Posts mit dem Label Nouvelle Vague werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Nouvelle Vague werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 10. April 2015

Die chaotische Welt - Klassiker der Extraklasse: Paris gehört uns (1961)




Bei Jacques Rivette ist Paris nicht die Stadt der Liebe, er wirft einen desillusionierenden Blick auf diesen Ort, er ist düster, fremdartig, trist und entmenschlicht. Das ist ein Paris, das aus den Fugen der Welt geraten ist oder ist es die Welt selbst, die dem nahenden Ende entgegenblicken muss? Was Rivette in »Paris gehört uns« heraufbeschwört, ist Paranoiakino, das von Zeitpolitik, Andeutungen und Einzelheiten in diese und jene Richtungen, Geschehnissen und Nihilismus geprägt ist. Daraus ergibt sich ein Werk voller Mysterien, Geheimnisse und Verschwörungen, in dessen Mittelpunkt eine junge Studentin (Betty Schneider) aus der Provinz steht, die den Selbstmord (oder doch Mord?) des Exilspaniers und Anarchisten Juan nachgeht; eine Suchende, die erst ermutigt, dann entmutigt wird und vergessen soll, auf einen Mantel des Schweigens trifft und ihre riskante Nachforschung doch weiterführt. Das mutet als Detektivfilm an, mit dessen Konventionen und Erwartungen Rivette spielt und sie banalisiert. Eine klare Struktur lässt sich bei Rivette nicht erkennen. Sie ist labyrinthartig, ,wie der Schauplatz Paris. Es ist eine chaotische, aber nicht absurde Welt, heißt es im Film selbst, ein Ausspruch bei dem Rivette gekonnt seinen Film reflektiert.



Paris ist zu einer Stadt der Fragezeichen geworden. Menschen sind Marionetten, alles ist Schein, sie tauchen auf und verschwinden wieder. Wenngleich das ebenso den schwierigen Produktionsbedingungen geschuldet sein mag, so scheint aber dafür Rivette auch Alternativen gefunden zu haben, die sein Stück noch umso undurchsichtiger erscheinen lassen. Das Theater nimmt einen zentralen Punkt ein, es ist keine Einbildung, es ist die Realität! Es ist der Ausgang von allem, die Welt ist zu einem großen Theater geworden, von Realität und Illusion, Leben und Tod. Ebenso versucht der Theaterregisseur Gérald Shakespeares »Perikles« auf die Bühne zu bringen, doch fehlen ihm Budget und Besatzung, sodass er oftmals improvisieren muss, wie Rivette bei diesem Film selbst und so gibt es hier auch Gastauftritte von Chabrol, Godard, Brialy und Demy. Diese Flüchtigkeit findet sich aber auch den Bilder wieder, welche andererseits rätselhaft wirken, mit Schatten, gedämpften Lichtern, Konturen und Vorhängen, die verbergen sollen.



Das ist eine fragile Welt voller Unsicherheit, Täuschung, Gefahr und Unheil, die einen verschlingt, bei der Rivette aber hin und wieder abschweift beim Theater oder bei der Literatur. Damit vereint Rivette aber auch Bruchstücke, die auf einer neuen Ebene Zusammenhänge ergeben. Dabei merkt man ihm eine gewisse Spielfreude beim Ganzen an. Alles ist vage, nichts will eindeutig sein. Es liegt eine feindselige wie auch bedrohliche Stimmung in der Luft und sogar Lang wird hier mehrfach zitiert, ob mit »Metropolis« oder »Mabuse«, denn bei Rivette scheint in all das eine Geheimorganisation verstrickt zu sein, die nach Macht strebt und die Ordnung der Welt ins Wanken bringt. Das Böse hat viele Gesichter, ansonsten wäre es zu einfach und Rivettes Film verschlingt einen immer dann besonders, wenn er genau diese Verworrenheit zuspitzt. So ist letztlich daraus ein sonderbares und geheimnisvolles Werk geworden, dass sich jeder Bestimmtheit entbehrt und über das sich wohl ewig rätseln lässt. Bei Rivette gehört Paris niemandem.


