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Samstag, 8. Juni 2013

Weil Kino doch irgendwie was besonderes ist - Kritik: To The Wonder (2012)

‚Wenn zwei Menschen sich lieben, kann es kein glückliches Ende geben.‘
-Ernest Hemingway

Genau dieses Zitat schoss mir gegen Ende des Films durch den Kopf, denn ‚To The Wonder‘ handelt zwar von nichts anderem als Liebe, aber keine der Figuren findet sie hier. Dem stellt Malick allerdings mehrmals die Aussage gegen über, dass Menschen lieben sollen. Irgendwie sogar richtig und gut, aber halt auch ziemlich paradox…





… wie im Übrigen der komplette Film – und das sogar für Malick-Verhältnisse! Hatte sein letztes Werk, ‚The Tree of Life‘, immerhin so etwas wie einen Plot, der den Film oberflächlich betrachtet als Coming of Age Drama durchgehen lässt, erscheint ‚To The Wonder“ völlig losgelöst. Und ganz ehrlich: er hat es mir schwer gemacht, obgleich ich Malicks Stil sehr schätze. Der Film hat zwar so etwas wie eine Story, doch immer wieder scheint er sich gewollt zu verschließen. Antworten gibt es wie so oft bei Malick eigentlich nicht – starke Betonung auf „eigentlich“. Denn eigentlich ist die Antwort bei Malick irgendwie immer sehr einleuchtend und klar, allerdings arbeiten seine Filme seit ca. ‚The Thin Red Line‘ mit einem kryptischen Der Wald vor lauter Bäume Prinzip. Wir kennen die Antwort auf Malicks Fragen eigentlich schon längst, aber wir begreifen sie nicht bzw. wir setzen uns nicht wirklich damit auseinander. In einer Welt, in der Liebe immer mehr an Bedeutung zu verlieren scheint bzw kommerzialisiert und banalisiert wird, vergessen wir irgendwie, dass sie eigentlich jegliches Handeln bestimmt, und dass wir durch sie nicht wirklich glücklich werden, aber diesen Fakt einfach verdrängen, da er uns nicht ins Konzept passt. Malick spannt hier überdies einen Bogen zu seinem frühen Meisterwerk ‚Days of Heaven‘, dessen Aussage, dass der Himmel auf Erden bzw. Glück im Leben nie von wirklich langer Dauer ist, sich mit ‚To The Wonder‘ deckt. Auch die Flucht aus der modernen Großstadt – das industrialisierte Chicago war es damals, das moderne Paris heute – auf’s Land, in die Natur, erinnert an ‚Days of Heaven‘, denn damals wie heute bildet das Landleben so etwas wie den Himmel auf Erden, der allerdings wieder nicht von langer Dauer ist. Und das liegt wie in 'Days of Heaven' am Verhalten der Erwachsenen, die, trotz einer inneren Kälte, blind vor Liebe sind und sich naiver als ein Kind verhalten. Beides Filme, die pessimistischer sind als es ihr Gewand vermuten lässt.

Dennoch ist das hier kein munteres Selbstzitieren des Eremiten; ‚To The Wonder‘ besitzt wie ‚The Tree of Life‘ eine Eigendynamik: Man muss mit diesem Film mitgehen, um ihn irgendwie verstehen zu können. Der Zuschauer muss hier die Initiative ergreifen, da Malick ihm nur dann die Hand reicht. Man muss hier einfach mal den Alltag vor dem Kinosaal lassen. Fiel mir zugegebenermaßen nicht wirklich leicht, da ich wenige Stunden bevor ich diesen Film sah der Niederlage des VfB beiwohnen durfte, und daher ziemlich ramponiert war – Übrigens ist die Liebe zu einem Fußballverein auch ein gutes Beispiel dafür, dass man irgendwie nie glücklich wird.



