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Donnerstag, 20. Dezember 2018

In den Fängen der Popkultur - Kritik: Under the Silver Lake (2018)


Nach seinem Independent-Horrorfilm-Hit »It Follows« (2014) hat David Robert Mitchell mit seinem folgendem Kinofilm »Under the Silver Lake« ein Werk vorgelegt, das sich von dem Stil seines vorherigen Films stark unterscheidet, denn in diesem Film beherrscht nicht der Horror, sondern das Element der Groteske vor. Wo »It Follows« ein ernsthaft orientierte Rückbesinnung zu dem Horrorkino des John Carpenter und seinen Synthesizerklängen darstellte, ist sein neuester Film ein augenzwinkernd postmoderner und verspielt inszenierter Neo Noir, in dem Andrew Garfield sich als unbeholfener und oft notgeiler Hobbydetektiv auf die Suche nach seinem verschwundenen Schwarm begibt und damit in ein irrsinniges Netz an Verschwörungen driftet. Was beide Filme aber eint, das ist die Liebe zum Kino, die beide Werk durchströmt. In »It Follows« adaptierte Mitchell ein Horrorkino, das sich auf die Ikonen des Genres, Wes Craven und John Carpenter, beruft, die ihre Jugendlichen in den Suburbs dem vermeintlichen Bösen in verschiedenen Gestalten aussetzten, aber im Kern Geschichten über das Erwachsenwerden waren. Mitchell tat es ihnen mit seinem Film nach. Sein neuer Film, mindestens ähnlich souverän arrangiert, stellt eine ulkige Reise durch Los Angeles/Hollywood dar, einem Ort der Mythen und der Ort des Kinos, das eigentlich in diesem Film immer wieder präsent wird – vor allem über die verschiedenen Plakate, die unter anderem im Apartment des Protagonisten hängen (u.a. findet man dort Hitchcocks »Rear Window«, den der Film sehr augenzwinkernd zu Beginn zitiert).


 Immer wieder schleichen sich aber auch in dieses Folgewerk Momente, die an »It Follows« erinnern, wenn zum Beispiel der von Andrew Garfield verkörperte Protagonist Sam vor einer unbekannten männlichen Gestalt in der Nacht flieht, von der wir nur einen großen Schatten erhaschen, der an das Monster aus dem Vorgänger angelehnt ist. Oder wenn eine mystische Eulenfrau – die wir durch einen Schauercomic im Film kennenlernen – gespenstisch durch Häuser und Appartments streift, eine Gestalt, die am Ende  aber auch wiederum sehr ironisch gebrochen wird. So könnte man dann weiterhin mutmaßen, dass es auch hier zumindest um eine Coming-of-Age-Geschichte geht, so wie in Mitchells vorhergehenden Filmen. Garfield spielt eine Twens, der einem Apartement lebt, einen schicken Wagen fährt, aber eigentlich nie zu arbeiten scheint (auch wenn die Frage immer im Raum steht) und mit der Miete im Rückstand ist. Seine Figur ist ein Herumtreiber, ein Nichtsnutz, jemand, der nichts tut, in den Tag hinein lebt und es vor allem zu lieben scheint, auf die Hintern der Frauen zu starren. Seine Mutter ruft ständig über Telefon an, um Janet Gaynor an zuhimmeln. Er liest Comics. Draußen geht ein irrer Hundekiller um. Mehr bewegt sich in seiner Welt aber auch nicht. Man könnte also auf die Idee kommen, dass es sich bei ihm hierbei schlichtweg um eine Verliererfigur handelt.

