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Donnerstag, 29. Juni 2017

Ein rohes Stück Fleisch - Kritik: Die Stunde des Jägers (2003)


Wenn man über William Friedkins »The Hunted« spricht, dann kann man zu diesem Film auch sagen, dass dieser wie ein rohes Stück Fleisch ist. Es ist ein Werk, bei dem keinen (wirklichen) Platz für Sensibilitäten gibt. Die Frage sei erlaubt an dieser Stelle, wieso das denn überhaupt sein sollte? Denn schließlich ist Friedkins Film auf den ersten Blick nichts anderes als ein ranzig-reaktionäres und dreckiges und schäbiges B-Movie, ein stumpfes Holz, in dem es Friedkin um Männer geht. Sein Film ist damit archaisch. Er beginnt in der Hölle des Krieges im Kosovo, die hier wie ein Feuerofen anmutet. Es ist aber auch so, dass Friedkin diese Szenerie nur plump und hölzern bebildert, dass man sich eigentlich - ohne das weiter auszuführen - in einem ganz anderen Film wähnt.  Diese Hölle dieses Krieges verfolgt einen seiner Soldaten (Benicio Del Toro) aus einer Spezialeinheit für Tötungen noch lange. Dieses Trauma ist seit »Rambo«, auf dessen Fußstampfen sich Friedkin fraglos bewegt, nicht neu. Er erzählt von einem Mentor- und Schüler-Verhältnis, was er auch indirekt als eine Art Vater-Sohn-Beziehung auslegt, die nun Jäger (als Naturbursche und einsamer Wolf, der mit den Wölfen läuft: Ein bärtiger Tommy Lee Jones, der mittlerweile die Rolle des Jägers im Schlaf zu spielen scheint) und Gejagter (Del Toro) spielen.


 Dieser archaische Film versteht sich dabei durchweg als eine solche Jagd zwischen seinen zwei Protagonisten. Sein Film besteht aus Suchen und Finden (eine nette Randbemerkung ist dazu, wenn Jones einem kleinen Mädchen in einem Bistro beim Versteckspiel hilft). Friedkin lässt seinen Film im gewissen Sinne roh und unbearbeitet. In der ersten Hälfte hält er sich vornehmlich in den Wäldern und der Wildnis auf, was als Ansatz durchaus einen Reiz hat, da er zeitweise einen durchaus aufmerksamen Blick auf das Naturelle hat und auch später in Portland umschreibt Jones die Stadt selbst als Wildnis, durch die er bald darauf auch einen (sprunghaft-diffusen) Irrlauf inszeniert, um dann im letzten Drittel wieder zurück zur ursprünglichen Natur zu finden, wo dann alles auf die finale Konfrontation der beiden Protagonisten hinausläuft. Es sind dabei kalte und kahle Bilder in diesem kaltherzigen Film, die Friedkin zeigt. So reizvoll das bis zu diesem Punkt auch klingen mag, so hat Friedins Film natürlich auch eine Kehrseite.


 Denn so positiv vieles vorher auch klingen mag, so handelt es sich bei dem Werk eigentlich um einen kraftlosen und oft uninspirierend inszenierten Film, der sich oft (besonders in der ersten Hälfte) in die Ecke einer drittklassigen Fließbandproduktion begibt, unter anderem durch Friedkins Art der Verschleierung bei manchen Szenen. Man möchte eigentlich zeitweise bei diesem spartanisch heruntergedrehten Film kaum glauben, dass Friedkin hinter diesem Werk als sein (eingezwängter?) Regisseur stand. Sein Film ist so farblos und schemenhaft, dass man nach seinen einzelnen gelungenen Szenen oder Einstellungen suchen muss (was natürlich - das gebe ich zu - auch seinen Reiz haben mag), die man durchaus auch (spärlich) finden wird. Friedkin geht es auch um die physische Aktion, Faust- und Messerkämpfe, die aber oft steif und nachlässig erscheinen und von denen es sowieso nicht allzu viele gibt. Überhaupt muss man sagen, dass es hier von nichts zu viel gibt, sondern immer nur zu wenig. Am Rande hat Friedkin dann auch noch eine notorische Flucht mit Auto, eine kurze Autoverfolgungsjagd, miteingebaut, die aber kaum weiter erwähnenswert scheint. Das gilt eigentlich auch für »The Hunted« an sich in Friedkins Schaffen, den man eigentlich getrost links liegen lassen kann, muss man ihm auch eingestehen, dass er in seinem ganzen vertrauten Schematismus etwas kurzweiliges an sich hat.