Die ersten Minuten ging auch gar nichts, ich war regelrecht genervt, da ‚To The Wonder‘ bisher Malicks sperrigstes Werk ist. (Die Dialoge bspw sind wirklich absolut schablonenhaft. Erinnern aber irgendwie an die Werke Fassbinders. Und 'To The Wonder' fühlt sich auch ein wenig wie Fassbinder an. (Anmerkung: völlig subjektive Empfindung!)) Jedoch machte es irgendwann „klick“, und der Film hatte mich, und gab mir sehr viel zurück, denn, was Malick da macht, ist nicht gerade subtil, vielleicht sogar prätentiös, aber es ist eben Malicks Ding, das mir zumindest dann doch aus der Seele spricht, auch wenn es auf den ersten Blick oftmals unfassbar weit entfernt wirkt. Und ich denke, wenn man das verinnerlicht hat, bereitet der Film keine Probleme. Das wird allerdings nicht jeder können, was auch nicht schlimm ist, und nichts über den IQ des 'Betroffenen‘ aussagt. Malick ist einfach einer der letzten wirklich kontroversen Regisseure des Kinos. Denn schauen wir uns mal die Kinolandschaft im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts an: Da ist ein Haneke, der mit seiner Greis-Romanze völlig im Mainstream gelandet ist; ein Tarantino, der sich total angepasst hat; ein David Lynch, der irgendwie total untergetaucht ist; und so weiter und so fort… Malick hingegen polarisiert mehr denn je, da sein Frühwerk ja Kanonstatus genießt. Malick verbindet in seinem Kino so viel, was stellenweise irgendwie nicht zusammenpassen kann, aber in sich dann doch völlig stimmig erscheint. Mit David Cronenberg einer der letzten wirklich – auf ihre Art und Weise - subversiven Altmeister. Und genau so jemanden braucht es. Jemanden, der mit den Sehgewohnheiten gewollt bricht. Jemanden, der Konventionen hinter sich lässt. Jemanden, der mehr macht als Kino. Sondern Erlebnisse, deren wahre Größe weit über den Kinosaal hinausreicht. So ein Film hat von mir nur Höchstwertungen verdient.


9.0/10


Autor: MacReady

Dienstag, 4. Juni 2013

Das Streben nach Glück - Klassiker der Extraklasse: In der Glut des Südens (1978)


Wenn man 'Days of Heaven' sieht, fühlt es sich an, als würde man in Erinnerungen schwelgen. Teils über eine längst vergangene Zeit, die die meisten Zuschauer wohl nicht mehr mit erlebt haben dürften, aber die - zumindest auf mich - eine riesige Faszination ausübt: das aufkommende 20. Jahrhundert. Die Welt befindet sich im Wandel und geht mit großen Schritten in Richtung Moderne. Alles scheint in diesen Zeiten möglich zu sein: schnelles Geld, schnelle Armut, ein schönes Leben, ein elendes Leben, usw...
Auf der anderen Seite fühle ich mich oftmals an das eigene (Fehl-) Verhalten erinnert: man lügt anderen was vor, da man glaubt, dass man sich dadurch irgendwie einen Vorteil erringen kann, durch den plötzlich alles besser wird, nur um zu merken, dass es dann doch nichts bringt und man seine Situation nur noch verschlimmert. Doch Malick verteufelt dieses Verhalten nicht und gibt auch kein utopisches Ideal vor, er zeigt Menschen, die sich einfach wie Menschen verhalten. (Stichwort: "Nobody's perfect")


Diese allzu menschliche Tragödie ist vor einer Kulisse angesiedelt, die ihres Gleichen sucht, und wirklich zum traumhaftesten gehört, was eine Kamera bisher eingefangen hat. Wenn es den Himmel auf Erden gäbe, dann würde wohl so aussehen. Da ist es verständlich, dass man für ein - scheinbar - sorgenfreies Leben an diesem Ort Lug, Betrug und noch mehr in Kauf nimmt.

