, den seine sieben Schwester so gerne als Bruder hätten und er ist auch nicht der aufgeschlossene Romantiker, der jedes Mädchen bekommt, welches ihm über den Weg läuft. Im Bezug auf das, was sein müsste und das, was schlussendlich ist, kann ich Barry nur umso besser in seinem Verhalten und äußerlich (scheinbar) wirren Empfindungen verstehen. Weil nicht lange muss man warten, bis der Jungunternehmer seine „schlechten“ Phasen auffährt; ein Klo wird kurz und klein gehauen, Fenster gekränkt zertrümmert und Wörter hektisch und nervös aneinandergereiht. Er steht auf, geht durchs Wohnzimmer, setzt sich hin, dreht sich auf dem Küchenstuhl in alle Richtungen, steht erneut auf, dreht wieder seine Wohnzimmerunde und setzte sich danach erneut hin, als er in seiner (emotionalen) Verzweiflung eine Sex-Hotline anruft. Nicht aber um etwa „Erotik“ zu erleben, sondern einfach um zu reden. Er ist ein Gutmensch, aber auch unbeherrscht, wenn er bemerkt, wie andere Leute sich das zu Nutzen machen. 

Mir fiel es selten derart schwer überhaupt erst einmal eine gedankliche Verwurzlung zu einem eingeschlagenen Thema, dabei spielt auch Auffassung und Stil eine Rolle, zu finden. Natürlich, im grundlegenden Muster ist dies eine leichtfüßige Romanze, mit genügend einwandfreiem Kitsch, um selbst ein posaunendes Schmalzorchester nicht auszulassen. Und dennoch würde ich es als unfair erachten, würde man „Punch-Drunk Love“ in eben dieses Licht rücken. Nicht unbedingt wegen der Qualitäten, denn dafür macht P. T. Anderson kürzester, wohl auch ‚einfachster‘ Film zu viel falsch, aber einfach aus Respekt gegenüber dem Anderssein. „Punch-Drunk Love“ beginnt leise, unscheinbar und direkt, wirkt fast schon etwas gesprungen und lässt sich in gleicher Stille ausklingen. Dieser merkwürdige Trip ins gefühlsgeladene Leben des Barry Egan ist unfassbar spontan und locker und weiß, dass er sich eben genau durch diese unkompliziert-leichte Art von all dem abschirmt, was man vielleicht unter einer üblichen Liebesgeschichte verstehen könnte. Es ist schon fast eine metaphysische Symbolik, mit welcher sich die dezente Inszenierung in poetisch-surrealen Szenen vermischt – und sei es nur durch ein Aufspiel verschiedenster Farben. Und genau die macht sich „Punch-Drunk Love“ nicht nur einmal und niemals oberflächlich zu nutzen. So ist der blaue, sehr auffällige Anzug, den Barry über die komplette Filmdauer an sich trägt, ein Symbol der friedlichen Findung zu sich selbst und einer beruhigenden und Stress abbauenden Wirkung auf sein Wesen. Weil genau das ist es, wofür diese Farbe steht – ganz im Gegenteil zu seiner (manchmal getragenen) roten Krawatte. Aber was ist das jetzt; Therapie durch Farben? In gewisser Weise, ja. Das für uns mitunter sonderbar klingende, passt wunderbar in die schrägen, aber keinesfalls schräg-doofen Facetten dieses außergewöhnlichen Filmes. Das, was auf dem ersten Blick der bloßen optischen Auffälligkeit dient, hat einen charakteristisch bedeutsamen Zweck.