7.0 / 10

Autor: Hoffman 

Dienstag, 26. März 2013

Godard Retroperspektive #4 - Klassiker der Extraklasse: Die Verachtung (1963)



»Ich verachte dich. Ich empfinde für dich nur noch Verachtung. Deshalb liebe ich dich nicht mehr. Ich verachte dich. Und wenn du mich berührst, wird mir übel.« - Man könnte meinen Jean-Luc Godards Filmschaffen berufe sich im Grunde nur auf eine bedeutende Tätigkeit: Der Abrechnung. Obgleich Nouvelle Vague-Kumpane Truffaut doch stets meinte, selbst nach der Entzweihung: »Ein Kunstwerk darf keine Abrechnung sein« - und doch schafft es Godard diese Prämisse stets verzückend zu verpacken. So auch bei »Le Mépris« aus dem Jahre 1963, vielleicht hier sogar am bissigsten und schönsten (ich mag Superlativen), es geht immerhin ums Filmemachen selbst. Der Titel »Die Verachtung« springt sofort ins Auge und braucht keiner ausführlichen Worte - auch dabei geht es ums Abrechnen und Godards Verachtung gegenüber dem bösen Hollywood und deren profitgierigen Gefolge von Produzenten. Eine Herzensangelegenheit für Godard, denen eins vor die Rübe zu knallen. Denn klassisch ist hier gar nichts, nicht mal das Intro: Die Credits werden erzählerisch verzehrt.



Es folgt das Zahn um Zahn Prinzip. Oder treffender: Auge um Auge, im Antlitz des Zuschauers. Pure Ironie. Der Kameratrick. Ein wenig spielerisch, das farbliche Kontrastprogramm wird getätigt. Bevor es dann schließlich auf in den ewigen (und unerbittlichen) Kampf gegen die Konventionen geht. Deren Ausgeburt des Bösen der Filmproduzent ist, Jack Palance als verkommenes Subjekt und Repräsentant dieser Gattung. Er ist das Zeichen des Bösen für Godard. Palance mimt zynisch (sogar mit zündender Sonnenbrille) den Kapitalisten, den Banausen, für den Kunst doch nur Kommerz ist. So ist dessen Präsenz spürbar in jeder seiner Szenen. Sein roter Alfa Romeo symbolisiert so frei seine Machtposition im Stück. Verwirklicht in einer Dreieckskonstellation, in seiner Schlichtheit atemraubend und mit Anleihen beim griechischen Drama. Dramaturgisch wertvoll. Die Bardot als Verachtende und Geliebte, sie fühlt sich verraten und verkauft. Sie bleibt resolut. Gar prostituiert für des Erfolges Willen fühlt sie sich, doch der wahre Verkaufte ist Michel Piccoli als Drehbuchautor. Er, der Narr, dessen Absichten nicht boshaft noch böswillig gesät sind und doch will er nicht erkennen, dass er unentwegt einem Pakt mit dem Teufel (= Hollywood) schließt. Goethe grüßt die Griechen. Und Godard erweitert um ein weiteres Mal sein Motiv der Liebe. Eigentlich bildet »Le Mépris« das Kontrastprogramm zu »Une Femme est une Femme« (1961), bei diesem war es die schwungvolle Lebensfreude einer Komödie, hier ist es das schwermütige und kunstvolle Melodram, welches Godard wohlschmeckend modelliert.


Dazu darf auch hier wieder fleißig definiert werden, wo dies später Samuel Fuller tat, gibt sich hier Fritz Lang selbst die Ehre als Heiliger und erläutert mit jedem Wort bedächtig und voller Weisheit die Facetten des Kinos und der Kunst. Godard (als Regieassistent Langs) präsentiert das Wort Langs als wahre Neuerkenntnis und setzt ihn (Lang) als Allwissenden in Szene. Es braucht nicht lange um zu erkennen: Godard verehrte Fritz Lang zutiefst - zu Recht natürlich. Der Meister Lang gibt sich sogar selbstkritisch gegen die Erwartungen, denn es nicht »Engel der Gejagten« (Ein Film aus Langs späterer, enttäuschend aufgenommener Hollywoodphase), sondern »M«, den Lang selbst bevorzugt und auch die biografischen Referenzen bei Lang zu Bertolt Brecht (»Hollywood«) werden keineswegs verleugnet, sondern reflektieren sogar Erkenntnis. Zudem gibt es auch Langs Wort in Buchform. Eine echte Hommage an Lang und nicht zu vergessen an das Kino selbst. Der Stern des Kinos scheint zu sinken durch den Kommerz der Produzenten, die die Kunst nicht anerkennen am Filmemachen.