Im Gegensatz zu seinen Filmen ab 'The Thin Red Line' ist die Erzählstimme hier noch klassischer Natur, da hier Einstellung an Einstellung aneinandergereiht wird, und nur durch das klassische Voice Over des kleinen Mädchens (in etwa die klügste Person im ganzen Film) erhalten die Bilder einen linearen Zusammenhang. Wenn man dann nach einer Weile bemerkt, was dieser Film mit einem macht - eben dieses Schwelgen in Erinnerungen mit allen Höhen und Tiefen -, dann erkennt man, was für eine große Kunstform Film sein kann, wenn der Richtige hinter der Kamera steht.



Und sobald am Schluss der Garten Eden seine Türen geschlossen hat; die Menschen tot sind oder getrennte Wege gehen - erneut einer ungewissen Zukunft entgegen -, dann weiß man, dass das Streben nach Glück immer wieder aufs Neue zum Scheitern verurteilt ist. Doch wir können es nicht lassen, da die bloße Aussicht darauf viel zu schön erscheint.

10/10

Autor: MacReady


Donnerstag, 24. Januar 2013

Freiheit durch Blut - Klassiker der Extraklasse: Badlands (1973)





"Hi, I'm Kit. I'm not keeping you from anything important am I?" - "No"

Ja, so kann es manchmal gehen. (Ein junger) Man(n) trifft ein Mädchen. Beide ziemliche Aussenseiter irgendwo im nirgendwo der amerikanischen Badlands. Sie verlieben sich. Hauen zusammen aus ihrem verschlafenen Heimatnest ab - natürlich nicht, ohne davor des Mädchens Vater zu töten - und ziehen auf ihrer Flucht eine ziemlich rote Blutspur durch die Badlands, bis die Flucht des Liebespaares durch die Hüter des Gesetztes (zum Glück?) ein Ende findet. Punkt. Aus. Ende. Abspann. "Danke für's zusehen!"

Ja, so könnte man Terrence Malicks Erstling recht präzise zusammenfassen. Man könnte auch noch die hervorragende Inszenierung des damaligen Regieneulings Malick loben sowie das Spiel der beiden Hauptdarsteller, Martin Sheen und Sissy Spacek. 

Ja, das könnte man so machen, man könnte "Badlands" einfach als schön anzusehendes, blutiges und irgendwie unromantisches Roadmovie zu den Akten legen.




Oder, man könnte sich auch fragen, was Herr Malick einem denn mit seinem hübsch anzusehenden Film sagen möchte. "Warum macht dieser Mensch so einen Film? Gab doch auch schon damals genügend bonnie-and-clydeeske Filme."

Ja, dann wäre man schon mal auf dem richtigen Weg, den Wert dieses Meisterwerks zu entdecken. Denn "Badlands" entpuppt sich bei genauerem und mehrfachen Hinsehen als weit mehr, als nur eine schön tragische Lovestory im Hinterland Amerikas. 

Nein, "Badlands" ist weitaus mehr. Malick hat hier ein faszinierendes Werk abgeliefert, das - wie oben mehrfach erwähnt- eigentlich auf einer ziemlich simplen, ja fast schon verbrauchten, Idee aufbaut, aber dennoch eine höchst interessante (Charakter-)Studie ist, und zurecht Kult wurde. Oft kopiert, aber (wahrscheinlich) noch immer unerreicht. (Anmerkung: "True Romance" nie gesehen.)

