Freitag, 4. September 2015

Die Illusion vom Paradies - Klassiker der Extraklasse: La Habanera (1937)



Douglas Sirks zweiter Film mit Zarah Leander war zugleich sein letzter Film, den er in Deutschland drehte und unter seinen Namen Detlef Sierck, bevor er exilierte. Sein Film spielt auf der Insel Puerto Rico und im Mittelpunkt steht eine Frau, Astrée, deren Rolle Leander auf den Leib geschrieben wurde, die zunächst fasziniert ist von diesem Stück Land und seiner Kultur, dem spanischen Feuer der Tänzer und Lieder. Dort fühlt sie sich wohl und will nie wieder weg von diesem Ort. Sie denkt, dass sie ihr Paradies dort gefunden habe. Ihre pingelige Mutter dagegen lehnt diesen Ort schlichtweg ab, da sie das alles nicht mehr sehen und hören kann, sie bevorzugt lieber die Riviera, wo es Hotels mit fließendem Wasser gäbe, während es hier nur Wilde gäbe und sie sei froh, dass am nächsten Tag schon der Dampfer heimwärts nach Schweden ginge. Eine gute Dosis Humor bringt diese Figur anfangs in Sirks Film durch ihr aufgeregtes Missfallen, welchen sie gegenüber der Insel ausdrückt. Doch Astrée begegnet in der Stierkampfarena dem reichen und galanten Don Pedro (Ferdinand Marian), einem Mann, der auf ihren Wunsch hin einem anderen verunglückten Stierkämpfer zu helfen selbst in den Ring zum Stier steigt. Sie verliebt sich und er wirbt um sie. Astrée wird also bleiben und ihn heiraten.



Es ist beachtlich, wie fokussiert und stringent Sirk bei der Herausarbeitung des Kernproblems dabei vorgeht. Er schafft es selbst in kürzester Zeit das treffend einem zu veranschaulichen. 10 Jahre sind vergangen. Astrée und Don Pedro haben einen Sohn bekommen, Mutter und Vater kämpfen gegeneinander, um ihren Sohn. Sie haben sich entzweit. Er ist eifersüchtig und wütend. Ihr sind das Land und ihr Mann fremd geblieben, ihre Hoffnungen wurden enttäuscht, sodass sie erkennen musste, dass es eine Illusion ist, dass das Paradies nun vielmehr einer Hölle gleicht. Sie offenbart ihre Gefühle, ihr Unglück und ihr Leid, sodass die Sympathien auch ihr gegenüber liegen. Das, was sie noch fröhlich zu stimmen scheint, das ist der Umgang mit ihren Sohn, dem sie auch Lieder vorsingt. Gerade das schildert Sirk sensibel und zeigt zwischen Mutter und dem jungen Sohn ein harmonisches Zusammenspiel.  Später lässt er übrigens Leander auch nochmal die titelgebene »Habanera« eindrucksvoll singen. Aber auch für Don Pedro hegt Sirk ein gewisses Mitleid, welches in manchen Szenen durchstrahlt, er ist ein Mann, der sich beweisen muss, der sie nicht gehen lassen will, weil er sie immer noch liebt und er wahrscheinlich hofft, sie würde es ebenfalls tun, es zeichnet sich auch bei ihm eine gewisse Verzweiflung und Unsicherheit ab. Er ist Mann, der auch Reue zeigen kann bei all seiner Dominanz, die er versucht auszustrahlen.



Es ist famos, wie präzise Sirk seine Charaktere hier durch Feinheiten abzeichnet und ihren Figuren auch eine gewisse menschliche Tragik gibt. Die Schwarzweißbilder sind expressiv und lassen immer wieder Feinheiten bei der Darstellung von Licht und Schatten aufblitzen. Es kommen zwei Ärzte, ein Brasilianer und ein Schwede namens Sven, welcher Astrée aus vergangen Tagen kennt, in denen er ihn sie verliebt war, um auf der Insel das so genannte Puerto-Rico-Fieber zu untersuchen, welches von den dortigen Behörden und Ärzten geleugnet wird, die meinen, dass es kein Fieber gebe auf Befehl Don Pedros, dem Herrscher der Insel. Sie wissen, dass es dem Handel erheblich schaden würde. Doch das gefährliche Fieber verbreitet sich, was dem Ganzen wohl Brisanz geben soll, aber ebenso die eigentliche Geschichte für eine gewisse Zeit in den Hintergrund treibt, wenn man bedenkt, dass die Integration des Fiebers letztlich nur ein Mittel zum Zweck ist, wenn auch dabei ein durchaus cleverer Einfall. Sirk entwickelt langsam eine Dreiecksgeschichte, die nur kurz wirklich als solche bezeichnet werden kann, wenn Astrée bei ihrem Freund Halt sucht, was Don Pedro nicht akzeptieren kann. Die Auflösung des Konflikts lässt sich dann in gewisser Weise als Ironie des Schicksals lesen, wenn man so will, auch wenn das Ganze dann doch etwas schal daherkommt. Dennoch bleibt »La Habanera« insgesamt ein schönes frühes und wohlklingendes Melodram von Sirk.


7.0 / 10


Autor: Hoffman 

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