Godard sinniert über Sinn und Verständnis des Kinos, im Grunde setzt dies Godards gesamtes Schaffen voraus. Er gewichtet seine Figuren sanft. Godard experimentiert mit Stilmitteln, weiß aber auch zärtlich zu inszenieren und hintersinnig abzurechnen, die große Stärke dieses Godards, obgleich die Schlichtheit der Dreiecksgeschichte auch somit ein gediegenes Erzähltempo beansprucht: Der Schauplatz von Capri, faszinierend - ausschweifend, im besonderen wenn Herr Coutard die Kamera für sein Handwerk beschlagnahmt - die Kamera schwebt - und hypnotisiert mit traumhaften Bildern, mit ausdrucksstarker und prächtiger Ästhetik. Dazu der Score, der melodisch-melodramatische Score von  Delerue und schon ist man verzückt. Mit der Off-Voice wird nebenbei einmal das Innenleben der Protagonisten offen gelegt und ihre Konflikte mit sich selbst. Und der Hintergrund der Odyssee bei Langs neuen Film ist sicherlich nicht ohne Hintergedanken gewählt, eine Odyssee, nicht nur die Homers, die des »Cinema«. Außerdem nutzt Godard hier schon das Film im Filmprinzip. Die Konflikte und Charaktere der Odyssee reflektiert er gleichzeitig auf die Beziehung seiner Charaktere. Nur zu liebst philosophiert Godard darüber, da dürfen auch Erwähnungen von Ray, Chaplin und Griffith nicht fehlen.



Ein Dokument für und um die Geschichte des Kinos. Die Geschichte zwischen zärtlichen Eigenwillen und filmischen Ausbrüchen, voller Schönheit, voller roher Emotion. Das Leben und sterben wie auch das Leben und Lieben. Trauer und Enttäuschung? Und ein postmodernes Design gibt es zu bewundern. Godards Liebe zum Kino ist unverkennbar, diese Vernarrtheit, wenngleich man das auch als hochtrabende Preisung des Kinos zu bezeichnen kann. Jedoch macht dies die Angelegenheit wohl auch gleichzeitig faszinierender, wenn Godard fast überschwänglich Metaphern und Symbolik zum Einsatz bringt, sodass griechische Götterstaturen als Spiegel der Emotionen und Zustände seiner Protagonisten dienen, liebevolle Detailarbeit steckt dahinter. Der Film im Film und »Le Mépris« -  Godard über das Filmemachen. Selbst wenn das tragische Verhängnis der Liebe statt zum Untergang, zur Wiedergeburt führt, kurzum ist so Godards Botschaft: Es lebe das Kino!



8.5 / 10


Autor: Hoffman

Dienstag, 28. August 2012

Der Klang des unermütlichen Rebellen - Klassiker der Extraklasse: Sie küssten ihn und sie schlugen ihn




»Les Quatre Cents Coups« - Der Anbeginn alter guten Dinge. Der Beginn der Novuelle Vague. Der Beginn des großen Francois Truffaut. Der Beginn des persönlichen Doinel-Zyklus. Durch den Beginn des Nouvelle Vague auch der Beginn vieler anderer großer Regisseure von Godard, Chabrol, Rohmer (ok, den mag ich nicht) bis Resnais und auch der Beginn des oft zitierten Schlussbildes - obgleich es vor Truffaut wiederum auch nicht möglich gewesen wäre. Aber nicht der Beginn meiner Liebe zum Film - das wäre zu klischeehaft. Der Anbeginn von allem Guten - nun gut das wäre zu weit gefächert. Aber immerhin ein Beginn. Aber genug von zweitrangigen Buchstaben: »400 Blows« aus dem Jahre 1959 legte schließlich den Grundstein für den Anfang wie auch ersten Spielfilm von Francois Truffaut. Und auch dieser Film beginnt: Kunstvoll wie Truffauts gesamtes Schaffen. Mit einer Kamerafahrt durch das bezaubernde Paris. Bevor uns Truffaut kurz darauf mit seinem Alter Ego bekannt macht: Antoine Doinel.




Der Held des Nouvelle Vague. Der Revolutionär. Das Symbol der Nouvelle Vague. Kein Rebell und doch ein Rebell, der gegen die Normen der alten Generation ankämpft. Ein zweckloser Kampf? Noch nicht ganz. Der tapfere Kämpfer. Die Sympathiefigur? Ein respektloser, frecher, dreister, ungeliebten und schelmischer Junge? Auch ein Kleinkrimineller. Und ein Lügner. Als Projektion wie Intention dieser Stilrichtung? Als Kampf des Individuums gegen das Systems? Ja, so was gab es schließlich nur bei Truffaut und seiner selbstreflexionistischen Figur. Überall kleinere filmische Revolutionen. Und ja Doinel als Symbol der Stilrichtung. Der Schrei nach Veränderung. Der Charakter des Doinel lässt sich zweifelsfrei auf den Gedanken dieser übertragen. »Wind of Change« in der Generation wie auch im Medium Film. Der Junge, der sich nicht anpassen will. Weg vom alten hin zum neuen. Eine neue Hoffnung.

