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Freitag, 20. Juni 2014

Terrorkino im Bergmanstil? - Klassiker der Extraklasse: Die Jungfrauenquelle (1959)




»God have mercy on me.« - Wie im bereits zwei Jahre zuvor erschienenen Film »Das siebente Siegel« transferiert Bergman seinen Film in die mittelalterliche Epoche Schwedens und rekonstruiert gekonnt diese Epoche, nicht mehr ganz so pessimistisch wie einst, aber zweifelsfrei detailreich. Im Mittelpunkt stehen wie auch einst, Gott und der Mensch, kühl wirken die schwarz-weißen Bildern in ihrer analytischen Intensität, das Spiel zwischen Lichtbeleuchtungen und Schatten ist faszinierend und die Bauten erwecken das Mittelalter abermals lebendig wieder. Die Kamera ist präzise und erzeugt naturell-intensive Bilder. Wen wundert´s? Die Kamera wird geführt vom großen Sven Nykvist. Nykvist zeigt sich besonders faszinierend vom Morgengrauen, der Dämmerung des Sonnenscheins und von Abschirmung der Natur. Man man legt wert auf ein düsteres und symbolisches Ambiente. Thematisch ist der Film einer mittelalterlichen Ballade nachempfunden. So greift auch hier Bergman seine Lieblingsmotive der Religiosität, der Suche nach Gott und der Glaubensfrage auf.



Ansonsten lassen sich so auch einige Märchenmotive (»Goldmarie« und »Pechmarie«) wiederfinden, mit welchen Bergman selbstredend auch abrechnet, so dämmert es aber auch schnell, dass die daraus profitierende Abrechnung mit den Oberflächen (symbolisiert durch die verwöhnte Bauerstochter) als konsequente Weiterführung dieser Motive zu sehen wären. Und schon schickt auch Bergman sein naives Rotkäppchen auf durch den tiefen Wald mit dem Ziel der Kirche. Doch das Bild verdichtet sich, der glänzende Schein der Dämmerung schwindet und Bergman deutet Unheil an und bevor man sich versieht, sieht man das bergmanisches Terrorkino. Bergman agiert perfide, zeigt die Vergewaltigung seiner symbolisierten Unschuld durch drei Brüder. Bergman erschüttert, ernüchtert und lässt Nykvist ungeschönt filmen. Das soll schließlich verstören. Das Mädchen wird seiner Unschuld beraubt und der Kreis schließt sich, die rohe Gewalt kommt zum Ausbruch und die Stille droht aufzubrechen. Es ist aber dann auch eine Ironie des Schicksals, dass diese Drei an des Teufels Tür klopfen werden. Hierbei: An der des Vaters Tür. Es sind Momente von Schuld und es gibt keinen Hinblick auf Sühne. Doch wo ist Gott? Bergman geht die Sache anders an als sein Nachfolger Wes Craven, der das zerstörte Familienbild schließlich als Groteske interpretierte, vielmehr zeigt Bergman Feingefühl für seine Charaktere, studiert und stützt ihre auf Konflikte und Selbstzweifel, der Glaube wird gebrochen, Gottes Beistand erbittet und die existenziellen Fragen prägnant gestellt.



Sein Protagonist des verzweifelten Vaters Töre (Der Mann, der Bäume zum fallen bringt: Max von Sydow) ist ein Ratloser wie auch Rastloser, einer Suchender nach Erlösung. Das erinnert sogar irgendwie an Kurosawa, Sydow wird zu etwas wie Bergmans Samourai, der seinem Kodex (= bei Bergman ist es sein Glaube, das Christentum) unterworfen ist. Bergman hinterfragt und desilussioniert diesen und reichert stilistisch sein Werk wiederum im besonderen - unkommentiert - mit Mystik, Symbolen und Metaphern an. Die geliebten Bergman-Motive finden auf bittere Weise zusammen, ob nun die Kernthematik der Gottesfrage, die menschliche Natur, der Tod, die Sehnsucht oder die Sexualität. So entschlüsselt Bergman auch erst kurz vor Schluss so manche Chiffren und deckt die familär-vielschichtige Konstellation seiner Figuren auf. Das ist ein Einstieg zum Terrorkino. Und am Ende erfolgt die Antwort: Auch ein Bergman schenkt Leben. Bergman verurteilt und vergibt dem gerechten Sündern. Er lässt den Quell des Lebens (Wasser) sprießen, reinigt die Sünden und erschafft. Nebenher für alle die es nicht wussten: Bergman als Regisseur seines Films, das ist hier übrigens das Synonym für Gott.



