Posts mit dem Label Dern werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Dern werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 19. Februar 2016

Ein Traumspaziergang mit Edgar Allan Poe - Kritik: Twixt (2011)

Nicht selten wird das Spätwerk einiger sogenannter Altmeister belächelt. Zu weit liegen offenbar die einstigen Meisterwerke, die Filmgeschichte schrieben, und die davon stark abweichenden, neueren Arbeiten offenbar nicht nur zeitlich, sondern auch qualitativ auseinander. Was sich beispielsweise bei Dario Argento lediglich schwer leugnen lässt (der seit Jahren überwiegend Billo-Giallos und Horrorfilme der Marke Krekel/Ittenbach produziert), äußerst sich andererseits bei Jean-Luc Godard in extrem schwer zugänglichen Essayfilmen. In die zweite Richtung ist auch Francis Ford Coppola einzuordnen, dessen Romanadaption "Youth without Youth" etwa nur wenige Anhänger fand. Zumindest etwas beweisen muss er niemandem mehr. Umso entspannter fällt das späte Schaffen aus, was natürlich einen ganz eigenen Reiz entwickelt. Selbst der auf Coppolas eigener Kurzgeschichte basierende Horrorfilm "Twixt" (der Film zum Schokoriegel, jaja lustig) trieb sich zwar auf einigen Festivals herum, fand aber hierzulande nur eine Heimkino-Veröffentlichtung, obwohl die schauerromantische Erzählung (die sich wiederum Coppolas Frühwerk annähert) auch ihre Vorzüge hat. Der mittlerweile wenig ansehliche Val Kilmer spielt hier die Hauptfigur namens Hall Baltimore, einen wenig populären Autor von Hexenromanen, der zur Signierstunde in das verschlafene Städtchen Swann Valley kommt. Der Ort erweckt augenblicklich einen absonderlichen Eindruck und sei es nur wegen des Glockenturms mit sieben (!) Zifferblättern wegen, die allesamt unterschiedliche Uhrzeiten anzeigen. Statt treuen Fans trifft er den aufdringlichen Sheriff Bobby LaGrange (Bruce Dern), der unbedingt seine Idee eines gemeinsamen Romans über den jüngsten Mord eines Mädchens mit Holzpflock verwirklichen will. Anfangs wenig begeistert, wird der problemgebeutelte Autor mehr und mehr in den Bann des Falls gezogen, sodass er sogar in seinen Träumen von einem mysteriösen Mädchen und Edgar Allan Poe (!), der einst in Swann Valley residierte, heimgesucht wird.


Anders als jüngst Argento versteht es Coppola, die Träume auf eine eigentümliche Art zu inszenieren, die nachhaltig beeindruckt (und nicht belustigt). Beinahe alle Farben sind der bleichen Traumwelt entzogen, die sich zunehmend schwerer von der Wirklichkeit trennen lässt. Zudem bedingen sich die Träume und die Realität in dem Sinne, dass Hall Baltimore den im Schlaf gegebenen Hinweisen tagsüber nachgeht. Eine Trennlinie ist ohnehin nicht eindeutig ziehbar, da außerdem der Plot von Baltimores neuem Roman "The Vampire Execution" mitunter auf den Filmplot übergreift. Unter einem weniger versierten Regisseur könnte dieses Spiel mit den verschiedenen Realitäten ziemlich konfus enden, doch Coppola versteht es, sie sogar beiläufig zu integrieren. Insgesamt macht dies zwar einen diskontinuierlichen Eindruck, allerdings ist das Spiel mit den autobiographischen Elementen sowieso spannender. So ist zwar nicht die langsam zerbröckelnde Ehe der Hauptfigur eine Spiegelung von Coppolas Privatleben (der ja bereits seit über 50 Jahren verheiratet ist und sein Glück etwa auch nicht durch die Strapazen des Drehs von "Apocalypse Now" verlor), dafür jedoch der Unfalltod der Tochter, der dem Tod von Coppolas Sohn Gian-Carlo Coppola verblüffend genau entspricht. Hall bedauert, dass er zu dem Zeitpunkt nicht bei seiner Tochter war, jedoch hattte er sich damals fatalerweise in der Uhrzeit geirrt und war somit abwesend. Das Innenleben der Figur spiegelt sich demnach in seiner Umgebung wieder (man bedenke die zeitlich zerissene Wiedergabe des Glockenturms). Besonders frech fällt hierbei letztlich das Ende aus, das in seiner Plötzlichkeit und mit seinen losen Enden für einige verwirrte Gesichter gesorgt haben düfte. Dabei ist der Schlussgag sensationell! Dass man Coppola noch so viel Chuzpe zugestehen darf, ist schön. So schön wie der alles andere als makellose, aber sonderbare "Twixt".

