Donnerstag, 25. April 2013

Godard Retroperspektive #8 - Kritik: Passion (1982)




Irgendwie ähnelt oder erinnert »Passion« doch irgendwie an einen Hollywoodfilm seitens Godard in Hinsicht von Kulisse und Ausstattung, auch wenn er sichtlich weit davon entfernt ist, das zu sein. Das Intro ist sicherlich beachtlich: Himmel, noch mehr Himmel, der Himmel hat Wolken, das ist eine gewisse Schönheit in der Realität, die Godard hier einfängt. Es ist ein weiteres Werk von Godard, welches das Film im Filmmotiv benutzt, um über die Verschränkung der Künste selbst und mit der Politik zu berichten. Wobei gerade der politische Kontext nahezu unleserlich wird durch Godards Weise der Erzählung. Denn Godard weigert sich strikt irgendeiner Form der Dramaturgie oder Erzählung zu folgen. Sicherlich das war bereits früher so, aber mündet dies hier in den Extremen. Ein wirkliches Erschließen der Handlung ist eigentlich nur möglich, wenn der Rahmen der Geschichte bekannt sein sollte.



»Passion« ist mehr eine filmische Collage. Im Mittelpunkt steht der Regisseur Jerzy, der einen Film über die Gemälde berühmter Künstler, wie Rembrandts »Nachtwache« oder Goyas »Erschießung der Aufständischen«, fertigstellt und diese in seinem Film nachstellt. Dabei besteht sein Film aus mehreren, lebendigen Bildern, die er immer wieder aufs neue untersucht in Hinsicht von Beleuchtung und Wirkung. Drum herum und mittendrin mit den Leidensgeschichten und Passionen seiner Charaktere verstrickt, so die entlassene Isabelle (stotternd: Isabelle Huppert), die ihr Recht auf Arbeit fordert, der Fabrikleiter (hustend: Michel Piccoli), der mit seiner Frau (wehmütig dreinschauend: Hanna Schygulla), die ein Hotel besitzt in dem die Filmcrew sich niedergelassen hat, im Zwist steht. Die wiederum eine enge Liebesbeziehung zu Regisseur Jerzy pflegt, der sie in seinem Film besetzt, wenngleich der auch Interesse an der ehemaligen Fabrikangestellten hat und mit ihr eine Affäre beginnt. Eine Handlung, wie ein wirres Rätsel, im Grunde letztlich nicht mal vollständig zu entschlüsseln. Über einzelne Details lässt sich sogar streiten. Aber naja irgendwie greift Godard somit auch in dieser Geschichte voller Passionen der einzelnen Charaktere das Liebesmotiv auf, wenn sich Regisseur Jerzy zwischen den zwei Damen (Schygulla und Huppert) sieht. Ein kompliziertes Filmnetz, ob das gleich komplex gesehen werden kann, ist die Frage. Godard erklärt nichts, es ist so als würde er keine Rücksicht auf sein Publikum nehmen, vielleicht ist das gerade deshalb auch ein Fakt, das macht es umso schwieriger, denn Godard ist fragmentarischer als es Godard bereits bei seinen Frühwerken war.

Denn auch hier experimentiert er mit den Ebenen von Wahrheit und Fiktion, von Film und Realität, Godard hat es sich hier scheinbar zur Aufgabe gemacht diese Realität abzubilden und mit der Kamera einzufangen. Godard möchte die Wirklichkeit reflektieren, mit jeder Minute das zeigen, was ist. Das ist genauso faszinierend wie simultan dazu bemüht. Aber man merkt deutlich Godards Bemühungen bei den Versuchen: seine Darsteller richten ihrem Blick direkt in die Kamera, verweilen kurz in ihren Posen und lösen sich wieder kurzerhand aus dieser, Godard bleibt nah am Geschehen. Im Gegensatz dazu stehen natürlich die »Taubleaux vivants«, in der sich die Statisten aus ihrer Starre befreien und später sogar bewegen. Die immer wieder einsetzende Untersuchung dieser Gemälde untermalt Godard mit klassischer Musik, welche passend diesbezüglich die einnehmende Intensität verstärkt, aber daneben auch den hochtrabenden Charakter von Godards Werk. Dennoch möchte ich diese im besonderen positiv hervorheben.



Weiterhin arbeitet Godard auch mit der absoluten (und ja hier teils enervierenden) Asynchronität von Bild und Ton, versetzt die Tonspur, lässt sie aber auch synchron laufen, stiftet damit Verwirrung. Sein Regisseur Jerzy ist (wie Godard selbst) ein Suchender, ein Suchender im Film, ein Suchender der Kunst, dessen Konflikt Godard deutlich betont, einer der sich eingeengt fühlt, bedrängt wird und den Druck spürt, der auf ihm lastet wegen des Films - symbolisch laufen ihm unaufhaltsam Menschenmassen entgegen. Auch spielt Godard mehrfach in Dialogen auf seinen eigenen Film an, die meist Godards Brüche mit der Filmrealität um ein weiteres Mal verdeutlichen, so als Beispiel, dass man in Fabriken nicht drehen dürfe. Seine Figuren dürfen aber auch über Filmgesetze sinnieren, der Produzent meint: Der Film braucht eine Handlung, bis Coutard (von Godard geleitet) erwidern darf: Gesetze im Film gibt es nicht. Coutards sind Bilder gefüllt mit Extravaganz, aber daneben sind sie auch auf ihre Weise irgendwie nüchtern. Wenigstens passt das dann auch zur sperrigen Haltung des Films. Dabei hinterlässt er aber auch einen trostlosen und intellektuell hochgestochenen Beigeschmack, der ihn wahrscheinlich unzweckmäßiger macht als er wirklich ist, als Reflexion von Kunst, die Kunst zwischen Leben und Lieben, wie Kunst zwischen Kino und Malerei. Mir war das aber immer etwas zu trocken-intellektuell präsentiert und an sich beschlich mich das ein oder andere Mal das Gefühl das hier doch die Essenz, das abschließende Fazit, fehle.



5.5 / 10


Autor: Hoffman

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