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Sonntag, 8. Januar 2012

Kritik: Todesstille




Das Meer, welches die Stille über sich treiben lässt, sie ist spürbar. Der Wind weht, doch es herrscht Stille...endlose Stille...nur die sanften Wellen des Meeres scheinen hörbar zu sein. Abgeschieden von der Außenwelt. Einsam auf hoher See. Doch die Stille wird gebrochen...ein Fremder ist gekommen...es herrscht Todesstille. So auch der Titel von Philipp Noyce´s Psycho-Thriller aus dem Jahre 1989, nach dem Roman "Tödliche Flaute" von Charles F. Williams. So könnte man wohl gerade diesen Film als Durchbruch für die australische Schauspielerin und heutigem Hollywood-Star Nicole Kidman sehen, für sie bedeutete es den Anfang einer Karriere, ich würde nicht übertreiben, wenn ich hierbei sagen würde, einer anfangs vielversprechenden Karriere.



Noyce braucht nicht viel. Es reicht die scheinbar endlose See um eine kleine Reise ins Grauen anzuzetteln. Die Story an sich nicht wirklich das Wahre, relativ dünn gehalten und teilweise auch schon altbekannt, durchaus mit interessanten Ideen der Erzählstruktur verziert, zwar dabei nicht durchweg plausibel, aber mit spannender Figurenkonstellation, stets der Wechsel zwischen Täter-und Opfer-Stellung, denn wer dominiert? In diesem Psychospiel? Was letztendlich einen Schuss Faszination für mich darstellte war auch natürlich die Ausgangssituation die Abgeschiedenheit, die Angst der Protagonisten, alles gutausgearbeitet. Mit Wahlspruch ala
»Auf der hohen See hört dich niemand schreien«, kann man nur mögen, wenn es nicht so haarsträubend wäre, trotzdem die Handlung weiß irgendwie zu gefallen: Nach dem Tod ihres Sohnes brauchen John und Rea Ingram eine Auszeit. Wieso nicht auf dem hohen Meer? Die Einsamkeit suchen, entspannen und versuchen es zu verarbeiten. Doch in dieser scheinbar kaputten, aber doch heilen Welt kommt etwas, jemand fremdes. Ein Schiffbrüchiger (Hughie), der behauptet seine Kameraden seien an Lebensmittelvergiftung gestorben. Kann man ihn vertrauen? John will das Schiff von Hughie überprüfen und macht eine schreckliche Entdeckung. Seine Frau allein mit dem Fremden, welcher sich als irrer und brutaler Killer entpuppt...das Psychoduell beginnt.

 Der Cast angefüllt mit einer doch für heutige Verhältnisse berühmten Gesichtern, teilweise dabei aus Australien oder nahe gelegenen Orten, wo der Streifen auch bekanntlich gedreht wurde, schöne See haben die da, aber nun zurück zur Besetzung. Wie schon erwähnt bildete "Todesstille" den Durchbruch für Nicole Kidman und ihre Rolle der Rae Ingram war wohl bis dato auch ihre wohl größte bzw. wichtigste Rolle. Und schon hier überzeugt Kidman (übrigens mit ungewohnten Hairstyle für heutige Sehgewohnheiten), auch wenn  ihre Rolle etwas einfältig angelegt wurde, sie spielt mit ganzer Kraft, vermittelt die Furcht ihres Charakters sehr gut und verleiht durchaus Tiefe dabei. Als Ehemann mit meinem Liebingsneuseeländer besetzt, auf die Filmfabrik bezogen (Gerücht), Sam Neill, ich mag den einfach und so kann Neill bei mir natürlich auch hier reichlich an Sympathien einstecken, auch von ihm kraftvoll verkörpert die Rolle des John Ingram, der seine Frau liebt und schließlich alles versucht um sie aus den Fängen des Irren zu befreien, dabei aber selber aber einige Hindernisse und Gefahren überwinden muss, doch er gibt nicht auf, er ist verzweifelt, aber dennoch entschlossen, gekonnt von Neill rübergebracht. Zudem scheint auch Billy Zane die richtige Rolle gefunden zu haben, stets irgendwie unterschätzt, zeigt Zane was in ihm steckt und das ist weit mehr als exzellentes Schauspiel, glaubwürdig, wenn auch etwas abgehoben mimt er den Part des Fremden. Des Psychopathen, der unberechenbar scheint, mit einer Lust und diabolischen Freunde ist Zane förmlich dabei.