8.0 / 10

Autor: Hoffman

Mittwoch, 11. Juni 2014

Klassiker der Extraklasse: Von Angesicht zu Angesicht (1976)




Die Grundprämisse von Bergmans »Von Angesicht zu Angesicht« (1976) erinnert zwangsweise doch an sein wesentlich früher gedrehtes Werk »Wilde Erdbeeren« aus dem Jahre 1957, bloß, dass Bergman die jeweiligen Motive hier variiert. So wirkt dieser Bergman auch des öfteren wie eine kurze Bilanz von so manch bedeutenden Bergmanmotiv, auch wenn manche Verweise nur minimal vorzufinden sind oder von mir kurzum dort wahllos reininterpretiert werden. Vermerken sollte man als erstes, dass dieser Bergman (wie auch später »Fanny & Alexander«) als Fernsehmehrteiler produziert wurde und später für das Kino zu recht geschnitten wurde (der Unterschied: geschätzte 40 Minuten), dies macht sich damit gewiss auch beim Film selbst bemerkbar. Auf technischer Ebene ist er etwas spröde mit seinem Farbkonturen. Alles wirkt etwas geregelter und konventioneller. Aber das ist nicht minder faszinierend, denn trotz allem entwickelt gerade das eine gewisse Intimität, welche die große  Stärke des Films ist, die Bergman für sich natürlich nutzt, um sich seinen Charakteren, wie auch dem Familienleben und der Situation, behutsam zu näheren und das Konzept gemächlich zu entwickeln.



Über die Laufzeit verziert mit (mal mehr, mal weniger deutlichen) Symbolen. Nun wo Bergman bei »Wilde Erdbeeren« ein Psychogramm eines alternden Mannes zeichnet, ist es hier jenes einer Frau, die sich mit ihren Erinnerungen der Kindheit konfrontiert sieht, durch einem Besuch bei ihren Großeltern, bei denen sie aufwuchs. Das Verfahren wirkt fast ironisiert: Die Protagonistin Jenny selbst ist eine Psychiaterin, die nun selbst unter Angstzuständen leidet. Sie ist nun einer dieser Menschen, die sie selbst therapiert. Das ist wohl Bergmans Richtigstellung, dass solche Lebenskrisen jeden Menschen treffen können, egal ob man in der Materie bewandert oder nicht. Im Großelternhaus sieht sie wie ihr Großvater an seiner Demenz leidet, droht immer mehr zu vergessen. Ein bedrückendes Gefühl. Sie sieht aber auch den Zusammenhalt der alten Eheleute untereinander, der sie beide stärkt, auch wenn die Last auf der sorgsamen Ehefrau liegt. Immer mehr gerät die scheinbar gefestigte Jenny in Selbstzweifel, wird von Alpträumen heimgesucht. Das symbolische Ticken einer Uhr bedeutet hier so viel, dass die Uhr abläuft. Das Ende ist nah und man ist allein. Dann der Vergewaltigungsversuch zweier Männer und alle Dämme brechen. Sie verfällt den Angstzustände, kämpft mit Anfällen, Ausbrüchen und Verzweiflungsattacken - die Trauer und die Depressionen führen zur Ausweglosigkeit. Das mündet im Selbstmordversuch.