Bis eines Tages im Pool seines Apartment-Komplexes eine junge Frau mit ihren Hund auftaucht, in die er sich schlagartig verliebt. Der Film wird zu einer Boy-Meets-Girl-Geschichte. Es kommt zu einem ersten Kennenlernen, das aber jäh unterbrochen wird als ihre Zimmergenossinnen nach Hause kommen und an dessen Ende eine erste Irritation gesetzt wird (ein Mann in Piratenuniform).
Am nächsten Tag ist die Angebetete verschwunden und es beginnt für ihn eine Odyssee durch die geheimen Seiten der Stadt der Träume, in denen er Schauermärchen, verrückte Piratenmänner, Stinktieren, wahnhaften Schriftstellern, James Dean und Newton, Obdachlosenkönigen, Jesusanbetern, satanischer Popmusik, Mitchells eigenen »Myth of an American Sleepover«, dem greisen King der Popmusik und vor allem vielen verschiedenen Frauenfiguren begegnet und man bisweilen in geheimen Gängen oder Bunkern landet, die unter Hollywood schlummern. Erzählt in innerhalb von überrascht kurzweiligen 140 Minuten. In diesem Film wird alles in einen Topf geworfen und kräftig umgerührt. Eine skurrile Idee folgt auf die nächste Idee und das oft, obwohl der Film mit der vorherigen Idee nochmal nicht mal ganz fertig war. Der Film berauscht sich an seinen Ideen und verliert sich in seinem Kosmos an Verschwörungen.



Dieses Werk ist wahrscheinlich am ehesten als ein comichaft-originelles Spiel in poppigen Farben gedacht, das ausufernd mit popkulturellen Referenzen hantiert und daraus seine Faszination zieht. Der Film unterläuft ganz bewusst die Erwartungen seiner Geschichte, spielt mit Zeichen und Symbolen, die sein Protagonist entdeckt und mit denen er sich auf seine mysteriöse Schnitzeljagd begibt, die am Ende auch irgendwie eine Kreisbewegung ist. Der Film denkt vieles nicht zu Ende und hat einen Hang zur surrealen Verschlüsselung. Frauenfiguren assoziiert der Protagonist mit Hunden. Da geht es dann um den männlichen Blick, den Mitchell überaus ironisch parodiert. Ob das darüber hinaus noch mehr sagt und vielleicht ein Schlüssel zur Identität des Hundemörders ist, der den ganzen Film am Rande durchzieht, das bleibt ein Geheimnis des Films, der es ganz besonders am Ende in Gestalt des Obdachlosenkönigs noch einmal deutlich machen will. Die Frage dabei ist auch inwieweit der Film aus der Subjektiven seines Protagonisten erzählt, also im Grunde auch ein unzuverlässiger Ich-Erzähler vorhanden ist, der uns seine eigene Realität präsentiert. Hinsichtlich der surrealen Einschläge des Films und der Affinität des Protagonisten für Verschwörungstheorien würde solche Einstellung durchaus Sinn machen. Und es wäre nicht der erste Noir, der mit solchen Mitteln arbeitet. Aber auch das wird nie selbst vom Film verifiziert.

Schließlich lässt Mitchell seine ulkige Detektivgeschichte irgendwann zu einem Abschluss kommen in einer Welt, in der wir am Ende wissen, dass nichts mehr ist wie es scheint, alles in Frage zu stellen ist und wir am besten über das Gesehene schweigen sollten. Auch das bringt ihn wieder in die Nähe von »It Follows«, denn wie dieser, kann man auch dieses Folgewerk als eine Art Paranoiakino kennzeichnen, wenngleich es Mitchell es in diesem Fall in Groteske, bisweilen Absurde übersteigert. In der Welt von »Under the Silver Lake« wirkt abschließend nichts mehr real. Wir haben uns mit dem Protagonisten in einem Dickicht der Fiktion verloren. Es war aber eine reizvolle Reise, die man wahrscheinlich auch gerne öfters antreten wird.


