Donnerstag, 14. Juni 2012

Draußen im Schnee hört dich niemand schreien - "Cold Prey"

     

"MTV TRIFFFT AUF FREITAG DER 13. - DAS BLUTIGSTE ROCK-VIDEO DES JAHRES!"

Klingt doch ansprechend, deswegen gleich mal auf die Rückseite des Covers geklatscht.
Trifft die Stimmung des gediegenen Skandinavienslashers aber nicht wirklich.
Sicher, Schema F des bekannten Schlitzerfilmes wird schon irgendwo kopiert, wie es in allen amerikanischen Epigonen eben auch gang und gäbe ist. Aber insbesondere Satzteil Nummer Zwei geht völlig an der Intention und Aufmachung von "Cold Prey" vorbei. So braucht sich der Low-Budget-Film nicht einer Vielzahl lauter Splatterszenen zu bedienen, sondern umschifft diese wenig dezente Lückenfüllung für nicht vorhandene Handlung durch atmosphärische, eindringliche Bildgewalt, die mitunter zwar den roten Lebenssaft austreten lässt, in erster Linie aber vor allem den einen essentiellen Faktor erzeugt: Gänsehaut.

Nach einer kurzen Einführung, deren Bedeutung in ihrer ganzen Tragweite erst gen Ende zu Tragen kommt, brettern fünf junge Leute mit dem Auto Richtung Snowboardurlaub (Was ein signifikanter Unterschied ist im Vergleich zu: Fünf strohdumme Teenies, die stolz sind, dass sie mit fünfzehn schon Autofahren dürfen, aber ansonsten so was von oberflächlich auftreten, als wären sie soeben von einer Dampfwalze platt gemacht worden). Der Spaß hat aber bald ein Ende, als einer von ihnen stürzt und sich (sehr unschön anzusehen) das Bein bricht. Sie finden eine in der Nähe liegende Hütte, schlagen eine Scheibe ein und finden Unterschlupf.


Auch bei "Fritt Vilt" forscht man bei den Unterhaltungen nicht lange nach philosophischem Unterbau. Aber dafür sind Konversationen und Protagonisten im Besitz jener Eigenschaft, die Sympathie schafft: Natürlichkeit. Hier braucht man kein lächerliches Alpha-Bübchen samt Kumpel, die sich gegenseitig an Dämlichkeit übertreffen und ansonsten nur testosterongesteuert durch die Wildnis preschen, begleitet von ihren geilen, aber debilen Geschlechtspartnerinnen. Die Freunde verbringen die Osterferien in der verschneiten Bergwelt und haben Spaß. Das machen sie auf ganz entzückende und authentische Weise. Überhaupt kommt es Unterhaltung und Glaubwürdigkeit nur zugute, dass die Darsteller die 20er Marke schon überschritten haben, denn so sind sie wesentlich mehr ernst zu nehmen. Man ärgert sich nicht lange über etwaiges Verhalten der affigen Sorte, kann sie als mündige Personen akzeptieren, die sich ihr Hirn nicht weggekifft haben und den Umständen entsprechend überlegt handeln. Die emotionalen Konflikte, die sie austragen, sind nur allzu greifbar. Damit stellen sich dem Trend der Klischeepflege und Hohlheit mit erfreulicher Entschiedenheit entgegen.

Ein typisches Manko, welches der Begriff Slasher im Prinzip schon per se definiert, nämlich seinen vorhersehbaren Handlungsablauf, kann der Norwegenimport auch nicht gänzlich umgehen. Jedoch ist dieser Mangel bei weitem nicht so stark ausgeprägt wie sonst. So erlebt der gebildete Cineast zwangsläufig Déjà-Vu Erlebnisse, aber die exzellente Aufmachung lässt das verschmerzen. Außerdem bemüht sich der Film bei all der Hommage an die großen Vorbilder auch darum einen löblichen Grad an Rätsel und Mysterien aufrechtzuhalten. Die Erkundung des staubigen Hotels wird zur Konfrontation mit Gegenständen und Gegebenheiten, die bemerkenswert bis seltsam anmuten. Welche Bedeutung hat das Kästchen mit Eheringen oder die Sammlung an Zeitungsschnipseln?
Eine Erkenntnis, und darauf kommen alle recht schnell, liegt unmittelbar auf der Hand: Das Hotel war bereits vor ihnen bewohnt.

