Samstag, 17. September 2011

Kritik: "Pusher II"


"More Sex, More Drugs, More Rock ´n´ Roll!" - Hart. Heftig. Hässlich. Erneut taucht Regisseur Refn in die schmutzige Unterwelt Dänemarks ein, lässt uns teil haben an dem Abschaum der Gesellschaft. Diesmal wird Tonny, früherer Kumpel von Frank, zur Hauptfigur gekrönt. Nach abgesessener Knastzeit beginnt er für seinen Vater zu arbeiten, seines Zeichens bekannt als "Der Schmied". Anfängliche Vorsätze, clean zu bleiben und illegale Aktivitäten zu unterlassen, werden bald auf die erste Probe gestellt. Zudem muss er sich in seiner neuen Rolle als Vater zurecht finden. Eine Bürde, die Tonny in seinem labilen Zustand als Verschleißer von bewusstseinserweiternden Substanzen, Pornos und Prostituierten kaum tragen kann.
Noch stärker als im Vorgänger steht hier der Hauptcharakter im Mittelpunkt: Tonny. Worte zu finden erscheint fast unmöglich, außer vielleicht: Selten so was Krasses gesehen! In Mads Mikkelsens stumpfsinnigen Blick spiegelt sich seine sinnlose Existenz wieder. Die Monotonie seiner Bewegungen, die trüben Augen, ein Junkie ohne Perspektiven. Chancenlos, gefangen in seinem Image, das er ausstrahlt. "Repect" ist auf seinem kahl rasiertem Hinterkopf tätowiert. Respekt ist das, was ihm niemand zollt. Respekt ist der unerfüllte Traum, den er sich wünscht, der aber dem widerspricht, was er in der Realität von seinen Mitmenschen erfährt. Für seinen Vater ist und bleibt er ein debiler Schwachkopf, der nichts auf die Reihe bekommt. Loser, für nichts nütze, Trottel. Dafür halten ihn alle und so nennen sie ihn. Im Grunde ist er das auch. 

Und doch - und das ist ungeheurlich stark gespielt: Hinter dem verschleiertem Blick, hinter dem dümmlichen Grinsen, hinter den Prolosprüchen erkennt der Zuschauer etwas : Eine verletzte Seele. Das wahre Gesicht, das hinter der zugekoksten Fassade steckt, ist nämlich durchaus im Stande, zu fühlen. Und was Tonny fühlt, ist Schmerz und Furcht. Furcht davor, seinen Vater -der ihn nicht als Sohn betrachtet, sondern lieber seinem anderen Sprössling Aufmerksamkeit schenkt- erneut zu enttäuschen. Schmerz darüber, dass er von den Anderen wie Dreck behandelt wird.
Das ist so unaufdringlich und glaubwürdig gespielt, dass es weh tut. Mikkelsen elektrisiert, schafft das Unmögliche: Nämlich mich mit einem Asozialen mitfühlen zu lassen. Wow! Großes Schauspiel.

Neben der faszinierenden One-Man-Show ist es die Inszenierung, die punktgenau und ohne überflüssiges Beiwerk zum Einsatz kommt und an der Gurgel packt. Erneut sind zum Großteil Laiendarsteller gecastet, die perfekt passen. In dem kurzen Ausschnitt des Underground-Lebens sieht man zum Scheitern verurteilte Deals, trifft alte Bekannte wieder, muss einer jungen Braut zusehen, wie sie sich im blütenweißen Kleid mit ihren Freundinnen bei ihrer eigenen Hochzeit eine Line nach der anderen reinzieht. Ein wilder Cocktail aus Sex, Gewalt und Drogen. War Teil 1 noch als Thriller anzusehen, so geht "Respect" mehr in Richtung Psychodrama. Das ist erschütternd realistisches Dokumentieren von Aussetzigen. Die Musik ist absolut konvergent zum Look des Filmes, pochend, laut, dreckig

Wer hier donnerndes Actionkino erwartet, wird sicher enttäuscht werden. "Pusher II" ist keine hirnlose Prügelorgie der Marke Van Damme oder Lundgren, sondern wie schon das Original: Knochenharte, authentische Milieustudie und noch mehr: Das Psychogramm eines Mannes, der allen Erwartungen zum trotz am Ende lernt oder zumindest versucht, Verantwortung zu übernehmen

Was Refn letztlich auszeichnet: Er filmt den Alltag, der abstoßend und vulgär ist. Aber: Er verurteilt die Protagonisten nicht, obwohl die Tendenz nahe liegend wäre. Für den Regisseur sind die Akteure Opfer ihres sozialen Umfeldes, ihrer Erziehung. Grandioses, mutiges Independentkino!



 8,5 / 10 

Autor: seven

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