7.0 / 10

Autor: Hoffman 




Freitag, 29. Juni 2012

In den kalten Straßen Manhattans - klassische Geheimtipps der Extraklasse: Blast of Silence - Explosion des Schweigens


 
»Du kommst aus dem Nichts. Aus den Schmerzen wurdest du geboren.« - Ich würde meinen, dass »Blast of Silence« erstmal nicht nur einen weitere Geschichte des eiskalten Engels zeigt, sondern sie auch auf innovative Weise abzeichnet. Es ist in aller erster Linie schon beachtlich, was Allen Baron hierbei mit seinem Debüt ablieferte und demnach auch höchst interessant zu betrachten. Geradezu schade, dass er nach nach »Blast of Silence« aus dem Jahre 1961 regelrecht wieder in der Versenkung oder der  Finsternis verschwand. Immerhin dieser Film bleibt uns von ihm und zeigt das Potenzial dieses mehr oder weniger gesagt Multitalents Allen Baron auf, welcher hier nicht nur als Regisseur und Drehbuchautor fungierte, sondern auch selbst auch die Hauptrolle übernahm.



Sichtlich beeindruckend wie Baron hierbei eine Referenz beim amerikanischen B-Movie der Vergangenheit sucht, wie bereits große Regisseure vor ihm wie nach ihm (z.B. Rainer Werner Fassbinder) und so ist es doch absolut faszinierend inwieweit Baron vielleicht sogar Regisseure wie Jean-Pierre Melville prägte, wenn nicht sogar inspirierte, da Melville wie bekannt sein sollte erst 1967 seine eigene Variation des »eiskalten Engels« erschuf. Vielleicht nahm Baron daher das Prinzip des Melville bereits vorweg, aber spekulativ. Selbst aber deutlich geprägt durch den Film noir und "die schwarze Serie" oder wiederum auch dem frühen Melville, welcher seinen markanten Stilmittel ja zu dieser Zeit bereits manifestierte, zeigt sich hingegen Baron selbst. Interessant auch die stilistischen Eigenheiten, die Barons Film so auszeichnen: Kühl, aber nicht zu kühl und gleichzeitig atmosphärisch so dreckig wie ein finsterer Film noir - zu dem man »Blast of Silence« des weiteren auch zählen dürfte.

 Interessant bleibt auch das Voice-Off, was neben Erläuterungen als tiefere Charakterisierung seines Hauptcharakters gesehen werde dürfte und in dieser Hinsicht das Werk fast wieder pessimistische Tendenzen annimmt als eine Reflexion der Einsamkeit und die bittere Seite des Geschäfts aufzeigt, zwar klischeehaft (ein letzter Auftrag und dann raus) jedoch effektiv und faszinierend umgesetzt, auch mit gemächlichen Tempo und einer präzisen Regie. Das Voice-Off auch als Gegenschlag zum offenen und analytischen Dialog, welchen Baron teils ausblendet um effizient, die innere Zerrissenheit seines Protagonisten widerspiegeln zu lassen und somit das Voice-Over einsetzt um dies zu überdecken und um gleichzeitig eine innere, logische Struktur des Films zu offenbaren. Dazu noch bekannte Gangsterfilm-Motive und eine gediegene Stimmung mit dunklen Anklängen.

 Interessant ist demnach auch zweifelsfrei für mich als Gedanke, dass Baron seinen Film (auch mit Hilfe des Voice-Off) in mehrere Episoden des Auftrags teilt. Auch das Spiel von Licht und Schatten wird beschaulich präsentiert und Allen Baron selbst mimt den Auftragskiller Frankie Bono im besten Stile eines späteren Delon bzw. Jeff Costello, wobei er dieses Prinzip auch hier vorweg nimmt, auch wenn er dabei deutlich kälter im Ausdruck blieb, doch auch Baron überzeugt durch Abgeklärtheit als Profi zwischen Berechnung, Kalkül und seinen eigenen Gefühlen der Befreiung aus der düsteren Einsamkeit und weiß sich doch in meiner Sicht sogar zu steigern. Im Grunde eine Charakterstudie über die Einsamkeit, in der der Ausbruch des Unvorhergesehen zu roher Gewalt führt und zur etwaigen Hilflosigkeit der eigenen Kühle. Ironisch dabei auch das eigene Schicksal mit dem seines Protagonisten, wenn auch bitter. Nicht nur bitterkalt, das Ende wie ein Trommenschlag der Finsternis.