Malick zeigt zwei Protagonisten, mit denen sich der Zuschauer nicht identifizieren soll. Eine rührende Lovestory sucht man hier vergebens. Martin Sheen verkörpert den absoluten Unsympathen, der sich für den Allergrößten hält, und das auch raushängen lässt. Sissy Spacek dagegen ist das scheinbar brave Mädchen aus wohlbehütetem Elternhaus, doch auch sie lässt das alles mehr oder weniger über sich ergehen und zieht mit ihrem Lover mordend durch die Badlands. Dies ist vielmehr eine Geschichte über zwei Aussenseiter, die irgendwo im Nirgendwo ein unbedeutendes Dasein fristen, und sich schlichtweg für besser als der Rest der Menschen dort halten. Und das zeigt Malick auch einfach. Zwei Soziopathen im Blutrausch. Konträr dazu die wunderbaren Landschaftsaufnahmen und die ruhige Musik sowie der allgemein sehr ruhige (fast schon poetische) Stil des Films. Dies verdeutlicht nur den Wahnsinn, der sich in "Badlands" abspielt, aber auch ein bisschen den Wahnsinn und die Selbstüberschätzung in uns allen, wenn einem das soziale Ansehen und Umfeld egal zu schein scheint, und man über Leichen geht, nur um frei zu sein, doch im Endeffekt - wie die Protagonisten in "Badlands" - nicht erkennt, was man da tut, und sich trotz allem aufgrund der Schönheit der Natur und des Lebens wieder nach einem Leben in einer zuvor verhassten Welt sehnt, obwohl es für einen Weg zurück dorthin längst zu spät ist.




Für mich persönlich wohl eines der besten Regiedebüts überhaupt, da Malick, der hier sogar einen Cameo Auftritt hat, sowohl seine Darsteller als auch sein Werk auf technischer und inszenatorischer Ebene zu jedem Zeitpunkt völlig im Griff hat. "Badlands" mag zwar nicht der spannungsgeladenste Film aller Zeiten sein, dennoch fesselt er mich, da ich als Zuschauer einfach jedes Mal weiß, dass ich hier ein gar großartiges Werk sehe, von dem ich keine Sekunde missen möchte.



9.0/10


Autor: MacReady


Mittwoch, 18. Juli 2012

Wir mussten uns trennen und zu Feinden werden - Große Kinomomente: "The Thin Red Line"

O: The Thin Red Line, USA 1998 R: Terrence Malick mit James Caviezel, Sean Penn, Ben Chaplin, Adrien Brody, John Cusack, Nick Nolte, Jared Leto, Woody Harrelson, John C. Reilly und George Clooney

Nicht bestimmbare Stille überzieht das Äon von allem hier Befindlichen; kein verderblicher Schleier des aus dem Ozean kraftschöpfenden Windes könnte die herrschende Einigkeit zwischen Mensch und Natur jenes Augenblickes – widerwillig - zerstören, bei welchem The Thin Red Line sich zu erzählen beginnt. Kein Schuss. Kein Schrei. Kein Anschein tödlicher Gier. Ein Nichts aus Frieden, Ruhe und aus all dem, was uns weder möglich scheint noch machbar schien. Private Witt (James Caviezel) erwacht in einem natürlichen Traum, natürlicher als der, weshalb er sich diesen Traum überhaupt aufbaut; er sehnt sich nach einem Bild, welches kaum ein jemand der Menschen versteht, die ihn in Nähe und auf diese Insel brachten – auf Guadalcanal. 

Abscheu und Leid umklammern sich zu einem durchbrechenden Sturm und die Realität vermag dem Empfinden des Einzelnen zu weichen. Und wie kann man es Witt unter diesem Wissen verübeln, zu glauben, natürliche Schönheit sei ein Schimmer seiner Fantasie: 
I seen another world. Sometimes I think it was just my imagination.”
Wäre es nicht 1942, und wäre das nicht ein Einsatz, zu welchem er aufgrund des zweiten Weltkriegs beordert wurde, würde er wohl nicht denken und auch nicht erahnen, dass Krieg vor keinem freien und noch so schönem Strand noch so schönem Baum und noch so animalischem Geschöpf sich selbst aus den Augen verliert.   


