Samstag, 8. Oktober 2011

Kritik: "Requiem for a dream"

Jeff Shannon schrieb in seiner Rezension folgendes Fazit zu "Requiem for a dream": "And yet...does any of this have a point? Is Aronofsky telling us anything that any sane person doesn´t already know? "Requiem for a dream" is a noteworthy film, but watching it twice would qualify as masochistic behaviour."
Jung, verliebt und noch ohne größere Sorgen
Den Film ein zweites Mal anzuschauen dürfte also schon den Tatbestand des Masochismus erfüllen, und daran mag durchaus etwas Wahres dran sein. "Requiem for a dream" gehört nicht zu der Kategorie, die man sich freiwillig öfter anschauen möchte als unbedingt nötig. Dafür ist das Seherlebnis schlicht zu intensiv, zu schmerzhaft. Und doch tat ich mir ihn bereits dreimal an, Masochist also? Möchte ich nicht bestreiten, aber ganz einfach auch fasziniert von dieser erzählerischen und formalen Offenbarung, dieser klinischen Perfektion, dem schnörkellosen Ineinandergreifen von Bild und Ton, dem harmonierenden Nebeneinander von Geschichte und audiovisuellem Stil. Handwerkliche Vollkommenheit kombiniert mit narrativer Präzision und Komprimierung.

Kein Szene überflüssig, kein Wort hätte noch gesagt, kein Bild ergänzt werden müssen.
Darstellerisch eine kollektive Galavorstellung an hochkarätigster Schauspielkunst. Ellen Burstyn in ihrem zwanghaften Wunsch, in ihr rotes Kleid zu passen und die sich deshalb auf eine radikale Diät einlässt, um sich am Schluss abgemagert, mit über den weißen Schädel gepannter Haut in der Psychiatrie wiederzufinden, großartig.
Keith David als Big Tim, der sich im wahrsten Sinne des Wortes Mädchen für seine sexuellen Grotesken und Entwürdigungsszenen kauft, ist widerlich, sprich großartig.
Marlon Wayans hatte auch eine Karriere vor "Scary Movie" und zeigt seine Größe als Junkie Tyrone C. Love.
Jennifer Connelly ist wunderbar als Harrys Freundin Marion, kreativ, witzig, eine starke Persönlichkeit, doch auch sie zerbricht am Ende.
Und zu Jared Leto: Er war Angel Face in "Fight Club", Junior in "Panic Room", Vitaly Orlov in "Lord of War", ist jetzt mit seinen knapp vierzig Jahren als Teeniestar und Sänger von "30 Seconds to Mars" erfolgreicher denn je. Doch sein Zenit als Charakterdarsteller hatte er hier, und was das für eine Vorstellung ist: Harry Goldfarb, der seine Mutter notorisch anlügt, ihr erzählt, dass er stolzer Geschäftsmann in einer renommierten Firma ist, ihr verschweigt, dass er wie Tyrone hoffnungslos an der Nadel hängt.
Am Anfang des Filmes wird man aber trotzdem das Gefühl nicht los, dass die Protagonisten ein ganz angenehmes, erfülltes und glückliches Leben führen. Aber nach jedem Hoch kommt bekanntlich ein Tief, sodass sich Harry, Marion, Tyrone und Harry Mom bald in der kalten Realität wiederfinden, verschuldet, von Visionen und Albträumen geplagt, Hoffnungen auf eine bessere Zukunft werden verschwindend gering.
Und ab hier beginnt sich Aronofskys meisterhafte Beobachtungsgabe voll zu entfalten, denn die Botschaft, die er übermittelt, könnte nicht pessimistischer und düsterer sein:
Egal wie sehr du jemanden auch zu lieben glaubst, am Ende zerbricht auch das stärkste und positivste emotionale Band zu jedem, der dir mal etwas bedeutet hat. Fernab von romantischer Verklärung der Liebe als stärkstes Gefühl, das alles und jedem stand hält. Die Liebe überwindet alles? 

"Eben nicht!", scheint Aronofsky hier im Hintergrund mit unsichtbaren Buchstaben in die Luft zu schreiben, die (wie auch immer geartete) Abhängigkeit verbreitet sich wie ein Geschwür und zersetzt alles.
So schmerzlich es auch ist, dass das verliebte Paar Harry und Marion von Anfang im späteren Verlauf auseindergeht, so folgerichtig ist dieser Schritt in der unheilvollen und apokalyptischen Weltanschauung eines Aronofsky.
Die heile Welt bröckelt und zeigt ihre hässliche Seite.
"Requiem for a dream" hört konsequent und entsprechend brutal auf. Eine Orgie aus Schnitten, Ortwechseln, grellem Licht, Spottrufen und Demütigung. 
Hier möchte ich noch einmal auf das Zitat von Shannon zurückgreifen: Natürlich weiß der normale Durchschnittsbürger, dass Drogen schlecht sind, um es ganz banal auszudrücken. Aber Aronofsky spielt hier nicht den überlegenen Moralapostel und selbstgefälligen Pädagogen, sondern zeigt auf nüchterne und deswegen so markerschütternde Art, was Drogen bewirken können: Zerstörung und Tod. Das hat Danny Boyle in "Trainspotting" auf tragikkomische Weise gezeigt, Terry Gilliam hat in "Fear and Loathing in Las Vegas" den Drogenkonsum thematisiert, aber die Härte und Ehrlichkeit von "Requiem for a dream" erreichen beide nicht.
Menschen, die wie Du und Ich sein könnten, sind durch ihre Sucht zu gescheiterten Existenzen verdammt und das ist verdammt traurig. Meisterhaft


  10 / 10

Autor: seven

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