Der Wille des Truffaut geschieht aus Kinderaugen und die Konventionsbrüche werden beantragt, etwas kleiner und zahmer, aber noch wie gesagt jeder beginnt klein. Daher mag »400 Blows« doch noch Konventionen enthalten, was so mancherlei Stilmittel betrifft. Unser Antoine Doinel kristallisiert sich stark heraus, während sein Umfeld hierbei mit Klischees belegt wird, um zu verdeutlichen, auch wenn es Truffaut schafft diesen Klischees durchaus Authentizität zu verleihen. Liegt vielleicht auch nur an heutigen Umständen, so etwa die desinteressierte Mutter, der bemühte Stiefvater, der treue Kumpel oder die tyrannischen Lehrer. Doinel grandios dargestellt vom späteren Nouvelle Vague-Star der Herzen, Jean-Pierre Leaud - mit gerade mal 14 Jahren - lebensnah, faszinierend wie auch glaubwürdig gemimt. Mit besonderer Intensität und nicht zuletzt unendlich sympathisch dabei. Schon hier beweist Leaud großes Können. So auch der ewige Träumer, so wird auch »Cinema« selbst gehuldigt, für welches Antoine eine Vorliebe prägt oder essentiell auch das Buch wie von Balzac.

Truffaut, dieser alte Büchernarr reflektiert sich selbst. Wenn auch hier schon seine Handschrift deutlich erkennbar, frisch wie eh und je und mit einem Charme, den man sich nicht entziehen könnte. Federleicht, in manchen Momenten melancholisch wie auch tragisch und doch zugleich so frech und spontan inszeniert, nicht ohne Humor - Truffaut beschwört die Nostalgie des Kinos geschickt herauf. Behutsam erzählt und sensibel gefasst. Verführt auch mit seinen wundervollen Bildkompositionen und seiner poetischen Ader dieser. Stilistisch hervorragend wie auch kühl gefilmt und stets mit Authentizität und purer Eleganz in Szene gesetzt. Die Kamera, intensiv schwebt sie nahezu meisterhaft über den Protagonisten und doch so umfassend. Der Nouvelle Vague lebt.





Vielleicht somit auch ein Beginn für den Coming-of-Age-Film. Wie unendlichfach erwähnt, hier beginnt vieles. Von Stil bis Truffaut. Ein verzückendes Werk. Antoine Doinel gegen die Unterdrückung der Erwachsenen. Ein Kämpfer. Ein unermüdlicher Renner. Bis zur Unendlichkeit oder einfach nur bis zum Meer. Das Schlussbild deutet und setzt dann schließlich den Jungen zwischen Sehnsucht, Zuneigung, Unabhängigkeit und Freiheit. »So shine sweet freedom?« - Es bleibt den unseren verschlossen, doch Truffaut wird fortsetzten - zunächst schießt er noch frech auf seine Pianisten - bevor er Antoine die Liebe mit Zwanzig entdecken lässt.



8.5 / 10



Autor: Hoffman

Samstag, 3. März 2012

Klassiker der Extraklasse: Jules & Jim (1961)



»Ich liebe dich, ich habe dir gesagt warte. Fast hätte ich gesagt nimm mich, du hast mir gesagt: Geh...«

Kommen wir nun also zum großen Abschluss eines kleinen Rückblick auf Francois Truffaut und seinen Filmen, dem man der das Nouvelle Vague bildete, das gemeinsam mit Chabrol und Godard, und so kann man sich vor diesem Mann doch nur tief verbeugen für seine grandiosen Filme (u.a. dem Doinel-Zyklus), die er uns schenkte und so möchte ich nun abschließen mit einem seiner bedeutendsten Filme, einem Klassiker wie auch Meilenstein des Nouvelle Vague, "Jules und Jim" von Truffaut aus dem Jahre 1962, Truffauts bereits dritter Spielfilm und zudem basierend auf dem gleichnamigen Roman von Henri-Pierre Roché.