Nun könnten einige sicher meinen, dass das Wort des Außergewöhnlichen mit etwas qualitativ Großem verbunden sein müsste – dies ist aber nur bedingt zutreffend. Ein Film wie „Punch-Drunk Love“ sieht man selten, höchstens zwei- oder dreimal im Jahrzehnt, aber das heißt dennoch keinesfalls, dass er dadurch eben neue Maßstäbe in filmischen Klassen setzt, denn ist es etwas anderes, ob man nun von Besonderheit oder Qualität spricht. Die uns in diesem Werk vermittelte Botschaft ist nicht schwer zu deuten, ist mir aber im Vergleich zum früheren wie auch späteren Schaffen des Regisseurs zu schnell abgehandelt; teilweise auch zu konstruiert entworfen. Ich hatte nicht selten das Gefühl, dass Anderson eine unglückliche Unausgewogenheit in seinen vierten Spielfim brachte. Während einige Szenen langsame und vor allem ausführliche sowie natürliche Entfaltung erfuhren, wurden anderweitige schnell und auf mich belanglos wirkend abgehandelt. Deswegen tanzt die Geschichte um Barry etwas aus Reihe der üblichen Schöpfungen des zukünftig (immer noch) vielversprechenden Filmemachers aus Studio City. Der bewies zwar mit diesem Film nicht sein eigentliches Geschick für berührende und nachwirksame Erzählungen, aber eine rundum gelungene wie auch ungewöhnliche Nutzung seiner Akteure. Adam Sandler in einem solchen Film, fernab des Klamauks und der von ihm gewohnten Absurditäten zu sehen, ist sicherlich gewöhnungsbedürftig. Es ist die einfache Verankerung der albernen Späße, welche man sich sofort vor Augen führt, wenn man Sandler sieht – ganz gleich, ob nun in einem seiner „normalen“ oder „unnormalen“ Filme. Das ist kein stinkendes Vorurteil, sondern eine Zuschreibung seiner bisherigen schauspielerischen Verschreibung. Ungerecht wäre es hingegen, ihm nicht auch andere Rollen zuzutrauen und sich eben auf diese, wenn auch nach kurzer Umgewöhnung, einzulassen. Fest steht: Sandler wird nie zu denen gehören, die einen Film durch alleinige Anwesenheit Charisma verleihen, aber er kann sich durchaus mit Überzeugung von seinen alltäglichen komödiantischen Feldern entfernen. Ich möchte nicht behaupten, es gäbe keinen anderen Menschen als Sandler, der Barry hätte spielen können; nein, ganz sicher nicht. Aber kaum ein anderer wie er, und das ist als Kompliment gemeint, schafft es mich immer wieder zu überzeugen, dass mehr als ein blödelnder Kasper in ihm steckt – das war nicht nur in diesem Film, sondern auch in „Reign over me“ der Fall. 

Um nun auf meinen Einstieg zurückzukommen. Wer ist eigentlich ‚sie‘? Um wen kämpft Barry Egan alias Adam Sandler da eigentlich? Wer ist sie; diejenige, die ihm das gab, was er nie zuvor spürte? Um ehrlich zu sein: So recht wissen, tut man es nie. Aber genau das ist es doch, was ein zuckersüßes Märchen ausmacht, oder etwa nicht? Ist es nicht genau dieser geheimnisvolle Schimmer, der vielen Vertretern im Bereich der romantisch-leidenschaftlichen Unterhaltung fehlt? Man will gar nicht genau wissen, woher sie kommt oder wo sie geboren wurde – absichtlich verschweigt Anderson uns jene Details. Und das liegt nicht nur am kitzelnd-märchenhaften Reiz zwischen Barry und seiner Lena (Emily Watson). Nein, vielmehr liegt es am blinden Verstehen zwischen den beiden. Barry beschreibt seinen momentanen Lebensstandard mit den Worten, dass er sich selbst manchmal nicht leiden kann, sich für verrückt und krank hält („I don't like myself sometimes.“). Lena entkräftet das aber, indem sie sagt, wenn auch nicht im direkten Anschluss, dass die Welt voll von „verrückten“ Leuten sei („People are just crazy in this world, I think.“). Und mal ganz ehrlich; ohne die, und davon sind wir alle ein Teil, wäre es doch auch langweilig?!
 
Das allein zeugt davon, dass sich der Film ein Maß an Beachtung verdient. Andersons mutiges, wenn auch nicht sonderlich eindringliches Mysterium über das wahre Lieben zum Nächsten ist es auf jeden Fall wert gesehen zu werden, dürfte aber dennoch gänzlich ungeeignet sein, falls ihr mit eurer potentiellen oder bereits gewonnen ‚Liebe‘ eine flauschig-normale Kulleraugenromanze erwartet. „Punch-Drunk Love“ ist modern expressionistisch, aber ungemein gesellschaftsbezogen, nicht unterfordernd, aber auch nicht von sich und seiner Erzählung eingenommen. Das verleiht ihn Würde, Respekt und meine Anerkennung, gibt ihm aber keinen Nachlass in seiner manchmal etwas kruden und unausgeglichenen Gestaltung, die ich sonst von diesem Regisseur nicht gewohnt war und an die ich mich auch in Zukunft (hoffentlich) nicht gewöhnen muss. 
Es ist ein Film für Exoten, die ausgefallene Entwürfe über inhaltliche Präsenz stellen und akzeptieren können, dass bunte Farben nicht koexistent mit beeindruckender Nachhaltigkeit harmonieren - zumindest nicht hier. Das macht dieses Werk nicht schlecht, nicht bemerkenswert gut, aber stilistisch und transzendent beinahe vollkommen unabhängig und genau das ist, was es auszeichnet.



6 / 10
Autor: Iso 

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