Hinzu kommt noch eine tolle Regie seitens Noyce, sicherlich nicht ohne Ungereimtheiten, so zunächst sehr traditionell gestaltet, aber im besten Sinne des nervenzerrenden Spannungskino, wie gesagt wechselt die Stellungen zwischen den einzelnen Charakteren, wer dominiert. Wer scheint bedroht, dies bezieht sich hierbei besonders auf das Duell zwischen Rae und dem Fremden Hughie, welche zunächst die Oberhand zu scheinen hat, doch der Killer spielt mit ihr, täuscht sie. Oder täuscht sie ihn. Verliebt sie sich sogar in ihn? Oder nur Schein zur Rettung. Noyce ändert stets die Führungspositionen im Psychoduell. Grundlegend setzt er wie erwähnt auf zwei verschiedene Handlungsstränge von dem verzweifelten John, der um sein Überleben kämpft und das Duell zwischen Rae und dem Killer. Und so erzeugt er über die ganze Laufzeit eine besondere Form von Spannung, die meinerseits über die ganze Laufzeit existierte. Denn seine Spannung gewinnt der Film einerseits durch seine grandiosen Akteure, andererseits durch seinen erstklassigen Schauplatz: Das endlose, stille Meer. Doch das Unheil ist spürbar. Im kleinsten Raum agieren die Figuren. Es bleibt zunächst ein Katz-und Mausspiel, ein Kammerspiel, das alles nun intensiv beleuchtet. Dazu noch eine gute Kameraarbeit, die eine förmlich lähmende und zugleich aufgeladene Atmosphäre präsentiert, sodass der Nervenkitzel so geradezu spürbar ist. Mit klaustrophobischer Intensität und den schicken Bildern des Ozeans angereichert.


Übrigens wäre Noyce nicht der Erste gewesen, welcher sich an den Stoff wagte, auch Orson Welles versuchte einst diese Idee zu verfilmen, scheiterte aber leider daran dass er nicht genug finanzielle Mittel aufbringen konnte, eigentlich schade, wäre durchaus interessant geworden. Ein Problem möchte ich dennoch noch erwähnen: Die Figuren an sich. Denn diese scheinen eher simpel gezeichnet, ohne große Merkmale, ohne wirkliche Hintergründe, nach einen typischen Muster. Das wird aber noch ausgeglichen durch das tolle Spiel der Darsteller, welche diesen so noch halbwegs erfüllen und ihren Charakteren Tiefe verleihen.


So bleibt mir dann nur noch zu sagen, dass "Todesstille" letztendlich doch ein gelungener und effektiver Nervenzerrer ist, mit kleinen Schwächen meiner Meinung nach, getragen von seinen großartigen Darstellern und gekonnt inszeniert und mit hervorragendem Schauplatz. So gesagt ein fein ausgefeilter Alptraum der Extraklasse und ich wiederhole: »Auf der hohen See hört dich niemand schreien.«


                                                    
7,5 / 10

Autor: Hoffman

Samstag, 26. November 2011

Kritik: Eyes Wide Shut




Ein letztes Mal Kubrick. Ein letztes Mal nahezu filmische Perfektion beobachten, ein letztes Mal dem Meister huldigen. Ein letztes Mal Stanley Kubrick. Noch einmal den Mann erleben, der mich mit seinen Werken von Anfang an meiner Leidenschaft für das Medium Film begeisterte, der Mann, den ich wohl als meinen ersten Lieblingsregisseur betitelt hätte. Und nun begeistert in sich aufgenommen, sein (leider) letztes Werk "Eyes Wide Shut" aus dem Jahre 1999 nach Arthur Schnitzlers "Traumnovelle". Dieser Film vielleicht einer der zwiespältig aufgenommensten Werke Kubricks.

Von Kubrick interessant gehandhabt, die Handlung von Schnitzlers "Traumnovelle" in die Gegenwart verlegt bzw. in die späten 90er Jahre, eine Geschichte um menschliche Lüste bzw. Gelüste, deren Abgründe, die sich immer tiefer und tiefer in den Menschen widerspiegeln lassen, eine Reise in unheimliche Welten und Orte, eine Reise in das Verschlossene, in die tiefe der Nacht, gefüllt mit menschlichen Probleme, Ehekrisen, die absolute Darlegung der Gefühle, hart wie eine Selbstzerfleischung: Für den Arzt Bill Harford bricht seine ganze Welt zusammen, als ihm seine Frau, unter Drogeneinfluss, gesteht, dass sie ihn mit sexuelle Phantasien betrügt. Er am Boden zerstört, seine Ego so gut wie nicht mehr existent, gepeinigt und innerlich niedergeschlagen flieht er in die kalte Nacht, hinein in eine andere Welt, in die Welt der Verlockung, der Gelüste, der wilden Orgien. Eine Reise in eine ihm unbekannte und verbotene Welt...