Zwischendrin beleuchtet dabei Baron aber auch behutsam die zwischenmenschlichenk Konflikte und Beziehungen seines Charakters. Kunstvoll auch eigene Beschattungen und arrangierte Treffen der Kontaktmänner, Film noir wie er sein sollte und dazu noch das Gefühl eines eigenständigen Melvilles und dessen besonderen und düsteren Stil. Dazu noch »All that Jazz« - besser gehts kaum? Denn der Jazz swingt und untermalt hervorragend die Stimmung von Barons Werk - einzigartig wie diese spezielle Atmosphäre. Eigentlich schade, dass dies Barons einziges, größeres Werk blieb. Leider ein Einzelgänger. Nicht zuletzt eine faszinierende Mischung jeweiliger Stilmittel mit einer gewissen Kühle und Tristheit im pessimistischen Gewand. Ein Melville ohne Melville, dafür mit Baron und einer »Explosion des Schweigens« statt einem »Le Samourai«. Fast könnte man sein Werk als Suche nach der Erlösung sehen, als Erlösung aus der Isolation und Einsamkeit. Außergewöhnlich, auch auf seine Art und Weise. Ein stilvolles Goldstück in der Trübnis des vergessenen Gansterfilm und des Genres an sich.



8.0 / 10


Autor: Hoffman

Montag, 11. Juni 2012

Depressive Doinels, der Film noir und harmonische Töne - Kritik: I hired a Contract Killer


Der schlummert hier schon ewig auf den Blogssphären rum, eigentlich einst zur Notration, aber ich denke um es abwechslungsreich zu halten. Lasse ich den Dingen des Lebens einfach ihren Lauf.
Und täglich grüßt der Kaurismäki bzw. es hieße korrekt: Kaurismäki zum zweiten Paukenschlag! Dieses Mal sogar mit im Gepäck: Jean-Pierre Leaud. Den Nouvelle Vague-Helden. Antoine Doinel beim pessimistisch-lakonischen Kaurismäki? Das weckt Interesse. Hierbei nicht mal ein Truffaut in Sicht, mit dem Leaud bekanntlich große Karriere machte. Insofern kann diese Zusammenarbeit zwischen Leaud und Kaurismäki als ein Comeback der gealterten Nouvelle Vague-Ikone sehen. Das macht mir Kaurismäki glatt noch sympathischer und versöhnlicher - den mochte ich ja seit dem letzten Film eh - auch wenn hierbei wohl große Unterschiede zu meinen ersten Film des Meisters (»Das Mädchen aus der Streichholzfabrik«) bestehen. Denn trotz des recht pessimistischen und leicht düsteren Titels "I hired a Contract Killer" ist Kaurismäkis Film aus dem Jahre 1990 überraschend harmonisch gestimmt.


Dabei ist die Ausgangslage (übrigens nach Jules Verne) wie der Titel wahrscheinlich andeutet recht tragisch wie finster. So zeigt Kaurismäki die ihm wahrscheinlich geliebte pessimistische Welt des einsamen Arbeiters und unauffälligen Einzelgängers. Sogar mit sozialkritischen Elementen. Die Welt der Außenseiter wird gezeigt. Zu denen gehört auch Franzose und verbitterter Verlierer Henri Boulanger. Und so trifft ihn das Schicksal hart als er entlassen wird und darauf keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht und sich gleichauf das Leben nehmen möchte - doch eigene Versuche scheitern - mal was ganz anderes als »How wonderful life is.«. Letzte Chance: Man engagiert selbst einen Killer, der den Auftrag auf allen Wegen erledigt. Doch was machen, wenn man plötzlich bemerkt, dass es nicht berechenbar ist, wo die Liebe hinfällt?