Und so bildet Truffauts erstmal einige Merkmale, man würde wohl sagen eines Liebesfilms bzw. um präziser zu werden einer Dreiecksgeschichte und ich möchte insofern fast behaupten, auf diese Art und Weise wie Truffaut jene Story regelt, ist für mich im Grunde genommen zeitlos. Und vielleicht sogar der Schönsten, die Handlung zwar schnell erklärt, aber auch faszinierend und vielschichtig gestaltet, ein Film um die Liebe, Freundschaft und das Leben dazwischen und die Tragik des Todes: Truffaut führt uns zurück in die Vergangenheit und ins Jahr 1912, in Paris: Österreicher Jules und der Franzose Jim sind Freunde, was sie einst verband war die Literatur und doch würden sie alles füreinander tun. Beide verlieben sich in diesselbe Frau, die unberechenbare und schöne Catherine, diese entscheidet sich aber anfangs noch für Jules...



Anderweitig stimmt natürlich auch die Besetzung bei diesem munteren Stück einer verzwickten Dreiecksgeschichte, so einmal legendär selbstredend und ohne Gleichen Jeanne Moreau in ihrer nahezu einzigartigen Rolle der Catherine, welche sie bis zum heutigen Tage berühmt machte und ich würde nicht zögern,  jene Darstellung als eine ihrer besten zu bezeichnen und vergessen wir bitte nicht allein ihr Gesang ist bezaubernd und wundervoll. Und als Jules und Jim trumpfen einerseits der unvergessene Oskar Werner als Jules, sein Spiel hierbei wirklich und gerade erst durch jene Rolle lerne ich ihn lieben, sehr liebevoll und mit Einsatz verkörpert, genauso bestechend agierend dann letztlich auch Henri Serre als Jim, welcher wie die Liebe zu Catherine in sich spürt, doch gerade ihm wird, trotz späteren Glück, das tragischste von allen Schicksalen zugesprochen. Eine wahre Freundschaft und ein perfektes Zusammenspiel jener drei Akteure man spürt die Freude, man fühlt das Leid und auch rief in mir eine besondere Faszination hervor. Das was Freunde füreinander tun, Konflikte, Kontakte, aber auch Verständnis und Hilfsbereitschaft.


Truffaut selbst zeigt sich so natürlich in einer seiner großen Schaffensphasen, nicht umsonst wählte ich jenen Film hierbei als Abschluss so elitär aus. Und was Truffaut hier mit "Jules und Jim" kreierte ist selbstredend für mich auch großes Nouvelle Vague-Kino. Zugeben möchte ich an dieser Stelle, dass ich ehrlich gesagt auch recht wenig von diesem Film erwartete, muss wohl an dem Genre gelegen haben, aber schon in den erstem Sekunden zeigte sich mir, das was manche virtuoses und nahezu einzigartiges Truffaut-Kino nennen. Anfang einem Rauschzustand ähnlich, es beginnt mit solch Schwung, mut solchen Tempo mit so viel Heiterkeit und Eleganz (wie immer bei Truffaut). Wirklich grandios. Dennoch entwickelt Truffaut auch einen gewissen Grad an Melancholie, welche ab dann stets mitschwingt und auch leise zwischen Töne werden hierbei nicht gescheut. Truffaut hat nun mal Feingefühl und bietet genug faszinierender Aspekte, für mich besonders durch den ständigen Bilderrausch, fesselnd gehalten und ich bin mir fast sicher, dass es hierbei einige Sequenzen gab, die ich wohl nie vergessen werde, ob Anfang, ob Ende. Und doch mag sein Film trotz aller naiver Spielfreude und Charme, letztlich auch düstere Töne anschlagen und Truffauts Ader für einen Hauch von Poesie sollte eh allerseits bekannt sein. Ein weitreichender und vielfältig zu betrachtender Film. Dazu jedes Bild wie ein Fest (sicher: Kamera Raoul Coutard) und von einer solchen Schönheit geprägt, ich kann es nur mit den Worten ganz einfach: wunderbar beschreiben. Diese Präzision stets bemerkenswert wie auch Truffauts Regie.


Was sollte man nun noch erwähnen? Was darf man nun nicht vergessen? Ich bin verwirrt. Ich bin unsicher, so wohl Bewertung als Beschreibung des Gesehenen. Ich weiß es wieder...und auch hier wird wieder kräftig in der Literatur gestöbert, auch wenn nette Telefonzellen somit auch ausfallen müssen, aber auch hier wird der Chanson gewürdigt und Jeanne Moreau singt, das allein ist es doch schon Wert.