Und schon analysiert Bergman seine Protagonistin, greift bekannte Motive seines Schaffens auf: Die Visionen aus »die Stunde des Wolfs«, die omnipräsenten Symbole und die signalisierende Farbe Rot. Für das unschuldige Rotkäppchen? Alpträume mit fremden Gesichtern, furchtsamen Märchen und keimiger Luft. Fein ist er, dieser Surrealismus. Hier ist es nicht die Farbdramaturgie, hier ist es die Hantierung mit Licht und Schatten, der Furcht vor Finsternis und Dunkelheit - und vor dunklen Schränken! Alte Gefühle der Kindheit brechen auf, innerliche Konflikte werden geschildert im Alptraum. Das Ticken findet seine Fortführung im Klingeln (eines Weckers?), denn die Zeit ist gekommen. Es läuten die Glocken wie an einem Sonntag. Es thematisiert die Angst vorm Altern, der Einsamkeit und dem Tod. Wobei auch bei letzterem Motiv Bergman sich um ein weiteres Mal selbst zitiert, mit der Vision des eigenen Todes, die er bereits in  »Wilde Erdbeeren« nutzte, welche wiederum ein direktes Zitat zu Dreyers »Vampyr« bildete. Der Schrecken lauert schließlich im Unbekannten. Angerissen wird auch kurz die Frage der eigenen Identität.



Sichtlich ist die breite Masse an Themen auch mit Schwächen besetzt, aber gerade in Anbetracht der drastischen Kürzen durchaus plausibel. Doch einen großen Trumpf hat Bergman ja noch: Liv Ullmann  in der Hauptrolle. Denn gerade durch das Spiel Ullmanns entwickelt Bergmans Werk langsam (aber stetig) seine Intensität. Sie trägt den Film. Wenn Bergman die Seelenqual seiner Protagonistin beleuchtet, die am Rande des Nervenzusammenbruchs steht, dann weiß er wie er das macht, schildert einnehmend und gibt seiner Protagonistin eine helfende Hand und einen Begleiter auf dieser Reise (in Form des platonischen Psychiaterkollegen: Erland Josephson), der ihr hilft sich ihren verstörenden Erlebnissen ihrer Kindheit zu stellen, über sie zu sprechen und zu verarbeiten, bis zur Erkenntnis und Festigung der eigenen Kräfte. Es stimmt: »Von Angesicht zu Angesicht« ist sicherlich nicht Bergmans bester Film. Ja, er hat seine gewissen Schwächen - hier und da, das ist nicht zu leugnen. Etwas vage ist er geworden. Dennoch kann ich meine Faszination auch für dieses Werk nicht leugnen, besonders unter dem Betrachtungswinkel, dass es sich hierbei um eine Fernsehproduktion handelt, empfinde ich diesen Bergman doch als durchaus gelungen.



7.0 / 10

Autor: Hoffman

Mittwoch, 28. Mai 2014

Die Hölle auf Erden? - Klassiker der Extraklasse: Das Schlangenei (1977)




»It's like a serpent's egg. Through the thin membranes, you can clearly discern the already perfect reptile.« - »Das Schlangenei« ist vielerlei Hinsicht für bergmansche Verhältnisse ein ungewöhnliches Werk, einmal weil er der erste Bergman war, der außerhalb Schwedens gedreht werden musste und auf der anderen Seite, da Bergmans Film hier weniger Analyse als denn Zeitporträt und das nach Shakespeare interpretiert ist. Die Szene: Das Berlin im Jahre 1923, im November und schon das Intro stellt die Kontraste der Zeit deutlich dar, wenn einerseits die blassen Gesichter der Menschenmasse in schwarzweißen Bildern ein bedrückendes Zeitgefühl vermitteln, während die dazwischen einlaufenden Credits mit belebten Jazzsound unterlegt sind. Goldene Zeiten scheint es nicht zu geben, die Armut regiert in Zeiten der Inflation, auch auf den Straßen und in den Häusern. Präzise und bitter rekonstruiert Bergman die Zeit mit kargen Bildern. Im Mittelpunkt steht der Charakter des arbeitslosen Zirkusakrobaten und Alkoholikers Abel Rosenberg (mit ungetrübten Blick: David Carradine), dessen Weg durch Straßen und Bars fast wie eine Odyssee durch das Zeitgefühl des Deutschlands der 20er Jahre erscheint. Der Weg führt zur Schwägerin (Liv Ullmann), die etwas verbirgt, über einen Inspektor (Gert Fröbe), der noch seinen festen Glauben in Justiz und  Recht hat und pflichtbewusst seiner Arbeit nachgeht und einem Bekannten, von Beruf Arzt (verdächtig-undurchsichtig: Heinz Bennent).



