Freitag, 21. Dezember 2012

Argentos Farbe des Todes - Klassiker der Extraklasse: Profondo Rosso




»You think you're telling the truth, but in fact... you're telling only your version of the truth.« - Ich mag es mittlerweile retroperspektivisch, dabei nicht immer geradlinig, aber immer auf dem schmalen Grat zwischen Sehen und Verstehen. Das mag ich auch bei Argento, wenngleich hier wieder nicht chronologisch. Aber wer braucht schon Chronologie? Alain Resnais oder Jean-Luc Godard nicht, wieso ich? Und der Text ist schon so alt, dass man das wieder deutlich bemerkt. Schrecklich. Zumindest Argento folge bis dahin den geradlinigen Erzählungen seiner Gialli-Filme. Es dürstete ihn nach der Definition wie auch der Absolution dieses/seines Subgenres, dem Giallo. Das spekuliere ich aber nur. So entstand im Jahre 1975: Profondo Rosso. Oder der Film mit den unendlichen Alternativtiteln, ob »Deep Red«, der mir hierbei fast noch am besten gefällt, ob »Rosso« oder einfach nur als Beifügung »Die Farbe des Todes«. Alles dreht und wendet sich um eine Farbe, Rot. Rot als das typische Synonym für Blut, das hier  allseits im Verborgenen immer präsent ist. Also Achtung, nicht nur weil dies Argentos erste Zusammenarbeit mit der Band Goblin ist.



Argento verschlüsselt schon in der Overtüre mit Todessequenz und boshafter Referenz zum inspirierenden Meister Hitchcock, einzig sichtbar reflektiert durch Schatten. Expessionistische Schatten! Argento hütet sein Geheimnis. Bricht mit der Konvention mitten in den Credits - zu schlagartig wie auch faszinierend - Argento will Spielen? Mit dem Zuschauer. Ohja, dann ein Schnitt zum Protagonisten. Einem »Piano Man« - wie beim kühlen Truffaut - nun beim hitzigen Argento. Auch hier greift Argento auf eines von Hitckcock favorisierten Motive des »unschuldig Verdächtigen« zurück. Zur falschen Zeit am falschen Ort und doch ist ein weiterer Vorteil dieses Argentos, es gibt eine Sympathiefigur, die des Pianisten Marcus, ein glaubwürdiger David Hemmings in der Hauptrolle. Bei dem man sogar etwaige Referenzen zu seiner Rolle des Fotografen in Antonionis »Blow Up« ziehen kann. Ein vielfältiger Berufskünstler, der Hemming; großartig spielen kann er auch. So wird der Pianist, dank starken Hemmings, zur Identifikationsfigur des Zuschauers. Im Grunde kein schlechter Trick von Argento die Emotionen seines Protagonisten auf den Zuschauer zu reflektieren und ihn dadurch den Zuschauer gleichzusetzten, was Vorahnung und andeutendes Unheil betrifft. Aber das ist ja schon ein alter Hut.

Ein kleines Verwirrspiel, wenn auch einfach gedacht, effektvoll inszeniert. Argento greift die Grundessenz und Attribute des Giallo auf und hebt sich auf neue Stufe, reduziert die Schwächen des Genres auf ein Minimum - die Handlung bleibt wie eh und je relativ unerheblich doch mit klassischen Motiv, aber dabei doch (im Gegensatz zu manch anderem) clever. Das fängt allein schon bei den liebvoll ausgearbeiteten und zumeist recht skurril daherkommenden Nebenfiguren an, irgendwie mit grotesken Anhang. Scheinbar Argentos ganz eigener Humor mit Augernzwinkern. Ungewöhnlich daher eigentlich auch die erweiterte Lauflänge von knapp mehr als 120 Minuten, doch (trotz vielleicht angebrachter Skepsis dabei) Argento weiß dies nutzen - überraschend humorvoll. Wie gesagt: Ein weiteres Mysterium bringt ein heiteres Kinderlied und nicht zu vergessen: Die »Masterclass« eines Argento. Der Tod mit schwarzen Handschuhen - eine weitere Referenz. Auch bei »Profondo Rosso« greift technisch alles ineinander und optimiert sich gegenseitig. Vielleicht sogar unabhängiger von einander als später in »Suspiria«. Oftmals inszeniert und beginnt Argento schleichend zum Mord hin durch die Gänge zu filmen - die präzise Kamera tastet sich immer weiter voran, bis Argento zuschlägt. Flexibel und teils recht bizarr lässt er den Mord verüben. Insofern kann man dabei nur von technischer Perfektion sprechen, zwischen faszinierender Visualisierung, dem rotesten Rot und Goblins exzessiven, hierbei aber noch eher zurückhaltenden, Soundtrack. Die Kamera stets bewegt, filmt obsessiv - erzeugt Sogwirkung und eine bemerkenswerte Stimmung. Wahres Können zwischen inszenatorischen Einfallsreichtum und technischer Symbiose jener Stilmittel. Argentos Ton: Ironisch-blutig und beachtlich voller Details.



Besonders Details machen Argentos Film aus, spielerisch mit seinen verschiedenen Motiven und den bestechenden Schatten und einem Spiegel. Der letztlich Argentos Intention von Schein und Sein enthüllt. Ein vielleicht simpler Clou, aber doch ein Schachzug. Der Spiegel als Reflexion des Menschen. Es heißt Sehen. Und Argento gibt zu sehen - seine Kompositionen des Todes mit knalligen Score und dem Messer im besten Sinne eines Hitchcock. Geschliffen-scharf, denn bedacht fügt Argento sein Filmpuzzle bei »Profondo Rosso« zusammen, scheint zu emanzipieren und die Schatten der Vergangenhit zu bewältigen. Ja, das ist wirkliche große Kunst oder einfach nur die mustergültige Definition des Giallo.




8.5 / 10



Autor: Hoffman

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