Dieser Jemand entpuppt sich dummerweise als das glatte Gegenteil eines herzlichen Gastgebers. Die harmloseste Tatsache ist dabei, dass er gerne aus dem Nichts auftaucht, die Statur eines Bären hat und nicht sonderlich gesprächsbereit ist. Weitaus beunruhigender erscheint da schon sein bester Freund, den er gewissenhaft mit sich führt: Eine überdimensionale Hacke, der formal korrekte Begriff wäre Eispickel. Und dieses monströse Gerät spricht blutige Tatsachen. Flucht ist erstrebenswert und naheliegend, gleichzeitig nicht einfach, denn unser Psychopath (Ich denke nicht, dass ich damit eine Information wegnehme) ist nicht daran interessiert, die Eindringlinge "ungeschoren" davon laufen zu lassen. Dieses ausgeleierte "Irrer jagt unschuldige Gruppe"-Konzept  ist in dem Fall extrem spannend, vor allem, weil sich unsere liebgewonnenen Darsteller aufgrund ihrer Vielschichtigkeit nicht ohne weiteres in die Opferrolle drängen.

Bereits vor der eigentlichen Hetzjagd verstärkt die Unberührtheit und Exotik des Schauplatzes das zunehmende Gefühl der Abgeschiedenheit und Angst optimal, nicht das x-te Wäldchen mit verstrahlten Mutanten im Anschlag. Das verschneite (Pardon: eingeschneite wäre wohl präziser), von der Zivilisation isolierte Berghotel darf herhalten, wohlige Assoziationen zu "Shining" liegen auf der Hand, funktionieren aufgrund der Unverbrauchtheit auch wunderbar und kommen mehr als nur einmal zum Zug. So erinnern die langen, dunklen Gänge optisch an den Innenbau des Overlook-Hotels, sorgen für eine perfekte Basis an nicht greifbarer, aber allgegenwärtiger Beklemmung. Auch die Zimmernummer 237 weckt Erinnerungen und verweist auf Kubricks Horrorepos. Neben dem Mysteryfaktor werden einige wenige, aber wohl dosierte blutige Szenen gezeigt, die zwar nicht explizit, aber unbestreitbar unschön sind.

Dass Regisseur Roar Uthaurg seinen Job hier zum ersten Mal macht, ist schon wahrlich erstaunlich, denn er meistert seine Aufgabe unglaublich professionell und kompetent. Kameraführung und Schnitttechnik wirken modern (herrlich düstere Farbfilter), ohne jemals in den belanglosen Musicvideostyle mit auf Hochglanz getrimmten Bildern zu verfallen, gleichzeitig angemessen traditionell und klassisch, genau die richtige Mischung, um das Grauen jenseits von Infrastruktur in ein passendes atmosphärisches Horrorszenario zu betten. Und um die musikalische Ambiente des Slogans anzusprechen, so ist das Erwähnen von MTV schon eine Frechheit, denn akustisch präsentiert man sich ebenfalls sehr stilbewusst und findet die richtige Balance aus rockigem Soundtrack und ruhigem Score. Auch jenseits der Musik begeistert der Soundteppich (das Schneestapfen knirscht wunderbar schaurig) , sodass hieraus mehr als nur einmal Schockmomente entstehen.

Abgesehen von der Innovationsklausel widersetzt sich "Cold Prey" gekonnt allen Vorurteilen des dümmlichen Slasherkinos, beeindruckt mit starken Darstellungen und permanenten Adreanlinschüben. Die Atmosphäre ist zum Niederknien und nebenbei liefert der nordeuropäische Beitrag das, was in den meisten anderen Vertretern ausgespart wird: Eine Motivation des Killers, die nicht einmal an den Haaren herbeigezogen, sondern schlüssig ist. Ob sie nun als Überraschung funktioniert oder bereits vorher erahnt wird, ist eine andere Frage, aber unabhängig davon wage ich zu behaupten: Norwegisch ist eine wunderschöne Sprache und ausgerechnet ein Debüt stellt sich als der spannendste und vielleicht beste Slasher vergangener Zeit heraus.


7 / 10

Autor: seven

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