Dabei greift Bergman aber auch auf diese Weise bekannte Motive seinerseits auf, wie menschliche Zusammenbrüche, emotionale Ausbrüche, Qualen, Depressionen und Schmerzen, den Beistand von Gott und klammernden Zusammenhalt zwischen den Figuren in einer Stunde, in der die Menschheit ihren Glauben verloren zu haben scheint: Straßen voller Gewalt, in der Polizisten nichts von all dem wissen wollen oder die gewalttätigen Übergriffe. Beschwörend und stets schärfend ist Bergman in seiner Erzählung. Diese Szenerie durchstreift Carradine wie ein Suchender und Fragender, der die Antworten ergründen und erforschen will, begleitet von trüben Farben, einer giftigen Atmosphäre und einer detailreichen Bebilderung. Es ist ein finsterer Ort. Eine Zeit geprägt von der Hoffnungslosigkeit, für anderes lässt Bergman keine Chance, wenn jedwede Aussicht zerstückelt wird und Bergman das Verfahren nun immer weiter zuspitzt und radikalisiert, auch im Widerspruch vom grotesken Cabaret zu den entmenschlichten Straßen. Es sind jene ausgestorbenen Gassen, die eine apokalyptische Stimmung vermitteln, als stände das Ende kurz bevor. Dies mündet im unheimlichen Weiß, wenn aus Beschwörung nun Verschwörung wird und Bergman daraus kritische Bilanz zieht, aus der vorhergehenden Odyssee, die sich der Beleuchtung der Zeit, der Menschen und Situation widmete. Diese Puzzleteile des Gesehenen werden dann zu einem Ganzen geformt. »Das Schlangenei« wirkt somit wie eine Erweiterung von Bergmans menschlichen Analysen, hier ist es nun keine Einzelperson, sondern eines gesamten Kollektivs, welches er untersucht und so prophezeiht er weitsichtig aus dem was bereits geschehen ist, das Aufsteigen des Nationalsozialismus in erschreckenden Bilder und in einer umfassenden Intensität transportiert, die noch lange danach im Gedächtnis verweilen werden mit einem unangenehmen Schlucken verbunden.


8.0 / 10


Autor: Hoffman

Samstag, 24. März 2012

Klassiker der Extraklasse: Die Stunde des Wolfs


»Vor ein paar Jahren verschwand der Maler Johan Borg spurlos von seinem Zuhause auf der friesischen Insel Baltrum. Später überreichte mir seine Frau Alma Johans Tagebuch das sie zwischen den Unterlagen gefunden hatte. Dieses Tagebuch sowie Almas Aussagen sind Basis dieses Films« - Jene Worte sind kurzum gesagt das einfache Intro zu Ingmar Bergmans Film "Die Stunde des Wolfs" aus dem Jahre 1968. Dem für mich wichtigsten Bergman - wie ich immer glauben wollte, denn mit diesen Film tätigte ich damals den Einstieg in seine Filme und seine unheilvolle und faszinierende Welt. Es mag meinerseits bekannt sein, wenn nicht dann jetzt, dass gerade jene erste Werke, die ich von großen Regisseuren schaute stets seltsamerweise meine Favoriten unter deren Werken bilden, ob nun Bergman, ob Lynch, oder ob Fellini. Immer wieder aufs neue erwarte ich bisweilen insofern eine Zweitsichtung, so war es bei Bergmans "Die Stunde des Films" nicht anders, auch wenn hierbei eine kleine Ernüchterung erfolgte und doch will ich meine Liebe zu jenem Film keinesfalls abstreiten.