4.5 / 10

Autor: Hoffman 

Freitag, 23. Mai 2014

Die Suche nach der Wahrheit? - Kritik: JFK - Tatort Dallas (1991)



»Haben sie keine Angst. Niemand erfährt je ein Wort wovon wir hier reden.« - »Sie sind so naiv.« -Immer wieder aufs neue fühle ich mich regelrecht von diesem Film von Oliver Stone erschlagen. Es geht um die Ermordung von John F. Kennedy. Stone scheut weder Rast noch Ruhe, noch recherchieren und verliert im Film selbst keine Sekunde - konfrontiert mit den Geschehen! Man selbst ist mittendrin! Sofort setzt Stone den Zuschauer ins Bild, informiert zügig und kompakt, vermischt mit einem tosenden Bilder- und Schnitterausch. Dann rekonstruiert Stone die wenigen Minuten vor dem Atttentat bis zum Schuss. Schon hier verknüpft er meisterhaft Spielfimsequenzen (sogar in Schwarz-Weiß) mit Originalaufnahmen, wüst mag das anfangs wirken, aber in präziser Betrachtung ist das zugleich in seiner Intensität der Schnittarbeit einzigartig bewerkstelligt, als wäre man direkt im Geschehen. Die Täuschung ist vollendet. Doch für Stone war dies gerade erst der Startschuss um vollends durchzustarten: Die Figur des Staatsanwaltess Jim Garrison (Kevin Costner mit Pfeife, durch dessen Brillengläser der pure Enthusiasmus blitzt), frei interpretiert nach der wahren Persönlichkeit des Garrison, wird zum fraglosen Symbol für das Gefühl des skeptischen Amerikaners gegenüber der Ermordung Kennedys, aber auch zur Sympathiefigur. Dabei hervorstechend bei den Bildern ist das grandiose Spiel mit den Licht- und Schattenbeleuchtung wie auch den Kontrasten dazwischen, um die Vergangenheit zu beleben. Es folgen Medienberichte über Attentat und Schuldigen, Stone spinnt seine Fäden und beweist Stil mit der Kombination jener einzelnen Faktoren, von Bild und Schnitt in Verbindung mit der Montage von Realität und Fiktion, wechselnden Formaten und Perspektiven. Jack Ruby ermordet Oswalt und schon fällt der erste Stein.



Walter Matthau bringt das Rad dann schließlich zum laufen, das Getriebe Costner läuft zur Höchstform auf. Sein Team: Wayne Knight, Jay O. Sanders und Michael Rooker. Nun also verdichtet Stone immer weiter das Netz zwischen Wahrheit und Trug, bis die Grenzen kaum auszumachen sind, wenn Stone auch noch zu geschickten Rückblenden greift. Sie suchen die Zeugen, Staub (mit großen Stars) wird aufgewirbelt. Die Zeugen befragt: Jack Lemmon gibt dann das Stichwort, gibt sich verschlossen. John Candy warnt davor der Hahn zu werden nach dem niemand mehr Krähen wird. Man selbst wird zugeschmissen mit Informationen und Theorien, die energisch präsentiert werden. Apropos: Kevin Bacon gibt es in einer Paraderolle. Wilde Theorien werden nun aufgestellt, weiter verfolgt, beleuchtet und genau untersucht, um zu verwerfen, um zu entmachten und um sie wieder aufzugreifen, erneut aus einer vielleicht anderen Betrahtungsweise. Überall gibt es Verstrickungen und Verschwörungen, nicht immer logisch, teils interessant, teils banal. Überall dem scheint die zwielichtige, präsente Gestalt des Clay Shaw (exklusiv: Tommy Lee Jones) zu schweben. Ein Strippenzieher? Er ist auf jeden Fall Geschäftsmann. Und mittendrin im Strudel der Verschwörungen, ein Joe Pesci zwischen den Gefühlen, cholerisch oder verängstigt und unter großem Druck, zugleich paranoid, der qualmt wie kein anderer und vielleicht ist auch er ein Wissender des Rätsels. Dann aus dem Nichts ein Informant, ein Mr X., Donald Sutherland ist dieser mysteriöse Mann.