                                                                    6/10

Autor: DeDavid

 
                                         

Freitag, 29. Januar 2016

Der Drogentrip als wilde Karusselfahrt - Klassiker der Extraklasse: The Trip (1967)


Roger Cormans »Trip« ist ein sehr zeitgeistiger Film, der sich mit der Droge LSD auseinandersetzt, so versuchten Corman und Jack Nicholson, der hierfür das Drehbuch schrieb (und dabei so weit ich mich erinnere eigene Erfahrungen verarbeitete), diesen Trip erfahrbar, greifbar und filmisch spürbar zu machen, das ist wahrlich avantgardistisch. Es ist demnach ein auf das Visuelle verlagerter Film, der sich nicht viel um (s)eine Handlung schert, sondern sich lieber in seinen Irrsinn stürzt: Das Konstrukt (oder der Konflikt), auf dem dieser Trip aufbaut, ist binnen weniger Sekunden erklärt und wird des weiteren auch nicht weiter (verständlich) vertieft: Es geht um einen Regisseur (Peter Fonda), der sich von seiner Frau scheiden lassen muss und in der Krise steckt. Was scheinbar hilft? LSD probieren! Aber keine Sorge, schon vor der Einnahme der Droge schreitet Cormans Film durch bunte Farben und bemalte Häuser, in denen Stoff konsumiert wird, während dazu ein fetziger Sixtiessound ertönt.



Maske auf und rein in den visuellen Traum, bei dem ein bärtiger Bruce Dern als helfende Hand während des Trips agiert. Das ist der Beginn einer wechselhaften Karussellfahrt, das heißt: Abstraktion, Lichter, Formen, Kreise, ein flotter Schnitt, Farben und Bilder, fließende Kraftfelder, ein leerer Strand und zwei Frauen, wilde Hemmungslosigkeit und befreiende Erregung aus dem surrealen Blickwinkel und eine mal mehr, mal weniger ver(w)irrte Kamera. Der Film schaltet folglich eine schlüssige Chronologie und Logik in seinem Drogentraumuniversum aus, versteht sich dann in Hinsicht seiner Dramaturgie eher als willkürlich zusammen geschmissener Reigen einzelner (abwegiger) Episoden.



Was ist was? Nichts. Und doch ist alles irgendwie etwas. Das Motto ist: Sich einfach treiben lassen. Es ist ein Trip voller Irritation und seltsamer Dinge, die konstant skurriler werden: Eine Wüste, dann wird man verfolgt in Wäldern von schwarzen Rittern, die Sonne und ein Blumenmeer, eine Nebelhöhle, ein ebenso nebeliges Herrenhaus, das an Poe erinnert, Visionen des eigenen Todes und fremde Orte, die so obskur, absurd und zugleich originell-schräg sind (und in denen Dennis Hopper als Richter predigt!), das man es nicht vermag sie zu umschreiben. Aber auf der anderen Seite verweisen Corman und Nicholson auch auf die Schattenseiten eines solchen Drogentrips, wenn sie Paranoia thematisieren, bei der Furcht vor dem Holzsessel und dem Angstgefühl selbst. So plagen den Protagonisten bald auch Zweifel, Misstrauen und Desorientierung, wenn er hilflos und orientierungslos durch Straßen streift, Menschenmassen ihm entgegenkommen und die Lichter der Großstadt zur Qual werden. Spätestens wenn Corman dann auch noch in die wilde und abgedrehte Clubszene eindringt, dreht er vollkommen auf und das mit psychedelischer Energie. Insgesamt findet dadurch aber auch eine tiefere Auseinandersetzung beziehungsweise ernsthafte Reflexion mit dem Thema nicht wirklich statt, da Corman doch bis zuletzt viel zu sehr zu seiner visuellen Verspieltheit tendiert, bei der er scheinbar nochmal temperamentvoll Revue passieren lässt. Als ungewöhnliches (und vor allem abseitiges) Experiment seiner Zeit bleibt sein Film nichtsdestotrotz interessant. 


6.5 / 10

Autor: Hoffman 

Samstag, 14. Juli 2012

Die beschleunigten und gedrosselten Neo-Noir-Nächte von L.A. - Klassiker der Extraklasse: The Driver



»There isn't gonna be a next time. You were late.« - Manchmal muss man Orte zurückkehren, die einen meinen - die Vergangenheit, andere betiteln diese wiederum als Anfänge - kommt eh beides auf dasselbe raus - zurück zu den Beginnen, um sich der Moderne zu widmen. Um vielleicht deutlicher zu entlarven, Paralellen zu ziehen oder die Referenz beziehungsweise das Plagiat zu erkennen. So halte ich es zumindest. Wir wollen schließlich niemanden, wegen einer Kopie hoch anpreisen. Das wäre verächtlich. Und so kam ich mal wieder auf den glorreichen Einfall mir vor dem Werk »Drive« von Nicolas Winding Refn, dessen mir am verdächtig (in Hinsicht von Parallelen) wirkensten Referenzfilm »Driver« (ich denke meine Skepsis liegt offen ohne weitere Ausschweifungen) aus dem Jahre 1978 vom guten, alten Walter Hill anzusehen, der hierbei noch bei seinen Anfängen stand, um zu verstehen. Vergessen wir aber dabei auch für den Moment die Koexistenz von Refns »Drive«, anderswo wäre das plakativ meinerseits und verkrampft. Das fördert keinen Individualismus.





