Montag, 13. Februar 2012

Kritik: "Harry Brown"




Fassungslos saß ich in den Sitz gepresst, als „Harry Brown“ seine erbarmungslos-schmerzlichen Zustände in farbarmen, betrübten Ablichtungen auffuhr, welche von nichts als Panik und blinder Wut ihren Antrieb erfuhren. Danach ein schwarzes Bild, das mich wissen ließ, mit welchen Begebenheiten eine Konfrontation in „Harry Brown“ unausweichlich werden würde: Perspektivlosigkeit und die damit bedingte Angst ein vergeudendes Leben zu leben.

Darauffolgend lichtet sich die Dunkelheit wieder, die Farben werden heller, aber keinesfalls hoffnungsvoller. Der Blick des titelgebenden Mannes Harry (Michael Caine), in dessen Wohnung wir uns wiederfinden, geht ins Leere, er ist abseits der momentanen Situation, während durch die schlecht isolierte, bröckelnde Hauswand gehässiges Gelächter jugendlicher Banden zu vernehmen ist. Als der Rentner seine von ihm gepflegten, ordentlich gehaltenen vier Wände verlässt, findet er sich in dem wieder, was für ihn zum Alltäglichen geworden ist, für den abgesonderten Zuschauer aber eine unvorstellbare Art des Lebens ist…

Harry Brown ist ein Sympathieträger, dessen Leid uns nicht gleichgültig sein soll. Wir sollen durch die Ausstrahlung des von ihm ausgehenden Schmerzes selbiges erfahren. Ohne Zweifel: Unbequem und abrechnend ist „Harry Brown“, aber die emotionale Durchdringung in die Gefühlswelten derer, welche ihm durch die soziale Ausweglosigkeit folgen, bleibt unerreicht. Auch wenn man Michael Caine für seine eindrucksvolle Darbietung eines in sich zerfallenen Menschen nur lobpreisen kann, fehlt es an brauchbaren Identifikationen. Die Zeichnung seiner Person ist zwar tragisch-depressiv, jedoch nicht tiefsinnig oder aufwendig. Stattdessen ist es der Zufluss alles vorstellbar Schlechten, welcher auf Harry und seine ihn Liebenden einwirkt. Ein Tiefschlag folgt dem nächsten, niemand tritt für ihn ein, weil ihm nichts mehr geblieben ist. Sein Leben ist verwüstet. Er ist klinisch am Leben, seelisch aber tot. 

Der Griff zur Pistole, zur Rache derer, die ihn genommen wurden, ist ein Schritt, der aus vielen einzelnen besteht. „Harry Brown“ beleuchtet einige Situationen, wirkt aber dennoch befremdlich, wenn der Rächer seinen gnadenlosen Zug durch die Jugendkriminalität und ihrer gewaltvollen Anhänger vollzieht. Harrys gesamte nachdenkliche Stille entlädt sich in dem, was er selbst tagtäglich sieht, von was er sich aber befreien „muss“, um sich den inneren Frieden mit seinem Gewissen zu verschaffen.
 Sowohl Harry als auch diejenigen, von denen die Erstgewalt ausging, waren mir (fortan an) Unbekannte, von denen ich nichts mehr wissen wollte. Weil was als einfühlsames, vielversprechendes Drama begann, verlor sich schließlich fortwährend in Akten der Selbstjustiz, deren Gründe mir unvollständig blieben und deren findendes Ende enttäuschend uneinsichtig mit sich selbst und der Person des Harry Brown war.


6 / 10 

Autor: Iso

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