Die richtigen Fragen werden gestellt: Denn wieso? Wieso wurde Kennedy ermordet? Wer proftierte? Und wer hatte die Macht? Dieses Gespräch zwischen Mr. X und Garrison ist eines der großen Höhepunkt in Stones Werk. Gerade hier wird einem doch aufs neue bewusst wie virtuos Stone mit Bild, Ton und Schnitt arbeitet. Stone filmt etwa nicht nur den Dialog zwischen Costner und Sutherland, sondern involviert den Zuschauer in das Geschehen durch Visualisierung, in dem er die Worte Sutherlands durch eine Kombination von Originalaufnahmen, eigenen (meist) schwarz-weiß Sequenzen oder Archivbilder unterstützt, was demnach rauschhaft wirken dürfte. Dann folgt die These: »Politik ist Macht.« - Der Fall Kennedy ist ein Königsmord. - Garrison bleibt fassungslos. Prozess, Diskussionen und patrotische Reden folgen, mit Schlagkraft und Überzeugung. Das Ende bleibt der Anfang. Eine verinnerlichte Verfolgung am Stück so gut wie unmöglich. Zugegeben: Stone manipuliert, aber wie er manipuliert bleibt fraglos brillant. Ja, Stone wickelt einen ein und lässt einen nicht los, doch mal ganz abseits davon, bleibt Stones Film in aller erster Linie ein wohlgemerkt reißerischer Polit-Thriller. Stone nahm sich dabei also auch viele Freiheiten mit dem Stoff, fügte Charaktere hinzu, änderte Charaktere und stellt Garrison selbst als makellose Sympathiefigur und Patrioten dar, in der Realität sah das vielleicht ganz anders aus. Doch ist dabei wie gesagt zu beachten, dass Stone´s Garrison zwar einer realen Persönlichkeit nachempfunden sein mag, er ist und bleibt aber schlussendlich eine Filmfigur. Dies gilt übrigens auch für Stone´s gesamten Film, ob dies Manipulation oder Fälschung ist, bleibt irrelevant, denn Stone versteht es eben diesen Stoff für das Kino zu schmackhaft zu bearbeiten und zu präsentieren. Insofern funktioniert »JFK« zwar auf mehreren Ebenen, der Realismus dahinter bleibt aber dennoch sekundär. Nur die Einstreung der familären Verhältnisse von Garrison steht weiterhin unter kritischer Beobachtung. Sie mag durchaus dazu dienlich sein Garrison tiefer zu charakterisieren, doch werden die familären Konflikte meist oberflächlich abgehandelt. Das wirkt auf mich etwas deplatziert und unpassend, besonders wenn Sissy Spacek als Ehefrau auf einen hysterischen Status Quo reduziert wird. Wenigstens präsentiert Stone auch das hochspannend - wie bereits alles davor und danach in »JFK«.



8.5 / 10

Autor: Hoffman

Samstag, 2. Juni 2012

Gefallene Coolness & stinkende Anzüge, die Zweite - Kritik: "Men in Black 3"

 [...] - Spoiler

Mich überkäme immer noch ein übles Gefühl, würde ich nur den Ratschlag erteilen, ein jeder solle dieser überteuerten High-Tech-Schrottbombe aus dem Weg gehen; nein, stattdessen warne ich ausdrücklich vor dieser Überreizung an Blödheit und Sinnlosigkeit. Denn es ist zwar ein Jammer, aber nach diesem lachfreien Stuss unlängst klar: Die Men in Black wurden selbst geblitzdingst und ihrer Coolness, ihrem unverwechselbaren Charme beraubt. Dies machte bereits Teil 2 ersichtlich, wird aber im dritten noch deutlicher.