Drehen wir aber die Zeit nun zurück und überlegen wir oder besser gesagt erinnere ich mich noch mal was mich damals so an jenem Film von Bergman faszinierte. Ein wichtiger Punkt jenes perfekten Einstiegs bildete die Story, für mich in der Vergangenheit wie heute extrem faszinierend dargeboten, dass Bergman hierbei die Elementen des Horrorfilms, im Sinne einer unheimlichen Geistergeschichte mit Visionen eines Künstlers und dabei zeichnet Bergman auch ein einnehmendes Psychogramms eines Malers. Perfekter Stoff für mich. Das erkannte ich selbst bereits als ich damals noch in der Fernsehzeitung stöberte und man auf diesen Film verwies. Das weckte den Geschmack und so zeigt Bergman das langsame Abdriften des Malers Johan Borg in den Wahnsinn, hervorgerufen durch die ihn quälenden Visionen, immer wieder unerklärliche Halluzinationen. der Beginn eines Albtraums für ihn und seine Frau. Schmackhaft, tragisch und ersckreckend.


Insofern ist also »die Absolution« in Hinsicht des Themas gewählt und das mehr als passend. Aber wie man ahnen könnte gäbe es selbstredend auch weitere Attribute, die mich Bergmans Film so nah führten. Bedenke man erstmal, dass Bergman hier einerseits auf großen Spuren sich dem Surrealismus (immer gut!) widmet und es in seinen Vollen absolut lotet. Verzücken mag auch der Gedanke dabei, dass hier auch Parallelen zu dem Stile des späteren David Lynch zu erkennen sind. Ich, großer Fan des Mannes. Das begeistert, Bergman und Lynch-Touch. Interessant ist hierbei zudem der Aspekt, dass der Regiemeister sogar selbst behauptete, dass "Die Stunde des Wolfs" sogar zu seinen Lieblingsfilmen zähle und das ist im Nachhinein nur mehr als verständlich und insofern erkennt man schnell, wo Lynch seine Inspiration fand. Ein guter Gedanke. Guten Gewissens ist Bergmans Besetzung wie immer im Sinne des Stammcasts hervorragend gewählt, erstmal mit einem eindringlich und zugleich beileibe brillant agierenden Max von Sydow als Maler Johan, der von seinen Visionen geplagt wird, Auslöser mögen dafür vielleicht die eigenen Schatten der Vergangenheit sein, diese Rolle beförderte Sydow damals für mich in einen echten Hochstatus. Neben ihm mindestens genauso stark verkörpert Liv Ullman als dessen Frau Alma, der die Visionen ihres Mannes Angst bereiten. Zudem Ingrid Thulin in einer mehr als einprägenden Nebenrolle. Dazu noch Meister Bergman tiefschürfend in Hinsicht seines Psychogramms des verunsicherten und isoliert lebenden Künstlers, der sich durch jene Visionen immer weiter in einen Zog der Einsamkeit und Abgeschlossenheit gerät, was letztlich zur Konsequenz des Werkes führt. Man spürt Bergman steigert sich. Um den Zuschauer selbst das Entsetzen vor Augen zu führen, symbolische Elementefinden ihren Einsatz. Wie man den sehr geehrten Herr Bergman liebt so sind seine Elemente stets hintergründig gestaltet, Surrealismus zwischendrin in Perfektion und so analysiert man auch hier wieder präzise wie auch vielschichtig die Figuren, ein komplexes Unterfangen.


