Donnerstag, 26. Juli 2012

Die extremistischen Szenen einer entfremdeten Ehe - Kritik: Possession



»I can't exist by myself because I'm afraid of myself, because I'm the maker of my own evil.« - Im ausgeprägten Sinne einer lehrhaften Definition kann die »Besessenheit « als heftiger, irrationaler wie veränderter Zustand des Verhaltens angesehen werden, dies lässt sich wiederum auf die Besitznahme eines Dämons oder einer unbekannten Macht zurückführen, was zur Folge unkontrollierbare Ausbrüche der Erregung hervorrufen kann, so als mystisches Element religiöser Fragmente gilt. - und dann gibt es da Andrzej Zulawskis polarisierendes Werk »Possession« aus dem Jahre 1981, das filmische Schlachtfeld jeweiliger Besessenheit - eine wirkliche Genreklassifizierung so gut wie unmöglich. Mit Hintergrund: Dem geteilten Berlin. Hierbei Westberlin als Metaphern des kalten Krieges und der zugespitzten Fronten. Dies überträgt Zulawski auf seine Protagonisten. Der Schauplatz des gespaltenen Westberlins reflektiert er auf das Eheleben des Paares Mark und Anna, der Mann kehrt von Geschäftsreise zurück - die Stimmung wechselte. Die Ehe der Beiden wird zur Metaphern Berlins. Demnach Zulawskis drastische Abrechnung mit der Ehe - und mit persönlichem Hintergrund seitens Zulawskis.



Zulawskis Film ist ein Werk, das sich im Grunde jeder möglichen Objektivität entbehren mag oder solchen Kriterien - für Zulawski selbst diente dieser Film wohl auch als Verarbeitung seiner persönlichen Scheidung von seiner Frau. Insofern bebildert er er die extremistischen Szenen einer Ehe und begibt auf eine irrationale Irrfahrt - jedes Bild scheint selbst ein Symbol zu sein. Die Bilder von trostlos bis klinisch und düster.

Zulawski offenbart, dafür braucht der Zuschauer Verständnis. Einen Eingang, gar Zugang, gibt es nicht. - man versucht dies nüchtern zu betrachten. Problematisch: Nicht möglich. Geht nicht. Wenn Zulawski Inszenierung einschlägt wie ein tosender Blitz. Man könnte somit einerseits durchaus behaupten, bei Zulawski müsse man sich auf eine irrationale Herausforderung einlassen - so provoziert er auch ausschweifend und mit reflektierter Wut, dass es einem filmgewordenen Vulkan gleichen mag, geladen voller Energie und Kraft, wengleich auch roh und ungeschliffen, aber auch ungeschönt von Zulawski angepackt - dies fördert aber den Eigenwillen seines Werkes und faszinierte mich.

Gerade diese rohe und teils rabiate, stürmische Art überträgt Zulawski gleichauf aber auch auf seine beiden Akteure. Sie agieren wuchtig und ja über jedem Limit. Trotzdem passend. Ungewohnt blutjung: Sam Neill - habe ihn nie so facettenreich gesehen und abwechslungsreich-explosiv in Hinsicht von Mimik und Gestik. Für mich: Grandios. Da hat man Zulawski sofort gern - irgendwie. Während Isabelle Adjani mitreißt, verstört und unvergesslich spielt. Eine aufbrausende Persönlichkeit. Als Feature noch ein ausschweifend agierender Heint Bennent als Esoteriker? Zweifelsfrei beeindruckend. Und Zulawski treibt seine Protagonisten an den Rande einer Odyssee des Wahnsinns. Sogar mit Explosion, die braucht ja jeder und veranlasst somit mehrfach bereits zur Spaltung und Deutung des Zuschauers ist - ironisch: Der individuelle Zuschauer selbst als Metaphern. - so bleibt es nicht unschwer zu erkennen das Zulawski bei diesen Szenen einer Ehe großflächig die Entfremdung des Paares thematisiert - Antonioni packend referiert - andererseits wie gesagt lässt sich Zulawskis Werk aber auch deutlich als drastische Abrechnung wie exzessive Satire auf die Ehe lesen.

Zunächst als obskures Labyrinth später dann als blutiger Horrortrip, wenngleich Zulawski nur zu verzückend das apokalyptisch ähnelnde Grauen entfesseln lässt und spätestens beim extremistischen Ausbruch der Besessenheit enthüllt Zulawski - seine Protagonisten sind nur Marionetten in seinen Händen, die er an die Grenzen ihres Seins und ihrer menschlichen Psyche treibt. Der surrealistischer Orkan an Emotionen. Ein schonungsloser Blick auf die entfesselte Bestie, dem Menschen. Zulawski bricht die Barrikaden und definiert dabei seine eigenen Gesetzte des Films, ohne jemals überhaupt daran zu denken vor einer Brechung der Konvention halt zu machen. Extrem, grob, selbstzerstörerisch, aber genauso aufregend mitanzuschauen. In Anbetracht von Zulawskis Schaffen im Grunde die konsequente Weiterentwicklung, radikal in der Ausübung. Man braucht sichtlich Verständnis für ein solches Werk und muss Zulawski selbst wohl mit wohlgesinnten und kulanten Blick entgegensehen.




Man könnte Zulawski daher demnach auch als einen durchtrieben Exorzisten von Konventionen beschreiben, der diese mit dem höchsten Maß an radikaler Umsetzung versucht seinem Film auszutreiben. Gerne doch. Und lassen sich auch religiöse Versatzstücke, wie dem leibhaftigen Antichristen und Motive der Vergebung und Verdammnis, darin erkennen. Zulawski arbeitet mit vielerlei Symboliken und Metaphorik, wie sie jeder gerne hat. Die Kamera hektisch zugleich aber auch grandios geführt. Manch eine Kameraeinstellung verdeutlicht zudem die groteske Note des Surrealen, es mutet absurd und doch schonungslos an. Die inzestuöse und mystische »Kreatur« als Metaphern der menschlichen Sehnsüchte und Wünsche. - So macht Zulwaski aus den zerrütteten Szenen einer Ehe einem albtraumhaften, surrealen und exzessiven Trip. Ein Abstieg in die Hölle - Befremdlich? Durchaus. Am Ende der stürmischen Odyssee enthüllt Zulawski noch ein letztes Mal die menschlichen Abgründe - im apokalyptischen Sinne und trübt die Welt in Finsternis. Was für ein Pessimist.



8.0 / 10

Autor: Hoffman 

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