Resolut manövrieren sich Agent J (Will Smith) und Agent K (Tommy Lee Jones) ins Aus. Andere bekannte Gesichter - wie etwa die von Agent Z (Rip Torn) und des kultig-kopfplatzenden außerirdischen Hehlers Jack (Tony Shalhoub) - fehlen gänzlich und steigern den Angepisstheitsgrad kontinuierlich. Auch dem fluchenden Mops war’s wohl eine Nummer zu peinlich, was man ihm aufgrund seines oberalbernen Auftritts im Zweier nicht verübeln kann. Und da sitzen sie eben nun alleine, die beiden gealterten Männer in Schwarz; der eine schwingt das Trauerbein für den Verstorbenen Agent Z, der andere blödelt sich nach drei Jahren Filmabstinenz mal wieder so durch – ohne dem Kult alter Zeiten nahe zu kommen. Der neue Schurke, ein Monstrum im Monstrum, ist eine Blamage. Ein Feind, der keiner ist, weil er zu sehr darauf beruht, Feind zu sein. Das spiegelt exakt das gleiche Problem wider, unter welchem auch die Alienpflanzentrulla aus „Men in Black 2“ litt. Genau solche Charaktere sind es, die ich nicht sehen möchte, zumindest nicht hier, nicht in diesem Genre. Die Schrulligkeit von Edgar, der wunderbar gemeinen, aber nie zu eingerastet bösen Küchenschabe aus Teil 1, bleibt unerreicht. Das ist prinzipiell nicht schlimm, jedoch hätte ich nicht geglaubt, Barry Sonnenfeld würde denselben Fehler noch einmal begehen – ein Monster zu visualisieren, das viel zu sehr aufs Biestsein aus ist. 

[Edgar, und das ist der wesentliche Unterschied zu seinen Nachzüglern, war seelisch nicht von bärenstarken Betonwänden umhüllt. Wir erinnern uns, wie J fröhlich seine Schabenfamilie dezimierte („Oh, I'm sorry. Was that your auntie? Then that must be your uncle over there!“) und Edgar ihm darauf den Kampf ansagte.]

Boris, der Schurke aus „MIB 3“, hat das Gefühlsvermögen einer Blechbüchse. Er ist einfach nur wütend. Er ist einfach nur langweilig. Er ist autauschbar. Und das schwächt den Film und dessen Präsenz ungemein. 

Auch außerhalb der galaktischen Abschaumssphären bietet Sonnenfelds merkwürdig unausgegorenes Werkchen nicht viel. Mal Drama. Mal Komödie. Mal Science-Fiction-Invasion. Aber nichts, was lange währt. „Men in Black 3“ ist ein überfülltes High-Tech-Abenteuerland, das mit dutzenden von abgefahrenen Spielereien um sich wirft, damit aber auf Dauer einfach nur nervt. Ich war nicht in der 3D-Fassung, doch glaube zu wissen, dass sie die einzige Möglichkeit ist, diesen Film überhaupt noch aufwerten zu können. Denn auch der halbwegs interessante Time-Travel-Plot wird nach und nach konfus, lächerlich und herzlich bekloppt. Aber wenigstens freue ich mich, dass niemand im Saal über diese Sparflammenwitzchen lachte oder schmunzelte, sondern Will Smiths exorbitantes Verlangen nach Schokomilch oder das Gequatsche des hyperaktiven Giftzwergs Griffin (Michael Stuhlbarg) mit ratsuchender Stiller bestraften – mit Recht! Es ist einfach nur unbegreiflich, wer doch immer und immer wieder für solch eine zurückgebliebene Scheiße verantwortlich ist. Lasset die Men in Black bitte sterben und ruinieret nicht das letzte Fünkchen gutheißender Erinnerung. Danke, Barry Sonnenfeld & Team. 


2 / 10 
Autor: Iso

Samstag, 11. Februar 2012

Kurzkritik: "No Country For Old Men"


Weite Steppen, die sich im Schein aufgehender Sonne dem satt-warmen, dennoch angenehm-erfrischenden Wind beugen, um sich von den Schilderungen eines alten, sich besinnendes und reflektierenden Sheriffs einnehmen zu lassen. „Die Verbrechen heutzutage kann man nur schwer fassen“, erzählt dieser und macht klar, dass seine Augen nicht nur die trockenen Highways sahen, deren glühende Wölbungen sich durch das ziehen, was er seine Heimat nennt.


“No Country For Old Men” ist eine brillante charakteristische Offenbarung, deren personelle Wandlungen zu packen wissen. Beinahe ohne musikalische Einlagen gelingt es den Coen-Brüdern eine Geschichte zu erzählen, welche den wahrnehmbaren Geruch ihrer Umgebung ins Jetzt zum Zuschauer holt. Wenn derartige Intensitäten auftreten, dann ist das ein prägnantes Merkmal dafür, dass  das Maximum am „Teilnehmen“ eines Filmes erreicht wurde. Eine ehrwürdige Charakterstudie über den Verfall von Generationen, die Gier nach erhöhten Lebensgrundlagen und die zwischenmenschliche Abkapslung. 

 9 / 10
Autor: Iso