Sonntag, 12. Februar 2012

Kritik: "Boogie Nights"


"Jeder Mensch ist mit etwas Besonderem gesegnet!".  Das wird auch bald der junge, mit seiner Mutter und sich selbst zerstrittene Eddie (Mark Wahlberg) herausfinden. Seine Gabe ist dabei aber etwas „exotischer“. Als ihn eines Tages Porno-Regisseur Jack Horner (überragend: Burt Reynolds) in einem Nachtclub kellnern sieht, ist dieser sich nämlich sicher: In Eddies Hose wartet etwas darauf, ganz groß rauszukommen. Von familiären Problemen und Zukunftsängsten geplagt, flüchtet sich der auch schon alsbald zu dem Mann, der nicht nur einfache, lieblose Pornos drehen, sondern sich in seinen Künsten unsterblich machen möchte. Und das trifft auch schon bald auf Eddie, ähem, „Dirk Diggler“ zu – dem neuen Stern am Erotik-Himmel. Aber auch der Glanz des hellsten Sterns erstrahlt nicht bis in alle Ewigkeit…

Detailverliebtheit, ein Antrieb nach sehr großen Erzählungen, signifikante Darsteller und das Zulassen von Veränderungen über einen recht langen Zeitraum – „Boogie Nights“ ist ein echter Anderson-Film. Gefühle im Großformat, für all diejenigen, die auch Geschichten  erleben möchten, welche über die übliche Dauer hinausgehen, die nicht Abschalten, wenn eine Figur zur Erkenntnis oder zum inneren Ausbruch kommt. 

Zweieinhalbstunden lässt uns Paul Thomas Anderson an einer kritischen, aber auch liebevollen Hommage teilhaben, die sich mit dem beschäftigt, was sich wohl längst nicht jeder getraut hätte in einem solchen Kinofilm umzusetzen. Die Wiederbelebung der 1970er-Pornoindustrie und die Verdeutlichung des Wandels in den anfänglichen Jahren der 80er verkommt durch sorgfältige Aufnahmen und leidenschaftliche Authentizität zu keinem blassen Licht, im Gegenteil, „Boogie Nights“ durchlebt die von ihm ausgehenden und auf die Leinwand projizierten Phasen noch einmal mit aller Schön- sowie Hässlichkeit – geschaffen für das Kino. Der Zuschauer bekommt Bilder zu sehen, derer er sich vielleicht schon vor Betrachtung bewusst war, die aber dennoch packen und regelrecht die Gefühle aufwühlen. Schonungslos konfrontiert uns das Werk mit den Sünden des Geschäfts, zeigt, wie sich Menschen durch dauerhaften Drogenkonsum an die eigenen physisch wie psychischen Grenzen vorarbeiten und die Überschreitung dieser nicht überstehen. Kein reinrassiges Drama, aber auch keine Satire, eher etwas dazwischen, das ohne Schwierigkeit mit beiden filmischen Elementen jonglieren kann. 

Dabei verliert sich „Boogie Nights“ jedoch auch in keiner einzigen Oberflächlichkeit, sondern blickt hinter die Fassaden eines jeden Einzelnen, ist äußerst vorsichtig mit Meinungsbildung – überlässt sie dem Zuschauer. Einprägend wurde mir vermittelt: Dieses Werk ist soviel mehr als eine bloße Huldigung fürs Geschäft mit den „schmutzigen“ Filmen. Anderson entwirft eine tiefschürende Dramatik des Menschenbildes, des neuen, aber nicht angenommenen Beginns einer Lebensphase, skizziert die Verkettung unseres Lebens mit denen, die uns umgeben und uns die Liebe und Wärme geben, die wir nicht durch eigene Kräfte aufbringen können - das ist kunstvolle Poesie. Und das ist vordergründig auch bemerkenswert und mutig, denn wer ein derartiges, von der Gesellschaft nicht selten verachtendes Bild in eine Erscheinung intensiver, berührender, teilweise humorreicher Dichtung rückt, dem kann man nur beipflichten, dass er diesen Weg fortan weiter erkundet und auf ihm bleibt, da er mit seinen Arbeiten das ausstrahlt, auf was man als Betrachter stolz sein kann: einzigartige Ästhetik.


10 / 10

Autor: Iso

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