Freitag, 19. Mai 2017

Zusammenfinden in der exotischen Ferne - Kritik: Exit Marrakech (2013)


Caroline Links »Exit Marrakech« besteht im Kern aus zwei wesentlichen Themen, die gewiss zu Links eigenen erzählerischen Repertoire zählen. So ist auch dieses Werk ein Film über die Familie beziehungsweise das Zusammenfinden der Familie. Es geht ihr hierbei hauptsächlich um eine Vater-Sohn-Beziehung. Sohn Ben (Samuel Schneider) ist ein begabter, aber auch gelangweilter Junge, der statt sich weiter Wissen am seinem Internat anzueignen lieber Blödsinn treibt oder schlichtweg die Natur genießt. Diese Figur ist die eines typischen jungen Suchenden. Der Ruf des Abenteuers, das ihm von Schuldirektor Bierbichler, dem Herold dieser Erzählung, ereilt, sind die Sommerferien, die er bei seinem Vater in Marrakesch verbringen wird. Bierbichler setzt ihm in seiner Funktion auf die Brust, dass er etwas erleben solle, damit er im Oktober ihm etwas zu erzählen hätte. Damit wird schon zu Beginn deutlich, dass es sich bei Links Film um einen narrativ sehr klassisch erzählten Film handelt, der Reise eines jungen Helden, dem Link aber auch eine körperliche Schwäche mit auf den Weg gibt. Denn der Junge ist Diabetiker, was natürlich für die Dramaturgie im späteren Verlauf der Geschichte noch zum Tragen kommen wird.


Die Eltern dieses (reichen) Jungen leben getrennt, kommunizieren aber noch miteinander im Sinne des Jungen. Mit seiner sorgenvoll-fürsorglichen Mutter führt er in stetigen Abständen Handygespräche, während Vater und Sohn distanziert voneinander sind.Vater Heinrich (Ulrich Tukur) weiß nichts von seinem Sohn. Er ist ein beschäftigter Theaterregisseur, der hinter den Mauern seines Hotels bleiben will, während sein Sohn dagegen nach kurzer Zeit in Marrakesch zum Ausreißer wird. Hier kommen wir dann zum zweiten Thema des Films, das exotische Abenteuer, das Link zum Vergleich auch schon in »Nirgendwo in Afrika« gesucht hat. Der Film hat einen interessierten Blick auf die fremde Welt Marokkos, nimmt diese aber nur in Einzelheiten auf. Link betrachtet das Ganze klar aus westlicher Perspektive in hell ausgeleuchteten und gefällig präsentierten Bildern. Es ist damit eine Außenperspektive, die sie in Anbetracht von Marokko und seiner Kultur annimmt. Das heißt, es ist Beiwerk, wirklich nur »schön« zu betrachtende Kulisse, die größtenteils eine eher arglos-positive gefärbte Konnotation erfährt, weil es für die Reise für den Jungen mehr blindes Staunen und Begeisterung bereithält, ohne wirklich Probleme aufzuzeigen. Der Film ist damit an der Oberfläche behaftet, ist mehr zu lesen als eskapistisches Abenteuer, was den Jungen auch zu einer (abgestanden) dösig-naiven Romanze mit einer jungen, aber aufgeschlossenen Prostituierten führt, mit der er Zeit verbringen will. Aber auch dort ist der Familienkonflikt präsent, wenn Vater und Bruder des Mädchens über sie bestimmen und sie des Hauses verweisen, weil sie mit dem jungen Ausländer in ihrem Haus geschlafen hat.


Als wirkliches Abenteuer fühlt sich Caroline Links Film in seinen einzelnen Stationen aber auch nicht an, mag er dafür doch zu passiv erscheinen, mehr aus ziellosem Herumlaufen oder Herumfahren bestehen (oder zumindest wirkt es so). Das große Abenteuer, das man vielleicht erwarten würde, bleibt aus. Dafür ist Links Werk mehr ein ruhiger und zurückhaltend inszenierter Film, der das Ganze aber behutsam, regelrecht gemütlich anpackt, was besonders dann zum Tragen kommt, wenn Link die Entfremdung und Unterschiedlichkeit ihrer Protagonisten prägnant auf ihrer Reise betont und beobachtet, für das sie dann alles andere wieder außer Acht lässt. Das heißt, wenn Vater und Sohn dann im letzten Drittel aufeinanderprallen oder besser gesagt aufeinander sitzen und dann ein langsames Zusammenfinden stattfindet und es endlich ein Interesse am gegenüber gibt, ein gewisses Verständnis für ihn. Und somit handelt es sich bei »Exit Marrakech« natürlich auch um einen harmonischen Film, der Harmonie in der Familie schaffen will. Um es auf den Punkt zu bringen, kann man daher sagen, dass es ein seichter, aber irgendwo damit teilweise angenehm zu konsumierender Film ist. Mehr aber bei weitem auch nicht.


5.5 / 10

Autor: Hoffman 

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