Samstag, 9. Februar 2013

Bis dass der Tod euch scheidet - Kritik: Liebe (2012)





Ich und Michael Haneke werden in diesem Leben wohl keine ABFs mehr. Dennoch muss ich sagen: AMOUR ist kein schlechter Film. Es ist sogar bislang Hanekes bester Film.
In Cannes nicht unberechtigt mit der Goldenen Palme belohnt und gleich mehrfach für den Academy Award nominiert, scheint der Österreicher im Populärbewusstsein angelangt zu sein.
Das Sterbedrama, mit zwei Urgrößen des französischen Kinos in den Hauptrollen besetzt, nämlich Jean-Louis Trintignant (UN HOMME ET UNE FEMME) und Emmanuelle Riva (HIROSHIMA MON AMOUR) ist erwartungsgemäß unfassbar gut gespielt. Nach langjähriger Ehe zeigen sich bei der Klavierlehrerin Anne katatonische Züge. Sich der Schwere dieses Symptoms anfangs nicht bewusst, verschafft die ärztliche Diagnose schon bald Klarheit: Sie hat eine verengte Halsschlagader, woraufhin sich ihr Gesundheitszustand zusehends verschlechtert. Doch ihr Gatte Georges besteht darauf, sich um sie kümmern zu können, bis zum unaufhaltsamen Ende. Während der Plot somit überschaubar ausfällt und lediglich eine einstellige Zahl von namentlichen Figuren über die Laufzeit die Wohnung des Paares aufsuchen, was kammerspielartige Züge offenbart, so wird nicht vor einer Vorausblende zurückgeschreckt (doch dazu später mehr). Zugleich ist die Inszenierung, wie man es vom Regisseur kennt, betont nüchtern gehalten, was sowohl deplatzierte Rührseligkeit präventiert, als leider auch wenig Emotionalität zulässt und einen tieferen Zugang meinerseits verhindert. Musikuntermalung fehlt ebenso, wie die langen Einstellungen dominieren, die Ruhe, der Fokus. Eine Art Markenzeichen.





Zwiespältig empfinde ich hingegen den gewohnt oberlehrerhaften Gestus, wenn er auch nicht so penetrant und plakativ ausfällt, wie in FUNNY GAMES, der bürgerlichen Kleingeistigkeit in Filmform oder auch grobschlächtigen Medienschelte. Es ist eine Möglichkeit, das Lebensende miteinander zu verbringen, doch - so bitter es auch klingen mag - keine Vorschrift. Manche Senioren sind von ihrer physischen/psychischen Verfassung gar nicht erst fähig, für den anderen zu sorgen. Und was ist mit all denen, die niemanden mehr an ihrer Seite haben? Eine Alternative wird überhaupt nicht deutlich. Nun, legen wir ein Augenmerk auf das Ende, welches (ACHTUNG! GEWALTIGER SPOLIER!) sich von Beginn an abzeichnend, der Euthanasielösung folgt. Dieser Akt erscheint mir im Bezug auf meine vorigen Kritikpunkte besonders unangebracht. Andere Filme mit ähnlichen Konklusionen sind mir da deutlich weniger unangenehm aufgefallen, allerdings macht vielleicht gerade diese ambivalente Nachwirkung AMOUR aus. Ein schwieriger Film eben. »Things will go on, and then one day it will all be over.«



                                                                  5 / 10


Autor: DeDavid

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