Der Killer also auf den Versen und dabei will man nicht sterben. Das enthüllt uns doch eine gewisse fiese Ironie des Schicksals. Eigentlich für den hintersinnigen Mann schmackhafter Stoff, doch statt seinen Film auf eine depressives und bitteres Drama auszurichten. Wirds ungewöhnlich, denke ich jedenfalls. Zwar zeigt Kaurismäki immer noch im Hintergrund eine triste und pessimistische Welt, dennoch überrascht er mit einem federleichten Erzählstil und viel Charme. So keimt schnell der Gedanke auf: Das macht ja richtig Spaß mit dem heitergesinnten Kaurismäki. So umgibt die äußere Fassade des Films (typisch Kaurismäki nach) eine nüchterne und triste Stadt. Farbgebung spielt dabei eine wichtige Rolle, teils düstere, teils karge Bilder aber doch stets spürbar irgendwie mit einer fast optimistischen Atmosphäre inne. Irgendwie gewöhnungsbedürftig die Gegensätze, welche Kaurismäki in seiner trüben Welt reflektiert und irgendwie ist Kaurismäki dabei mehr als glaubwürdig. Und mittendrin ist der vorhergehend erwähnte Jean-Pierre Leaud als verbitterter, einsamer und deprimierter (deutlich betonter Franzose) Henri Boulanger, der zunächst keinen Sinn im Leben mehr sieht, doch die Liebe einer Frau verändert alles. Leaud überzeugt besonders dank präziser Gestiken und Mimiken, so gewinnt seine Figur schnell die Sympathie und vermag zu faszinieren auf tragisch-humorvolle Weise. Zudem könnte man meinen, dass hier Leaud durchaus spielerisch sein Antoine-Doinel-Image variiert, dies in jedem Falle gekonnt. Und sehr liebenswert. Neben Kaurismäkis tragisch-skurrilen Helden faszinieren auch seine anderen eigenwilligen Charakteren. Und auch hier liegt wieder die Würze in der Kürze, die einen Kaurismäki irgendwie prägt, insofern ist es natürlich meisterhaft mit welcher Vielseitigkeit er sein Werk umsetzt, dazu zählt so sein gemächlicher und feinfühliger Erzählstil als auch sein teils tragisch-komischer Humor mit einer Prise des Wortes hintersinnig-lakonisch. Der Film noir wird immer wieder aufs neue im Sinne des Stils heilig gesprochen und goldig zitiert, liebevoll und lakonisch natürlich. Dazu noch wunderbar geschliffene Dialoge, auch wenn Kaurismäki wohl nie ein Mann vieler Worte war, wie ich bisher feststellte.


An sich ist hier für mich alles recht stimmig. So wird mir der Meister selbstredend schnell sympathisch. Man beruft sich hier also auf die einfachen Dinge des Lebens und des Filmemachens. Alles in allem wird mir "I hired a contract Killer" auf jeden Fall als positiv wie auch harmonisch in Erinnerung bleiben, sogar als Hommage an den Film noir. Den Spaß hatte ich am Film, mit depressiven Doinel, auch wenn man dabei natürlich nicht Kaurismäki´s hintergründige wie tiefgründige Art vergessen sollte und seinen pessimistischen Blick der Dinge, dennoch irgendwie bei weitem eines: Inspirierend.