Dazu auch in Hinsicht der Kamera (geführt vom Virtuosen Nykvist) ein präziser Blick und stilsichere Führung, stets arbeitend Hand in Hand mit süßem surrealistisch-unheilvollen Sequenzen, mit einer nahezu verstörenden und unheimlichen Atmosphäre, welche wie des öfteren bei Bergman geprägt wird von einer (von mir jedenfalls so) aufgenommenen unfassbaren Intensität. Absolut berauschend und umwerfend. Außerdem möchte ich weiterhin betonen, dass Bergmans Film besonders im letzten Drittel für mich bei der erneuten Betrachtung fast sogar noch an Faszination zu nahm, mysteriös gefilmt und letztlich bricht Bergman hierbei mit allen Konventionen des Kinos, kunstvoll inszeniert.


Und auch wenn ich anfangs von Ernüchterung sprach, dies möge vielleicht tatsächlich letztlich nur teils stimmen, denn so überzeugt und beeindruckt "Die Stunde des Wolfs" doch absolut in Umsetzung und Gestaltung, vielleicht liegt es gerade in der Erinnerung, dass man doch spürt: Dies ist nicht die »filmische Absolution«, aber es ist verdammt nahe dran für mich. Abschließend möchte man doch nichts anderes tun als in die Welt hinauszuschreien: Bergman Forever! Auch wenn der Sinn dabei keine tragende Rolle spielen würde, man müsse nur den Kontext verstehen.



                                              9.0 / 10

Autor: Hoffman

Montag, 30. Januar 2012

Klassiker der Extraklasse: Das Schweigen



"Was machst du?" - "Ich arbeite wie du siehst." - "Ich finde, dass das entschieden besser ist als mir ewig nach zu spionieren ... wenn ich bloß begreifen könnte, weshalb ich vor dir solche Angst hatte."

Bergman Forever Teil 3/3:
Und nun noch ein letztes Bergman fürs Erste jedenfalls. Nochmal einmal faszinieren lassen und noch einmal erstaunt zurückblicken auf sein Schaffen und die Person hinter Ingmar Bergman, einer unsterblichen Seele des Kinos. Und was soll man abschließend auswählen. Es ist einfach, wenn zwei gesichtet scheinen und nur noch einer übrig bleibt, dabei handelt es sich um Bergmans "Das Schweigen" aus dem Jahre 1963. Abschließen mit einem Film, der damals für einen echten Skandal sorgte, insofern vielleicht sogar einer größten der 60er Jahre und deshalb wahrscheinlich heute auch noch so populär.


Die Handlung zu Bergmans Film dazu wie immer mysteriös und für mich doch zunächst schwer zu erschließen, welche Aussage Bergman hierbei traf. Man könnte meinen ein Drama zweier Schwestern, die Einsamkeit des Menschen und die Entfremdung jener. Es fühle sich so an, als wäre man in einer gottlosen Welt gefangen. In einer Welt ohne Hoffnung: An einem fremden Ort, in einer fremden Stadt müssen Ester, ihre Schwester und deren Sohn Johan ihre Heimreise abbrechen, wegen der Lungenkrankheit Esters, so steigen sie in einem seltsam-leeren Hotel ab. Dort geraten sie in einen regelrecht Rausch und Sog von Hass und sexueller Begierde.


Eine besondere Bekanntheit gewann Bergmans Film selbstredend auch wegen seiner Darsteller bzw. um noch zu ergänzen, wegen der wohl damals höchst-anstößig betrachteten Masturbationsszene von Ingrid Thulin, welche wohl für die größten Aufschreie im Publikum sorgte. Thulin liefert natürlich auch abseits davon eine erstklassige Leistung ab als Sterbenskranke Ester, faszinierend wie auch mitreißend von ihr gespielt und mit einer unglaublichen Intensität. Absolut grandios. So aber auch Gunnel Lindström als ihre Schwester Anna, welche im Zwist mit ihrer Schwester liegt und gerade jener Hass bzw. Verachtung scheint bei dem Spiel der Beiden förmlich spürbar, sodass es erstaunt. Und der freundlicher Kellner (bzw. Hakan Jahnberg) der Beste darin, wenn es um Mysterien und Unverständlichkeit geht, auch hier faszinierend. Unerwähnt möchte ich dazu nicht den jungen Jörgen Lindström lassen, welcher hierbei den Part des 8-Jährigen Sohn von Anna Johan übernimmt, der dem Anschein nach hier als Schlüsselfigur zwischen den beiden Schwestern dient. In jedem Fall ein großartiges Talent, welches Lindström zeigt und es sogar schafft einige sehr einprägende Momente mit seinem Spiel zu kreieren.