Krieg scheint nicht Krieg zu sein, in Anbetracht des als erst hier vollbrachten, erweckt dieser gar den Eindruck der Notwendigkeit, um in Nachhinein verstehen zu können, warum dieses märchenhafte, in sich poetisierendes Ruhebild erster Minuten, und dessen Innenleben, es wert ist, bewahrt und begehrt zu bleiben; und warum der Marsch knallenden und vorgeschriebenen Hasses nichts als Verachtung zu erfahren hat.  Der junge Soldat hat mit diesem Trip schon mehr Erfahrung gesammelt als jene, welche über ihn zu bestimmen versuchen – irrtümliche Vorgesetzte. 
Verständnis seitens derer bleibt aus. Und schon das erste im Film vernehmbare Gespräch zwischen Witt und seinem First Sergeant Edward Welsh (Sean Penn) offenbaren Zerstrittenheit und Uneinigkeit in eigenen Reihen, zeugen aber auch vom Aufklärungswillen eines jungen Menschen, welcher die seine Unmündigkeit nicht unter den Geiste seines Verstandes setzt. „Ich bin dreimal so viel Mann wie Sie“, entgegnet Witt seinem Vorgesetzten nachdem dieser ihn seines kindischen, unreifen und unmännlichen Verhaltens anklagt. Und dennoch hat der in der Armee-Rangfolge viel unerfahrene Frischling ein größeres Verständnis für das um ihn Befindliche als der gelenkte Entsandte; er weiß Wertschätzung wahrzunehmen und sich dieser nicht entziehen zu lassen. Er lässt sich durch keinen Befehl seinen Verstand entreißen.  

Immanuel Kant schrieb einmal: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt.“
Und genau solch eine Person der Aufklärung ist Private Witt; zumindest versucht er den Ursprung des Jetzt und des Warums zu entziffern. Der Grund, weshalb er meist als Erzähler fungiert. Witt weiß mehr zu hinterfragen, mehr zu kombinieren als jeder in seiner Kompanie; steht aber nicht über der Natur oder den in sich geschlossenen Lebenszyklus.


The Thin Red Line ist kein Kriegsfilm und will sich nicht einzig und allein durch den „Anti“-Gedanken in seinem Dasein rechtfertigen; denn seine Komplexität und das Volumen, das er mit sich trägt, übertreffen beinahe alle Darbietungen und Leistungen mindestens ebenso bekannter Genre-Kollegen – wenn es die überhaupt gibt. Terrence Malicks Filme beschreiben sich in unglaublicher Vielseitigkeit und Der schmale Grat macht trotz seiner übermäßiger Zugänglichkeit – in Bezug auf andere Werke des Regisseurs – hierbei keine Ausnahme.
Interessant ist, dass die Brutalität und die Angst des umherschwirrenden Kriegs nie durch hemmungslose Abbildungen die Entladung der – gedanklichen und äußeren – Gewalt erfährt, sondern durch Monologe des Berichterstatters und Hinterfragenden Private Witt und den zum Teil intimen Gesprächen der Soldaten untereinander; welche durch intensivierte Kameraeinstellungen und herausragende schauspielerische Kraftakte keine gefühlsmäßige Verfassung nur erahnen, sondern erleben und sehen lassen.  
Die Definition des Kriegs wird hier im Wesentlichen durch Gespräche, Gefühlszustände und Annahmen versucht zu ergründen, ohne jemals in eine belehrende, moralisierende und trockene Instanz abzudriften, die die Zuschauer in eine eher isolierende und unzugängliche Basis manövrieren würde. Das Publikum sieht sich in – nicht außerhalb – der Welt und fragt sich, wie sehr sie es wert ist, sich in ihr zu streiten, zu schlagen und schlussendlich zu ermorden. 

"In dieser Welt ist ein Mann allein gar nichts. Und es gibt keine andere Welt als diese."