Abschließend möchte ich hier dann nur noch gesagt haben, dass "Jules & Jim" in seiner Machart absolut einbandfrei gestaltet ist, stets elegant schwingend zwischen heiterem Frohsinn und melancholisch-düsteren Ton, das ist großes Kino. Eine Aufwertung wird noch erfolgen, denn dieser Film zählt so zunächst für mich einmal zu den schönsten Liebesgeschichten der weiten Filmwelt. Am 6. Februar wäre Francois Truffaut 80 Jahre alt geworden, er starb bereits 1984 und doch lebt sein Vermächtnis weiter, in Form seiner Filme und ich bin ihm dankbar für jene. Und "Jules & Jim" ist dabei kurzum gesagt: Truffautstisch...




8.5 / 10


Autor: Hoffman

Sonntag, 19. Februar 2012

Klassiker der Extraklasse: Geraubte Küsse (1968)




Das Uhrwerk tickt. Es schlägt zwölf. Der Wehrdienst beendet. Nicht fähig, wie es scheint und kaum zu gebrauchen. Doch Fünf ist die Zahl, die zählt. Es ist Zeit für Truffaut zum zweiten Mal. Dieses mal schießt er dennoch auf keine Pianisten (jene sind in heller Vorfreude), sondern schenkt uns geraubte Küsse - welche gefährlich schmecken, köstlich und doch verboten. Das alles im Sinne seines sehr persönlichen Antoine-Doinel-Zyklus, welcher wie man oft vernahm autobiografische Züge seitens Truffaut besitzt. Soweit ich das wahrnehmen kann, Nummer 3.Verführerisch und nicht zu verachten "Geraubte Küsse" von Francois Truffaut aus dem Jahre 1968 und wie oft bei Truffaut (Widmungen, Anspielungen, Ehrungen) gleichzeitig Henri Langlois gewidmet.



Wie erwähnt führt Truffaut seine Doinel-Reihe mit diesen Film konsequent weiter, das stets mit sehr feiner Note und präzise erdacht und doch schwer zusammenzufassen für mich, wie kann man sie umschreiben. Man könnte den Film insofern als Hommage an das Leben oder noch präziser gesagt an die wahre Liebe sehen, verbunden durch das Leben das Doinels, welches Truffaut (nach dem Kurzfilm "Antoine & Colette) weiterführt. Für ihn heißt es erstmal raus aus der Armee. Eh kein Platz für ihn. Und so macht er sich auf die Suche nach einem Job, wer würde das nicht (?) und gelangt über weite Wege (»viele Wege führen nach Rom!«) ans Ziel, bei einem Detektivbüro. Doch gerade als Detektiv verliebt er sich in die Frau, die er eigentlich beschatten soll. Episoden aus dem Leben des Antoine und zudem so irgendwie glaubwürdig ausgearbeitet. Voll das Leben.



Das Alter Ego Truffauts bleibt wie vorher auch gleich besetzt, mit meinem persönlichen Liebling (der Herzen) der Nouvelle Vague und der Held, in gewisser Weise einer bestimmten Zeit, meiner Jugend Jean Pierre Leaud als Antoine Doinel, welcher schüchtern und verträumt, kein Rebell und dabei doch ein Rebell, der nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht. Verwirrend? Irgendwie schon. Doinel, ein junger Mann, scheinbar ohne große Überzeugungen, das Leben halt. Und er im Alltag mittendrin. Faszinierend zu beobachten, jene Aspekte (auch erneut nochmal auf Truffaut bezogen). Als Detektiv doch durchaus nicht schlecht, dennoch sollte man es vermeiden ihn Leute beschatten zu lassen. Gesehen und nicht gesehen werden, naja. Leaud glänzt erneut, überzeugt und verzauberte mich erneut mit seinem gewissen Charme, irgendwie muss ich den Jungen irgendwie insofern lieben. Truffaut entdeckte viele Darsteller und Darstellerinnen für den Nouvelle Vague bzw. förderte sie, und verschaffte ihnen Rollen in seinen Filme und so zählt auch Claude Jade zu ihnen, von Truffaut entdeckt und gleich in ihrem Debüt in seinem Film weiß sie zu überzeugen als Doinels alte Jugendliebe Christine. Dazu noch Delphine Seyrig, bezaubernd wie immer als Fabienne Tabard, die Frau, die Doinel eigentlich ausspionieren soll, sich aber letztlich in sie verliebt. Und so nun zwischen der Entscheidung steht, wenn solle man nehmen Christine oder Madame Tabard. Wo die Liebe hinfällt.