8.5 / 10

Autor: Hoffman

Sonntag, 20. November 2011

Kritik: Shutter Island

Endlich, nun endlich, endlich keine Angst mehr, keine Furcht, kein Versteckspiel. Endlich keine Panik vor bösen Spoilern. Und so nun endlich (alles ist endlich, nichts ist normal) "Shutter Island" von Martin Scorsese aus dem Jahre 2010 nach dem gleichnamigen Roman von Dennis Lehane gesehen. Ein Film, bei dem ich zu strickten Mitteln griff, da damals überall publiziert (ich mag das Wort) bzw. verbreitet wurde, dass dieser Film einen oder viele überraschende, perfekt ausgeklügelte Twists enthalte. Das weckt Skepsis und Angst vor jeden möglichen Spoilern. Da Hoffman eh so gut wie nie ins Kino ging bzw. geht und zu dieser Zeit auch keine Zeit (ich forme wieder seltsame Sätze) fand, wartete ich, in ständiger Angst vor Spoilern. Ob in verschiedenen Kritiken, Kommentare (weshalb diese erst gar nicht gelesen wurde, bis jetzt) und so weiter, was andererseits zu wilden Fluchtsituationen und Hetzjagden führte und den Rest kann man sich ja denken, oder so. Jetzt aber doch, zum Glück, endlich gesehen.

Zunächst nun wieder kurze Worte zum Inhalt des Ganzen, fein ausgeklügelte Story, intelligent und clever gestrickt und mit schönen Twists, Rätseln oder auch Überraschungen angereichert, zurück in vergangene Zeiten als Detektive noch an der Tagesordnung, mit ihren Trenchcoats, standen: Wir schreiben das Jahr 1954: Auf einer Insel, genannt Shutter Island, sollen U.S.-Marschall Teddy Daniels und sein Partner Chuck im fluchtsicheren Ashecliffe Hospital das Verschwinden einer psychisch gestörten Mörderin aufklären. Im Zuge der Ermittlungen geht Teddy immer mehr mysteriösen Hinweisen nach und entdeckt bald beängstigende Wahrheiten, über diesen Ort.

Gar nicht so überraschend wie der ein oder andere Twist im Film, ist hingegen die Besetzung der Hauptrolle, wer in den letzten Jahren Scorsese´s Filmographie irgendwie verfolgt haben sollte, könnte die Antwort schnell erahnen bzw. ein Kandidat beim Ratespiel hätte die Million fast schon sicher, denn die Besetzung liegt auf der Hand: Leonardo Dicaprio, ihre bereits vierte Zusammenarbeit. Doch was solls, denn Dicaprio zeigt sich in echter Höchstform als Teddy Daniels, bringt er die Ängste bzw. die daraus profitierende immer mehr steigende Paranoia seines Charakters perfekt rüber, verleiht ihr sogar eine gewisse emotionale Tiefe, da kann ich nicht drüber meckern. Als sein Partner Chuck bekommt man noch einen gut agierenden Mark Ruffalo spendiert, wahrscheinlich eine seiner besten Rollen, wo er endlich mal zeigen kann, dass auch er zu überzeugenden bzw. starken Leistungen fähig ist. Und neben ihnen eine genauso überzeugende Emily Mortimer, aber nicht zu vergessen die zwei alten Giganten des Films, einmal ein wie immer grandioser Ben Kingsley als mysteriöser und geheimnisvoller Leiter der Anstalt Dr. Crawley und auf der anderen Seite ein exzellenter Max von Sydow. Und wo wir gerade bei vergessen wären, in der Hinsicht sollte auch noch Jackie Earle Haley als kleiner, aber feiner Bonus erwähnt werden. So weit stimmt also alles.

