Mittwoch, 24. Juli 2013

Truffaut Retrospektive #5 - Klassiker der Extraklasse: Die amerikanische Nacht (1972/73)



»Einen Film drehen, das ist wie eine Kutschenfahrt durch den Wilden Westen. Zu Beginn hofft man auf eine schöne Reise und sehr bald fragt man sich dann nur noch, ob man wohl am Ziel ankommen wird.« - Das ist er nun: Truffauts Film über den Film und das Kino. Truffaut gewährt einen Blick hinter die Kulissen des Kinos, also Kino im Herstellungsprozess und Kino beim (er)schaffen. Kann es also etwas schöneres geben, als wenn Truffaut ein Einblick in seine Welt spendiert? Im Moment würde ich eine Weile zögern, bis ich diese Frage beantworten würde, denn es ist ein Vergnügen dabei zu zusehen, aber das nur am Rande. Da verzückt Truffauts leichtfüßige Inszenierung, während er gewitzt und mitfühlend auf die Menschen dahinter blickt, ob Darsteller, Drehbuchschreiberinnen und Kameramänner und natürlich berichtet, spielt und reflektiert sich Regisseur Truffaut dabei auch selbst und seine Kollegen (u.a. Bunuel oder Renoir). Alles komplettiert in dem Charakter des Regisseurs Ferrand, den man sogar fast als Collage verschiedener Filmregisseure und ihrer Merkmale bezeichnen könnte. So vermittelt und spricht Truffaut (aus dem Offkommentar heraus) aber auch seine Erkenntnisse, Weisheiten, Theorien und Philosophien über das Kino, so wie das Filmedrehen als Abenteuer, aus. Da dürfen gerne auch Fragen über das Kino selbst aufkommen, wie die Frage nach dem Titel des Films (»La Nuit américaine«), den Truffaut hier natürlich noch fachgerecht erklären lässt als Nachtszene, die am hellen Tag gedreht wird mit einem speziellen Kamerafilter. Selbstredend geht es auch in diesem Truffautfilm um die Liebe, es ist eine andere als sonst, nämlich die strahlende Liebe zum Kino, das hier also als eine Hommage an das große Cinema!





Truffaut spielt förmlich mit diesem Film im Filmmotiv und mit der Filmtheorie der Nouvelle Vague. Der gesamte Film baut auf diesem Konflikt von Realität (die ja auch selbst Fiktion ist!) und der Erschaffung von Fiktion (= Kino) auf. Truffaut lässt die filmische Realität also immer weiter in diese Fiktion überlaufen, von Zwischenfällen, Unterbrechungen und Schwierigkeiten beim Dreh, von den Schauspielern, mit melodramatischen Trennungen, Beziehungsproblemen und den theatralischen Diven, die Trost suchen. Und das wache Auge des Regisseurs entdeckt und findet währenddessen Details (= Requisiten), durch die ungesetzliche Entwendung von Vasen, für den eigenen Film. Der Stress ist vorprogrammiert. Da muss gewiss auch vom Kino geträumt werden! Ein Traum, den Truffaut im Verlaufe seines Films erst auflösen lässt. Und dann diese unzähligen Zitate, die Truffaut auf diesem Ritt durchs Kino verteilt, vom lieben Federico, der stets bei Textproblemen die Akteure Zahlen sprechen ließ, hinüber zu Büchern von Bresson, Godard, Hawks, Rossellini, Bergman und wer darf da nicht fehlen? Hitchcock! Und weiteren Verweisen auf jene Herren, von Bressons Stars zu den Alfa Romeos eines Godards (aus dessen Hommage ans Kino: Le Mépris), bis man Auge um Auge in die Kamera blickt. Auch hier ist es interessant, dass Truffaut eine Einstellung für den Film in der Produktion zu einer direkten Einstellung in seinem Film wird, es bedeutet eine Kreuzung von diesem beiden Standpunkten, die zu einem werden: Der Film, der im Film zum Film wird. Ha! Ein Spiel mit dem Kino und mit der Wahrheit!



Einen Film zu drehen ist halt doch manchmal eine verrückte Angelegenheit, da müssen private Probleme weichen, wenn das Kino regiert! Und dieses Gefühl von Kino, diese spürbare Freude und Lust, vermittelt Delerue dazu mit sinfonischen und triumphalen Klängen. Ich kann mich eigentlich nur wiederholen, denn wie Truffaut diesen Herstellungsprozess erzählt, das ist elegant, locker und lebendig, mit pointierten Dialogen verziert, welche Truffauts ungezwungenen Humor unterstreichen, manchmal ist das dann auch melancholisch oder eben beides auf einmal, wenn Truffaut ein weiteres Mal auf  die Liebe, den Kuss, die Beine und Magie der Frauen anspielt, natürlich spricht da auch noch kurz über das Urteil und die Beurteilung von Künstlern, ganz selbstreflexiv also. So kann »La Nuit américaine« zugleich aber auch als ein inoffizieller Teil des Doinelzyklus gelten, auch daran zu erkennen, weil Truffaut einige Szenen aus diesem Film hier in den Abschluss der Reihe (»Liebe auf der Flucht« ) montierte. Leaud spielt hierbei einen Mix aus Doinel und ich glaube es war Oskar Werner, welchen Truffaut mit diesem Charakter reflektieren wollte. Besonders die Parallelen zu seinem Doinelcharakter sind kaum zu übersehen, wie er hatte Alphonse (P.S: So heißt übrigens Antoines Sohn) eine schwere Kindheit hinter sich und scheint selbst noch nicht wirklich erwachsen geworden zu sein, er ist ein eifersüchtiger Liebhaber, hat ein launisches Gemüt und ist eben ein echter Kinofan. Das Kino wird also zur eigenen Realität. Kino imitiert das Leben! Oder imitiert das Leben hier das Kino mit all seinen dramatischen Verstrickungen? Was ist das doch für ein spannender Konflikt! Überrascht bin ich da nebenbei auch über Truffauts Selbstkritik über den Einfluss der Nouvelle Vague, über das Kino, das nur noch auf der Straße gedreht wird und nicht mehr in Studios. Produktionen, die es also bald nicht mehr geben wird. Truffaut spricht sich in diesem Fall gegen das Sinken der Vielfältigkeit des Kinos aus. Wie soll es also weitergehen mit dem Kino, wie wird es mit mit seinem Kino weitergehen, überlegt Truffaut. Zuletzt findet das Kino aber immer seine Wege zum Ziel. Das Kino lebt weiter, möge kommen, was da wolle! Also bitte genießen, lieber Zuschauer - scheint Truffaut in die Kamera zu sagen. Denn was man hier erlebt, das ist pure Cinephilie.



9.0 / 10

Autor: Hoffman 

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