Truffaut inszeniert dazu wieder einmal im großen Maße grandios. Für mich doch packend wie auch treffend bzw. faszinierend beschrieben von Truffaut, das Liebes-und das Berufsleben bzw. somit auch die Weiterführung seines Hauptprotagonisten Doinel. Angereichert mit den feinen Elementen eines heiteren Detektivfilms, zwischen Humor, Gefühl und einem melancholischen Lebensgefühl inszeniert, elegant wie auch stets schmackhaft. Zudem sogar von ihm im Kontext sehr glaubwürdig und authentisch gehalten, der Verlauf der Geschichte. Der Alltag, episodenhaft gehalten, aber um ehrlich zu sein: inszenatorisch ein echter Genuss. Charmant und mit viel Liebe zum Detail von Truffaut gehandhabt. Ein Film, dessen Charme ich mich beim besten Willen nicht entziehen konnte. Irgendwie stimmte hier so gut wie alles. Ob Charme, ob der durchaus frech angehauchte Grundton oder auch in Hinsicht der poetischen Ader des Films. Und es wird auch wieder gelesen, wo es nur geht, das Markenzeichen Truffauts (der Büchernarr), auch hier präsent. Von der Kamera wieder einmal in ein bezauberndes wie auch schön gefilmtes Bildergewand gehüllt. Insofern wirklich alles ideal gemacht von der Inszenierung. Das ich den Film in der Hinsicht wirklich nur anhimmeln kann, wie auch Leaud nebenbei an sich.


Weiterhin noch mit wunderbar geschliffenen Dialogen und stets treffenden Sequenzen angereichert, teilweise köstlich verarbeitet, besonders noch auch Mal im Sinne des Ungewissen und des im Grunde genommen völlig absurden, dabei irgendwie urkomischen, Abschluss des Films. Fantastisch! Wie schon erwähnt die Figuren für mich faszinierend und interessant gestaltet, sehr liebevoll, und Antoine musste ich schon immer gleich ins Herz schließen. Auch hier scheut Truffaut letztlich nicht die Hommage, denn der Titel von Truffauts Film ist einem Chanson von Charles Trenet entnommen, welchen Truffaut auch nochmal anfangs einspielen lässt.



Und so bleibt mir abschließend dann nur noch zu sagen, dass "Geraubte Küsse" kurzum wohl ein echter filmischer Genuss ist, ein Film zum verlieben und das im wahrsten Sinne, man schenke ihm so baldauf ein echtes Herz und meine Verehrung, auf Küsse müsste er dennoch verzichten, ich bin wohl zu herzlich, aber Truffauts Werk für mich herausragend und Jean-Pierre Leaud als Doinel eh von brillantem Schauspiel geprägt. Erwähnt werden sollte noch, dass man uns bzw. mir bzw. Antoine zeigt wie man ein Zwieback bestreicht ohne es in irgendeiner Form zu zerbrechen und wenn das nicht allein einen Blick wert ist, dann weiß ich auch nicht...



9.0 / 10

Autor: Hoffman

Samstag, 11. Februar 2012

Klassiker der Extraklasse: Schießen Sie auf den Pianisten



Der Pianist, ein Mann - der Volk und Zuschauer stets mit seinem souveränen Klavierspiel zu begeistern weiß, ob nun in Bars, Restaurants oder auch Kreuzfahrtschiffen. Ein Virtuose am Klavier. Er unterhält das Publikum mit Musik. Wie sagte schon Billy Joel selbst:»I´m the entertainer«. So schrieb Joel auch nochmal selbst den Song "Piano Man", könnte man als Hommage an jenen Beruf betrachten und an dessen Qualitäten. Eben ein Klavierspieler wie er im Buche steht. Und nun lässt Francios Truffaut auf seinen Hauptprotagonisten (dem Pianisten) schießen, unter dem gleichnamigen Titel "Schießen sie auf den Pianisten" von Truffaut aus dem Jahre 1960, nach dem Roman "Down There" von David Goodis - es scheint als wäre Truffaut kein besonders netter Mensch, jedenfalls wenn es um Pianisten geht. Was damals floppte, ist heute Kult, gut so.