Und auch Scorsese´s Regie weiß wieder aufs neue zu begeistern. Wie immer hervorragend, spannend und packend erzählt, zugleich lässt er es sich nehmen dem guten, alten Film noir zu huldigen und dessen Elemente mit in seinen Film einzubringen, dazu auch noch unterlegt mit dem Mitteln eines Gruselfilms der alten Schule: Nebel, Sturm, die Bedrohung lauert überall, die Finsternis regiert, sodass man Scorsese´s Werk so fast als einen solchen Trip bzw. Reise in die Dunkelheit sehen könnte, gefüllt Albträumen und schockierenden Realitäten, sodass schnell die Wahrheit erlischt wie eine Flamme im Sturm (komischer Vergleich). Nichts es wie es scheint. Und auch auf den schmackhaften Surrealismus wird nicht verzichtet, fein werden hier die Zutaten gemischt und so vereint Scorsese Traum, Wahn, Albtraum und Wirklichkeit auf einer meisterhaften Ebene und das erzeugte bei mir eine gewisse Faszination. Und ein unheimliches Gefühl machte sich bei mir breit. Nicht zu vergessen die interessant gemachten Wendungen und die Doppeldeutigkeit der Ewigkeit und des Seins, sehr schlau eingefädelt.
Weiterhin noch eine tolle Kameraarbeit, wunderbare düstere und stilvolle angelegte Bilder, allein die Farbgebung der Bilder an sich sehr schön bzw. dadurch stieg meine Faszination für diesen Film doch noch ein Stück weit. Besonders hier werden nochmal die verschiedenen Elemente des Film noirs und Surrealismus deutlich. Vergoldet werden die Bilder mit einer fantastischen bzw. unheimlichen und beängstigenden, ja fast schon beklemmenden Atmosphäre und einer klasse Optik, alles sehr schick gemacht.

Zusätzlich noch ein paar gut gehandhabte Charaktere, besonders natürlich auf den Hauptcharakter des Teddy Daniels bezogen, hier und da interessante Aspekte, sehr präzise überdacht bzw. ausgedacht. Psychologisch-interessant beleuchtet man die Hintergründe verschiedener Figuren, gefiel mir irgendwie, wenn die Nebencharaktere an sich auch nicht immer perfekt gestaltet wurden, aber okay, kleine Klischees, die sich dafür aber gut in den Film eingliedern können. Dazu wird das Ganze noch von einem großartigen Score von Robbie Robertson untertrichen, zwar laut und kraftvoll, dennoch dabei aber spannungsfördernd und mitreißend komponiert.

Unterm Strich bleibt dann nur noch zu sagen, dass Scorsese mit "Shutter Island" ein fein ausgeklügeltes und ausgezeichnetes Verwirrspiel der Extraklasse kreierte, von Anfang bis Ende sehr stimmig, mit einen krönenden Abschluss und einem glänzenden Dicaprio.


8,5 / 10

Autor: Hoffman


Isos Meinung:
Martin Scorsese liefert eine wunderbar detailverliebte Arbeit ab, die nicht nur durch stimmungsvolle Bilder und passende Musik überzeugen kann. Nein, "Shutter Island" ist ein hervorragendes Beispiel für schauspielerische Qualitäten. Dabei liefert Leonardo DiCaprio die bis jetzt beste Leistung seiner gesamten Karriere ab und spielt Daniels mit seinem Leben.
8,5 / 10

Dienstag, 20. September 2011

Kritik: "The Man who wasn´t there"



Wer kennt sich nicht? Wer liebt sie nicht? Ich liebe sie! Denn die guten Coens schaffen es doch immer wieder uns beziehungsweise mich in den Bann ihrer Filme zu ziehen. Mit den unterschiedlichsten Mitteln. Mit den unterschiedlichsten Wegen. Von "The Big Lebowski" zu "Fargo" und wieder zum Anfang mit "Blood Simple" und dann schnell noch zu "No Country for old Men". Doch oft in dieser Großzahl an Meisterwerken, Klassikern und man könnte einige davon auch Kultfile nennen vergessen sitzt er: Der unauffällige Mr. Crane.
"The Man who wasn´t there" ein besonders interessanter Film von Joel und Ethan Coen aus dem Jahre 2001 und auch gleichzeitig ihr 11. Werk.