Dazu engagierte Kubrick gleich ein passendes Ehepaar für die Rollen, denn wer könnte sonst ein intimeres Verhältnis aufbauen als dieses? Wer könnte so liebevolle, so zärtlich zueinander sein und besonders wer könnte diese Intimität besser wiedergeben? Schwer zu beantworten all diese Fragen, das sicherlich, meine Antwort darauf so gut wie niemand. So hielt er Ausschau nach einem schauspielerischen Ehepaar, zunächst noch im Gespräch Alec Baldwin und Kim Basinger, letztendlich aber das Gespann Tom Cruise und Nicole Kidman als William bzw. Bill und Alice. Cruise zeigt erneut sein grandioses Spiel und weiß in der Rolle des "Suchenden" und "Reisenden (auf die Nacht bezogen) zu glänzen, glaubwürdig bringt er die Facetten seiner Rolle rüber und so auch seine Hilflosigkeit in dieser Nacht, wie er immer tiefer in den Garten des Verbotenen eintaucht, gepeinigt und erfüllt von Angst. Und auch Kidman kann als Ehefrau in der Hinsicht überzeugen, durch ihre intensive Darlegung ihres Charakters. Besonders hervorzuheben seien dabei die gemeinsamen Szenen, die wie gesagt, an Intensität und Glaubwürdigkeit meiner Meinung nach kaum zu toppen sind, eine perfekte Chemie bzw. ein perfektes Zusammenspiel des Paares. In Nebenrollen wissen aber mindestens genauso gut zu glänzen einmal Syndey Pollack (überraschend einprägend seine Leistung) oder auch Sky du Mont. So gesagt als kleine, feine Verzierung des Werkes.

Und ja auch Kubrick zeigt sich Bestform, jedenfalls meiner Meinung nach, immerhin arbeitete bzw.beschäftigte er sich geschätzte 30 Jahre mit seinem Traum der Umsetzung von Schnitzlers "Traumnovelle", dabei dauerte der Dreh auch ungefähr 17-18 Monate. Alles für die vollkommene Perfektion, seinerseits.  Kubrick eckt wieder auf hohem Niveau an, spielt mit den menschlichen Ängsten seiner Protagonisten, ein faszinierendes Unterfangen, enthüllt uns so fast eine fremde, unbekannte "Welt" (Lieblingswort hierbei), voller sexueller Ausschweifungen und Anonymität. Hierbei vereint er geschickt wie auch gekonnt verschiedene Elemente des Surrealismus, so verwischen schnell die Grenzen von Traum bzw. Albtraum, Realität und Wirklichkeit und purer Vorstellung. Wie ein einziger Moment, besteht die Bedrohung, doch welche Bedrohung? Was Kubrick hier wieder beginnt ist eine lange Odyssee der Extraklasse, für mich über die vollständige Laufzeit packend wie auch faszinierend.
Perfekt eingefangen wird diese so genannte "Odyssee" von einer geradezu famos geführten Kamera, durchaus kühl beleuchtet, aber von ihrer Ausstrahlung her absolut berauschend wie auch betörend, die Bilder an sich fantastisch gefilmt, mit einem leicht unheilvollen und düsteren Touch, für mich nahezu perfekt, wieder einmal. Hier stechen für mich die Orgien-Sequenzen hervor, die nochmal besonders deutlich die Stärke des Surrealismus im Film zeigen und auf mich eine unglaubliche Fesselungen bzw. Faszination ausübten. Prachtvoll, prächtig, einfach großartig. Und sogar fast schon atemberaubend und natürlich ausgestattet mit einer brillanten und intensiven/unheimlichen/mysteriösen/ beklemmenden und somit auch verstörenden Atmosphäre, vermittelt durch eine erotisch und irgendwie beunruhigende bzw. gleichzeitig auch ruhigen Grundstimmung, zusätzlich mit kleinen Kameratricks angereichert, zur Darstellung der eigenen Orientierungslosigkeit der Protagonisten wie auch so versucht auf den Zuschauer zu übertragen, bei mir funktionierte dieses Prinzip in jedem Fall.

Des weiteren beherbergt das Werk auch noch fein gemachte Figuren, die hier interessant beleuchtet werden, von abgründig bis faszinierend (mitunter könnte man auf das Wort den ganzen Film projizieren), alles dabei. Dennoch insofern bleiben doch die Hintergründe der verschiedenen Nebencharaktere im Dunkeln, sodass man seine eigenen Schlüsse ziehen muss, über ihr Verhalten und ihre wahre Gestalt, hinter ihren "Masken". Dabei wird natürlich auf das Eheleben von William und Alice eingegangen, die zunächst nicht den Mut aufbringen können, dem Gegenüber, alles zu enthüllen. Präzise wird die Psychologie analysiert, wie gesagt interessant gehandhabt und spannend wie auch tragisch zu beobachten ihre innere Seelenqual. Ein Geheimnis, das die Wahrheit zeigt.
Zudem möchte ich auch nochmal in aller Deutlichkeit (wie sich das anhört) die hervorragende musikalische Untermalung loben, passend und mysteriös bzw. seltsam-faszinierend eingesetzt und an sich für mich (tolle Wortwahl meinerseits) absolut perfekt zu den Geschehnissen. Einfach famos.

Letztendlich möchte ich dann nur sagen, dass "Eyes Wide Shut" für einige vielleicht einer der schwächsten Kubrick sein kann, eine müde "Altmännerphantasie", von mir aus. Ich halte ihn hingegen für ein würdiges, letztes Werk von Kubrick, für mich von seiner Machart her absolut berauschend und genial, somit auch ein irgendwie herausragender Abschied vom großen Kubrick. Und ich danke ihm für seine großen Filme.



9 / 10

Autor: Hoffman