Wobei Hill selbst wiederum hierbei die Referenz nicht scheut, ob dies nun auf seinen Großmeister Sam Peckinpah zutreffen mag oder auf die Beeinflussung beim Franzosen (wie auch kühlem Gangsterfilmgott) Jean-Pierre Melville oder eben Peter Yates, dem Hill schließlich auch Jahre zuvor als Regieassistent diente bei »Bullitt« - Hills wahrscheinlich größtes Referenzwerk hierbei und immerhin schrieb er ja auch das Drehbuch zu Peckinpahs »Getaway« und nun läuft Hill selbst im eigenen Film zu Hochtouren auf.

Reduziert den Großteil - wie die simple Geschichte - und fokussiert sich auf eine dramaturgische Dreiecksgeschichte. Protagonist Nummer 1 der berüchtigte und wortkarge »Driver« (unterkühlt und faszinierend: Ryan O´Neal. Mit gerade mal mehr als ca. 300 Worten. Aber mit stoischer Mimik.), dann der kompromisslose Jäger in Form des »Detectives« (ehrgeizig-obsessiv: Bruce Dern), dessen Stunde des Angriffs schlägt und darauf das weibliche Mysterium. Eine Femme Fatale? Bezeichnet einfach als »Player« (erstmalig eiskalt: Isabelle Adjani), hat sie die Trümpfe in der Hand? Die Ambivalenz hierbei schlägt Wellen. Denn die Charakterisierung erfolgt nicht durch Namen, sondern durch Klassifizierung.

Anderswo funktioniert Hills »Driver« dank höchstem Minimalismus in Aufbereitung des Drehbuches, während technisch man zu Höchstformen aufläuft. Aber nüchtern zurück zur Referenz, die Walter Hill insofern auch beim Film noir sucht, woraus schließlich auch die dreiteilige Figurenkonstellation hierbei profitiert. Hill definiert die Geschichte auf seine Weise und beweist trotz vielseitiger Versatzstücke und Referenzen stets seinen eigenen Stil und detaillierte Individualität. Somit stets frisch in seiner Inszenierung und dabei setzt Hill auch die Referenz von »Bullitt« konsequent fort, lässt die Reifen quietschen und den Ölverbrauch drastisch steigen - während die Verfolgungsjagden per Auto sich  als Highlights von Hills Werk entpuppen - furios, rasant und stets flink inszeniert und mit dem perfektionistischen »Drive« im Getriebe.

Dazu förmlich anziehend in Szene gesetzt das Nachtleben von L.A., die kühle Atmosphäre und die fast schon irrationale Intensität unterstützten dies - und geschickte Schnitte -  das hat Stil. Insofern kreiert Hill gekonnt seinen eigenen Filmkosmos mit eigenen Regeln und hält sich insofern kaum mit Erklärungen auf und schon hier referiert er nebenher noch präzise das Westerngenre (»Some of the criminal types these days, they, eh, think that they're real cowboys. Think they can just, eh, drive around...do whatever they wanna do...whenever they wanna do it.«), nicht umsonst schon ein frühes Lieblingsmotiv seitens Hill. Jedoch suggeriert Hill trotz spektakulärer Sequenzen der Nacht hierbei auch eine gewisse Ruhe, was Hill damit heraufbeschwört lässt sich auch als existentielles Charakterdrama lesen wie auch als Projektion der Einsamkeit seines Protagonisten »Driver«, der durch seinen Beruf, in dem er den Adrenalin sucht, gezwungenermaßen sich isoliert von der Gesellschaft sieht - weder Freund noch Familie - in den tiefsten Sphären der Nacht: Allein. Mit Hill als abgeklärtem Profi auf dem Regiestuhl und so jeder Dialog auf den Punkt gebracht. Es wird viel reduziert wie minimalisiert und dies tätigt Hill in packender, kalter Manier.




Und definiert zugleich den Film als ein Spiel. Für wen die Stunde schlägt, entscheidet der Richter. Stets das wichtigste einer Zeitung? Der Sportteil als Reflexion des Lebens, die einen die »Winner« und die anderen die »Loser«, Grenzen verschwimmen - Wer der Jäger, wer der Gejagte? Wer Spieler und wer Ausgespielter? Mit Tricks - das ewige Spiel. Doch schreitet Hills Klassifizierung mit ausgeklügeltem Plot voran, während man auf das Nötigste dezimiert und zugleich die Melancholie der finsteren Straßen von L.A. durchfährt - Hill wart die Präzision seiner Arbeit - »The Driver« ein virtuoser wie auch bewundernswerter Neo-Noir. Nun letztlich heißt es doch wie immer: »The Winner takes it all.«



8.0 / 10

Autor: Hoffman