Dabei verkrampft sich The Thin Red Line nicht nur auf das bloße Wesen und die damit einhergehende Emotionalität des Menschen, sondern gewährt aller Vielfalt des Lebens eine Stimme – und der sind wir nicht möglich zu entfliehen. Satte Meere aus Gräsern und dichtem Holz, weite, sich über den Horizont und durchs Abendrot ziehende Felder und malerische Hügel bevölkern ebenso wie tierische Geschöpfe das Terrain und schaffen es durch die Sprach- wie Stilsicherheit seitens Malicks mehr als einfaches – vielleicht gar unbedeutendes – Daseinsgut zu sein, sind stattdessen mitwirkende Hauptdarsteller eines Films, der kaum eine Betrachtungs- und Gefühlsebene nicht für sich sehen, sprechen und empfinden lässt. 
Wir fixieren Krieg instinktiv durch menschliche Affekte; wir machen ihn und seine Folgen an der unsrigen Existenz fest.  Die Verfassung derer, die nie am Zünder saßen und noch weniger verstanden als viele Menschen ohnehin, die ist es, welche oftmals keine Worte erbt.  Dem setzen Malick und Kameramann John Toll ein Ende, indem sie unheimlich dynamische Aufnahmen von entsetzlich entstellten und leidenden Kriegsopfern einfangen – Bilder von Menschen, von Tieren und von der Natur. Es sind nicht nur Soldaten, die sich vor Schmerzen auf den Boden winden oder verzweifelt Aufschreien, um ihre Angst dem Körper zu entreißen; zugunsten des Ganzen überschwemmt der Tod auch das Leben farbenfroher Vögel oder das satte Grün der Felder. Allerdings in einem vollkommen anderen Unterton und Bild, welches viel hilfloser von sich spricht.

"Der eine Mensch sieht einen sterbenden Vogel und denkt, dass es nichts auf der Welt gibt als grundlosen Schmerz. Aber der Tod hat immer das letzte Wort. Er lacht ihn aus. Ein anderer Mensch blickt auf denselben Vogel. Er sieht Herrlichkeit. Er fühlt, wie etwas durch ihn hindurch lächelt."

 
Und wenn sich The Thin Red Line seinem erzählerischen wie auch musikalischen Höhepunkt nähert, wird das durch Krieg verursachte Grauen und der Impuls des Films nochmals intensiviert, nochmals verstärkt und vor allem noch fühlbarer. Der Sturm auf einen japanischen Unterschlupf wird zur Passion des Menschseins. Diese Wut sind wir. Dieser Hass treibt uns an. Und wir sollten uns fragen: Warum? 
“This great evil. Where does it come from? How'd it steal into the world? What seed, what root did it grow from? Who's doin' this? Who's killin' us? Robbing us of life and light. Mockin' us with the sight of what we might've known. Does our ruin benefit the earth? Does it help the grass to grow, the sun to shine? Is this darkness in you, too? Have you passed through this night?” 
Letztendlich kann Witt auch nicht mehr als sich selbst dem Rätsel der in uns befindlichen  gewaltsamen Triebsucht hinzugeben. Eine Antwort gibt er nicht. Aber genug, um zu wissen, dass die Antwort existiert und von allem Leben abhängig ist. Und je höher entwickelt es ist, umso reifer es denken kann, umso fehlbarer wird es in seinem Glauben das Richtige gedacht zu haben. Feindbilder werden konstruiert,  Menschen gegeneinander aufgehetzt und schließlich beschwört jeder für sich, dass das Geschehene unabdinglich gewesen sei – nur der Blickwinkel ist ein anderer. Manipuliert sind wir aber alle.

"Das Schlimmste ist, nicht zu wissen, ob man etwas Gutes bewirkt. Das ist das Schlimmste."