Wie der Titel des Film schon andeutet, Bergman braucht nicht viele Worte um die Ängste und die Hilflosigkeit seiner Figuren darzustellen, jeder Dialog scheint wohl bedacht und intensiv beleuchtet von Bergman, hintergründig seine Charaktere dabei. Und jene Sprachlosigkeit mag dabei doch irgendwie entfremden und doch weiß Bergman hier erneut die Faszination und das Interesse an seinem Werk konstant aufrecht zu erhalten. Insofern kann man sein Werk als eine erschütternde Studie zweier Schwestern sehen. Gerade in Hinsicht seiner Handlung muss ich doch zugeben, dass ich hier wohl den flüssigsten Einstieg in einem Bergman-Film tätigte, wodurch ich mich dann vollkommen der Intensität seines Werkes hingeben konnte und mich nicht losreißen konnte. Natürlich sollte genau jener Aspekt nicht vergessen werden, welcher seinen Film wahrscheinlich bis heute so bekannt macht, die recht drastisch und explizit dargestellten Sexszenen, welche an sich doch durchaus auch angereichert sind mit Symbolik, so aber auch damals noch herzlich provokant. zudem zeichnet sich in Bergmans Werk eine fast sonderbar wirkende Form von Kälte ab, vielleicht verstörend, aber auch insgesamt von einer ungeheuren Kraft. Und gerade diese Kälte verstärkte bei mir doch dieses Gefühl der Verwirrung und der Hilflosigkeit in diesem Film, unheimlich und mysteriös könnte man sagen. Dazu mit einer einmaligen Atmosphäre gefilmt, von der Kamera (wie auch Bergmans Regie nebenbei) präzise und detailliert gehandhabt, schon wieder nahezu perfekt (Kamera nun mal: Sven Nykvist), irgendwie bedrohlich und gleichzeitig herzlos-kalt, außerdem schonungslos bebildert, absolut berauschend. Größtenteils auch nochmal in Bezug auf verschiedene Symbolik, in Hinsicht des bizarren Hotels, in welches die Schwester absteigen, interessant gemacht. Dabei stachen für mich besonders jene Szenen hervor, in denen Johan dieses seltsam-befremdliche Hotel erkundet, irgendwie einmalig.




Auch wenn mir letztlich "Das Schweigen" schwer zu zugänglich scheint und insgesamt im vollen Maße für mich schwer zu verstehen bzw. deuten scheint, wenn dies wie oft erwähnt bei Bergman überhaupt möglich ist. Also seine Werke im Ganzen zu erfassen. Denn auch mag es viele Details geben, die vielleicht bei der ersten Sichtung noch im unklaren bleiben. Es ist wie das Ticken einer Uhr, welches man nicht vergessen kann, grandios unterlegt. Es ist halt Bergman.



"Warum guckst du mich immer an?" - "Ich guck deine Füße an." - "Und wieso?" - "Die gehen immer mit dir rum, ganz von selber. "

Abschließend bleibt mir dann nur noch zu sagen, dass "Das Schweigen" ein weiteres brillant bzw. tiefgründig gestaltetes, provokantes und virtuos gemachtes Kunstwerk von Ingmar Bergman ist, mit einer großartigen Ingrid Thulin. Somit werden weitere Sichtungen, mit Spannung verfolgt.



8,5 / 10

Autor: Hoffman