Wer weiß welch ungeahnte Sehnsüchte und welche Wut bei seinem zweiten Film in ihm tobten, man will aber nicht spekulieren. Ich liebe Truffaut immerhin, also kein schlechtes Wort. Nun eher zur Story, die wie Truffaut selbst meinte als eine Hommage an den Gangsterfilm (dazu genug Anspielungen seinerseits) gesehen werden sollte. Truffaut verstrickt seinen Pianisten in eine Geschichte voller Liebe und doch dort lauert auch der Tod, der keine Wiederkehr kennt, voller Tragik und Mord der Einsamkeit, dem einstigen Erfolg. Geschickt mischt Truffaut die Zutaten und lässt so mit schlauen Zügen und einer intelligenten Weise der Erzählung auf seinen Pianisten schießen und lässt den armen Barpianisten Charlie, durch seinen Bruder, in eine düstere Gangstergeschichte geraten, der Pianist selbst doch verschlossen, er verliebt sich in Kellnerin  Lena und doch wird er bis heute von seiner tragischen Vergangenheit dabei stets verfolgt. Verwirrend, ungewöhnlich und nicht nach den Konventionen geordnet, Truffauts Story, aber so doch umso interessanter im Verlauf zu beobachten.


Dabei ist der Mann am Klavier Charles Aznavour, obwohl doch sonst wohl eher als großer und international gefeierter Sänger bekannt, dennoch Aznavour passt sich an und verleiht auch dem Piano seine Seele und gibts ihm vollständig hin, das auch beim Schauspiel. Mit simplen, aber tiefschürfenden Blicken verleiht er seinem Charakter eine Vielfalt an Tiefgang. Aznavour lebt den Charakter des begabten, aber doch in sich gekehrten und verschlossenen bzw. schüchternen Barpianisten Charlie voll ganz. Weiterhin gut aufspielend und mit voller Kraft in den Rollen Marie Dubios als Kellnerin Lena, Nicole Berger und auch nicht zu vergessen Michéle Mercier.




Und Truffaut selbst mixt gekonnt die Zutaten in seinem zweiten Spielfilm und weiß zu begeistern, ob nun in Hinsicht einer Hommage an den amerikanischen Gangsterfilm, dem Psychogramm eines einsamen Mannes, der sein Leben in der Musik findet oder alles vielschichtig gestricktes Melodram über die Liebe. Dazu selbstredend noch ein ordentlich Schuss schwarzer Humor, der nie fehlen darf und ironisch angehauchten Anspielungen, gekonnt in Szene gesetzt. Für mich doch ungewöhnlich wahrzunehmen Truffauts Erzählmittel -bzw. Stil, faszinierend jedoch im vollen Maße und die Entwicklung der Geschichte wohl kaum in irgendwelcher Weise vorhersehbar, außerordentlich gelungen wie auch raffiniert ausgedacht meine ich, eine grandiose Dramaturgie. Eine Palette eines Films vollwertig ausgelotet von Truffaut von Melodram zu Liebesfilm bis Krimi, stets mit  humorvollen als auch tragischen Aspekten verfeinert und mit einem Hauch Poesie perfektioniert, lasse man es sich schmecken. Ein weiterer Grund Truffaut zu lieben, auch wenn er auf Pianisten schießen mag, aber dies hervorragend, sei es ihm verziehen. Die Bilder wieder einmal famos in jeder Hinsicht, brillant und kunstvoll-berauschend gefilmt, ein Bild für mich insofern wie ein Rausch, durchaus mysteriös und in purer Ausstrahlung voller Schönheit und Stil (Kamera immerhin auch Raoul Coutard) .


Doch wo Pianisten sind, ist auch oft ein Klavier und dieses erschafft Musik. Insofern huldigt Truffaut in seinem Film selbstredend auch der Musik, dem Chanson oder auch Boby Lapointe selbst nochmal, welcher von Truffaut einen Auftritt in seinem Film spendiert bekam. Die Musik durchzieht den Film, irgendwie scheint sie stets präsent. Des weiteren mit exzellenten und schlauen Dialogen angereichert und die Figuren auch sehr gut gezeichnet, hintergründig und interessant (auch hier mit Anspielungen) gestaltet. Besonders stark hierbei selbstredend in Hinsicht des Hauptcharakters, des traurig dreinblickenden Pianisten.



Letztlich bleibt mir dann nur noch zu sagen, dass Truffaut mit "Schießen Sie auf den Pianisten" doch ein genialer, virtuos verbundener und konsequent inszenierter Mix aus verschiedenen Genre-Versatzstücken gelungen ist, voller Suspense, Humor und viel Tragik. Perfekt besetzt und tiefgründig gespielt von Charles Aznavour in der Hauptrolle. Jetzt weiß ich wieder warum ich Truffaut schon immer liebte und ewig lieben werde.


            8,5 / 10

Autor: Hoffman