Es ist keine Schande, dass The Thin Red Line keinen der sieben Oscars – für welche er 1999 aufgestellt wurde – gewann, aber es ist eine Schande, dass er überhaupt nominiert wurde; denn der Film steht über den dogmatischen Aufgebot des damaligen Gewinners und der Leute, die meinen, es sei der pathetische Posaunenzug durch die Normandie, der zu Recht bevorzugt gehört. Spielbergs Saving Private Ryan benutzt Menschen, um ideologisierende Lehren über das Richtige und Falsche zu predigen, damit er uns nachgehend davon überzeugen kann, dass humanisierende Werte nur bei denen ineinandergreifen, welche auf der ehrenvolleren und menschlich besonneneren Feldseite stehen; spotten und spucken sollten man über und auf diese Filmkunst, die keine ist und gerade deshalb den Oscar gewonnen hat. Der schmale Grat ist nichts für jedermann, dem einen ist er zu anstrengend, dem anderen wiederrum zu leise oder orthodox in seiner Inszenierung; eines kann man Malicks Film aber nicht absprechen: Intellektualität. Dieser Film ist nicht pessimistisch, auch nicht optimistisch, er ist einfach nur ehrlich. Malick zweifelt an, stellt in Frage und verkörpert dies anhand von Menschen - nicht bloßen Soldaten. Heldenhaft ist hier niemand, aber mutig und tapfer sind sie alle. Dennoch sind sie nicht mehr oder weniger Mensch als wir; sie haben Ängste, sie haben Zweifel und es war an der Zeit, diese endlich zu erhören. 

Autor: Iso 

Samstag, 7. Januar 2012

Kurzkritik: "The Tree of Life"







Ein Aquarell des Lebens, eine Anbetung an die Verbundenheit zu dem, was uns umgibt, was wir lieben, was wir hassen, was wir fühlen und was wir nicht empfinden wollen. Konfrontationen, deren Herkunft uns selbst manchmal nicht klar ist, Vergebungen, die wir eingehen müssen, um die Liebe denen zu beweisen, die uns am Leben halten. „The Tree of Life“ brodelt im Inneren voller Dunkel- sowie Helligkeit, voller Wärme und Kälte, voller erfüllter Hoffnung wie trostloser Leere und entfesselt diese Mächte in prachtvollen Bildern, kämpferisch, aber zugleich geruhsamen musikalischen Stücken und anspruchsvollen, jedoch in ihrer Vollkommenheit wunderbaren Dia- und Monologen.

Malicks Kunst liegt in seinem erschaffenen Einklang zwischen Natur und dem Leben, das in ihr existiert, Leben, welches auf jede erdenkliche Weise atmet, fühlt und denkt. „The Tree of Life“ spiegelt in seinem Schein metaphysische Gewalten wider, schafft aber den Umschwung von der großen Erschaffung ins einzelne Sein. Denn alles besteht aus einem Ursprung, aber jedes Ich ist Teil eines individuell komponierten Stücks.
Ich könnte Stunden in dieser Welt verweilen, in ihren Meeren versinken, doch auch all die magischen Töne und Gefühle können nicht über zuweilen fragwürdige Ausflüge ins Vergangene hinwegtäuschen. Weil selbst wenn die Reise ins Reich der Giganten, die letztlich zum Verderb verurteilt sind, bemerkenswert und ungewöhnlich ist, ist sie doch in der präsentierten Art und vor allem Länge zu unbedeutend, zu mager, um in den Facetten aufzufallen, die gerecht gewesen wären - mehr Gewichtung fehlt, mehr Lauflänge für das zu behandelnde Thema auch.
Verwüstung erfährt dieses Werk aber dadurch nicht, jedenfalls nicht genug, um mich aus diesen traumhaften Schilderungen zu verbannen. Jede Darstellung bleibt zauberhaft, jedes Wort nachhaltig beeindruckend. Dasein und Wesen durften von mir nie ästhetischer und inspirierender gesehen und gefühlt werden. Poetisches Rauschen des Ozeans. Sich im Wind wiegende Gräser. Lachen. Klettern. Zorn. Spielen. Schweigen. Lieben. Schmerz. Vergeben. Fühlen. Ein Geschenk vom Leben für das Leben, welches kaum schöner hätte aussehen können.

  

9,5 / 10
  

Autor: Iso