Die Story brillant gehandhabt, mit kleinen Versatzstücken aus altbekannten Klassikern, es sei erwähnt, dass der ganze Film eine Hommage an den klassischen Film noir darstellt, genauso wurde auch die Story kreiert als wären wir wieder in den alten Zeiten der 1940er bzw. 50er Jahre mit alle ihren Charakteren, eine Story, ein Krimi, ein Drama, alles perfekt zusammengefügt in einem Film, in einer Story über Ed Crane. Einen Friseur in den 40er Jahren. Er schneidet Haare, die Spiegel des Lebens. Er fristet ein recht tristes und eintöniges Leben. Allein mit seiner Ehefrau Doris, er überlegt er nach Auswegen, die es eigentlich nicht gibt...bis der Vertreter Tolliver ihm einen Deal anbietet, er soll den Liebhaber seiner Frau erpressen. Sein Gewinn: 10.000  Dollar, mit denen er ein neues Leben beginnen könnte...ein Ausgang von diesem Leben...

In der Hauptrolle Billy Bob Thorton in einer seiner besten Rollen, unglaublich seine darstellerische Leistung, famos jede einzelne Gestik, jede Mimik, mit solch einem unfassbaren Feingefühl gespielt. Thorton ist der unauffällige Ed Crane.
Selbstverständlich glänzt auch der restliche Cast mit einer großartigen Francis McDormand als Ed´s kühle Ehefrau Doris, einem gut aufspielenden Tony Shalhoub und einem exzellenten Jon Polito als Vertreter Tolliver. Abgerundet wird das grandiose Ensemble dann nur noch von James Gandolfini und Scarlett Johansson.

Einmal wieder herausragend ist natürlich auch der besondere Regiestil der Coens, erstklassig erzählt, im besten Sinne des Film noir, stets wirkte auf mich eine gewisse Spannung und Faszination ein, recht gemächlich, unglaublich intensiv beleuchtet (gleich in doppelter Hinsicht), sodass hier ein wahres Cineastenherz höher schlägt, jeder Moment wie eine Erinnerung an längst vergessene Zeiten. Unüblich durchaus auch das Weglassen des üblichen Coen-Humors, eigentlich(!),  von ihnen selbst aber clever und elegant in die Handlung miteingebunden, denn stattdessen kommen Spuren von Ironie und auf und trotzdem finde ich das Ganze stets eins: rabenschwarz serviert. Wer weiß schon?
Dazu kommt noch eine genauso virtuose Kamera, detailliert filmt sie diese "Tragödie", die Tragödie eines einsamen Mannes, eindringlich in die famosen Schwarz-Weiß-Bilder eingefangen, präzise ausgeführt von Vorne bis Hinten atmosphärisch verziert und dabei stets sehr liebevoll in Bezug auf die klassischen Elemente, hier das interessante gemachte Intro erwähnt wie auch die ein oder andere Fahrt mit dem Auto, bei dem man wirklich die Feinarbeit des Werkes bemerkt.

Die Charaktere werden zwar etwas distanziert behandelt, was ich in der Hinsicht aber sogar als mehr als positiv betrachten möchte, denn so entstand bei mir ein gewisses Interesse, ein Interesse an der Figur des Ed Crane, an der Stelle sei noch gesagt über die vollständige Laufzeit sehr tiefsinnig und ruhig behandelt. Der Fokus richtet sich nun mal auf den einsamen Mann. Irgendwie deprimierend und somit fast tragisch. Kein Charakter zur Identifikation, doch ein interessanter und für mich ein meisterhaft ausgearbeiteter Charakter. Jedes Details stimmt hier und findet seinen Platz, dies auch bei den erstklassigen Dialogen, perfekt niedergeschrieben.
Und dann noch ein ein langsamer Score von Carter Burwell und ein exzellenter Soundtrack, auch stets stimmig gewählt und passend eingesetzt.

Also möchte ich dann nur noch sagen, dass "The Man who wasn´t there" ein absolut unterschätztes Juwel der Coens, ein wahres Meisterwerk und eine fantastische tiefe Hommage an den Film noir mit einem perfekt spielenden Billy Bob Thorton.


 9 / 10

                                                                  
Autor: Hoffman