Freitag, 29. Mai 2015

Jacques Demy Retrospektive #6 - Klassiker der Extraklasse: The Pied Piper - Der Rattenfänger von Hameln (1971)



Jacques Demy interpretiert die deutsche Volkssage um den Rattenfänger von Hameln ganz für sich, er führt damit in das finstere Mittelalter, in das Jahr des schwarzen Todes, also der Pest, die Furcht und Schrecken in der Bevölkerung verbreitet. Demy interpretiert sie als das, was sie für ihn ist, als eine Geschichte, in der Realismus und Magie zusammentreffen. Seine Geschichte schildert er eingängig in schlichten und geerdeten Bilder. Es sind Bilder, die teils beschaulich sein mögen, aber andererseits auch teils dämmrig. Es ist wieder ein originell inszeniertes Märchen von Demy, das aber dezenter daherkommt als sein vorheriger Märchenfilm »Eselshaut«. Die Modifikationen, die Demy vornimmt, sind zwar immer noch eigenwillig und teils überaus augenzwinkernd, aber der Tenor des Films ist auch ernster, immerhin wird in dieser Geschichte letztlich auch ein Scheiterhaufen entzündet.



Zu Beginn aber begegnet der musizierende Rattenfänger (Donovan, der auch die Musik zu diesem Film komponierte), der neben seiner Flöte auch eine Gitarre bei sich trägt, auf eine reisende Familie von Schauspielern (oder besser gesagt sie treffen auf ihn, der der Musik gefolgt ist) auf ihrem Weg zur Stadt Hameln und schließt sich ihnen an. Dort haben die Repräsentanten der Kirche die Macht inne, bornierte Dogmatiker, die keine andere Religion als ihre eigene akzeptieren, was auch ein alter und weiser jüdischer Arzt und Alchemist erfahren muss, der vor einer Rattenplage warnt und versucht ein Mittel zu finden, um sie zu bekämpfen, was ihm zum Verhängnis wird. Diese Repräsentanten der Kirche kooperieren mit dem Baron der Stadt (Donald Pleasence, der mit seinem spitzen Zwergenhütchen wie ein alter Hexenmeister aussieht), der eine Kathedrale ganz für sich bauen lassen will, an denen die Menschen bei Tag und bei Nacht schuften müssen und dessen ebenso gieriger Sohn (John Hurt) die Tochter des Bürgermeisters heiraten soll. Als die Rattenplage ausbricht, wird der Jude als Verursacher dieses Unglücks beschuldigt und die Geschichte nimmt ihren altbekannten Lauf. Jacques Demy nimmt hier eine klare Einteilung in Gut und Böse vor, was er erzählt, das ist nämlich auch eine Fabel über religiösen Fundamentalismus, Diskriminierung und Intoleranz, die durchzogen ist von Magie. So hat Musik eine heilende Wirkung inne, die Ratten folgen wie hypnotisiert dem Klang der Flöte und die Figur des Rattenfängers taucht aus dem Nichts aus wie sie auch wieder am Ende (und das nicht allein) verschwindet.


7.0 / 10

Autor: Hoffman 

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