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Freitag, 4. April 2014

Alt trifft Jung - Klassiker der Extraklasse: Gewalt und Leidenschaft (1976)



In seinen vorletztem Film lässt Luchino Visconti zwei von einander unterschiedliche Welten (= zwei Generationen) aufeinanderprallen, alt und jung, angesiedelt in einer römischen Stadthaus, welches einem altem Professor (Burt Lancaster) gehört, der dort allein (mit Ausnahme seiner Haushälterin) lebt. Er hat sich in der Kunst verloren, studiert Bücher und Gemälde. In den Zimmern seines Hauses findet sich ein erdrückendes Archiv von Bildern, Büchern und Staturen, als wäre es eine überdimensionierte Bibliothek der Kunst. Die Räume sind prall gefüllt und die Wände sind förmlich tapeziert mit Büchern. Der Professor ist ein Theoretiker seines Fachs, der bedachtsam vorgeht und genau abwägt. Er ist ein altmodischer Typ, der seine Isolation lieb gewonnen hat und zurückgezogen lebt. Ein Jemand, der die Außenwelt hinter sich gelassen hat, weshalb Visconti diesen Film auch als Kammerspiel im Hause des Professors inszeniert hat, über das er nie hinausgeht, es spielt sich alles in den Innenräumen (oder höchstens, um ganz penibel zu sein, auf dem Balkon) ab. Eine leerstehende Wohnung wiederum lockt die jungen Leute (in Form von Silvana Mangano), welche ungefragt die Vermietung der Wohnung erbitten und verhandeln wollen.



Diese jungen Leute, bestehend aus einer Mutter, ihrem Liebhaber, der Tochter und deren Verlobten, sind stürmisch und tatkräftig, während der zurückhaltende Professor ihnen gegenüber zunächst etwas furchtsam und irritiert wirkt. Eine Gruppe, die mit ihrem Fashionlook Zerstreuung in das Leben des Professors bringt, der sich skeptisch gibt gegenüber den Fremden, aber dessen Blicke auch gleichzeitig eine gewisse Faszination für die Jugend, ihre Spontanität und ihren Enthusiasmus zeigt. Besonderen Fokus legt Visconti dabei auf den Charakter von Helmut Berger, dem Gigolo Konrad, der rebellisch, aggressiv, unverfroren, mutig und aktiv ist, während der Professor passiv ist. Damit stellt Visconti besonders diese beiden Charaktere gegenüber. Zunächst scheint es keine Verständigungsmöglichkeit zu geben, so meint der Professor, dass er den Kontakt zu den jungen Leuten verloren habe und er laut eigener Aussage kein neues Leben beginnen kann, er auf den Tod warte, doch schon bald näheren sie sich einander durch die Kultur und Kunst. Der Professor wird aus seinem Schlaf wieder erweckt. Daneben ist Viscontis Film verschwenderisch überladen mit kunstvollen Dekors und Gemälden, auf welche die Dialoge auch hingesteuert werden. Visconti erzählt das gemächlich und wohl besonnen, dabei stets auf Feinheiten achtend, in luxuriös verzierten und edlen Bildern. Der Professor hat sich an seine Einsamkeit gewöhnt, sehnt sich aber im Inneren doch irgendwie nach dieser menschlichen Nähe, nach einer Familie. Konrad wiederum ist hinter seiner Fassade verletzlich, will Ratschläge und zeigt damit auch seinen Respekt gegenüber dem Alter, sodass man es fast schon als Vater-und Sohn-Beziehung auffassen könnte. Und die junge Generation zerfleischt sich als dekadente Gesellschaft selbst, sodass letztlich Konflikte und Gefühle von Wut und Hass offenbart werden, bis zur Tragödie.

7.5 / 10

Autor: Hoffman 

Mittwoch, 11. September 2013

Tod, Vernichtung, Bressons Mittelalter! - Klassiker der Extraklasse: Lancelot, Ritter der Königin (1974)




Reden wir mal ganz spontan über Klischees, über die Klischees eines Ritterfilms. Das sind die mit den prächtigen Farben, Edelmut, Romantik und strahlenden Helden, wie sie »Knights of the Round Table« oder »Ivanhoe« aufwiesen (mir ist übrigens bewusst wie scheußlich konstruiert dieser Übergang ist und ich mache es trotzdem) und jetzt betrachten wir Robert Bressons Interpretation der Arthussage. Was nun folgt und gesehen wird? Gewalt! Explizite Gewalt, die auf den ersten Blick schockieren mag, aber doch sofort die Regeln von Bressons Werk aufstellt und drastisch darstellt, auch in Bezug auf die Brutalität, denn der Heldenmut ist aus Bressons Film längst entschwunden (es gab ihn schließlich auch nie), das hier hat etwas abgründiges und dreckiges. Die Gralsuche ist gescheitert. Das sind Bilder der Zerstörung, der Plünderung und des Todes. Es ist eine Welt, die von Gott verlassen wurden zu seien scheint. Willkommen im Mittelalter, seine Ritter kehren desillusioniert und mit leeren Händen zurück.



Bresson defomiert förmlich den Rittermythos, sein Film wird zur einer Zielsuche. Die Stimmung ist trist, die Bilder sind karg, aber kunstvoll ist er inszeniert. Bresson nutzt dazu meist Detail- wie auch Nahaufnahmen und das im breiteren Sinne (wenn der Blick auf die Augen der Pferde als so etwas zählt), teils auch um die Einsamkeit seiner Figuren auszudrücken. So dienen die Rüstungen der Ritter für Bresson als Metaphern um die emotionale Distanz zwischen den Charakteren und ihre verlorene Sensibilität auszudrücken, auch berichtet Bresson dabei von der Unmöglichkeit der Liebe (zwischen Lancelot und Guenièvre) und thematisiert demnach folgerichtig auch die Passion und die Erlösung des Menschen, er spricht von Trug, Verrat und Treue zwischen den Rittern, von Intrigen (wie der von Mordred gegen König Artus) und Machtspielen (wie jenes von Lancelot und Widersacher Morded). In einer solchen Welt sind jedwede Werte, Moralen und Tugenden verfallen, ein düsteres Bild. Besonders die Rüstungen bilden somit einen bedeutenden Schwerpunkt in Bressons Symbolik. Sie zeichnen den Menschen mehr und mehr als Maschine ab, der einzig seinem Zweck der Arbeit dient und damit auch seine Menschlichkeit verliert.




Interessant ist aber auch, dass Bresson des öfteren das untere Hinterteil der Rüstung filmt, wo Beinlinge, die nicht von der Rüstung verdeckt werden, als Anzeichen der letzten Menschlichkeit stehen. Der Mensch ist in der Gefangenschaft der Maschine (= Rüstung), die Beinlinge verdeutlichen aber, dass Leben noch existiert in diesem kalten Material. Der Mensch ist gebunden zwischen Zwängen und Zwecken. Der Schall und das Scheppern der metallischen Rüstungen kann wiederum als Konkretisierung der Fesseln, die von den Rüstungen ausgehen, verstanden werden. Als hätte man den Menschen eine blechernde Kette angelegt. Dies scheint fast mit der Zeit, die Stimmen und Worte zu überdecken. Es sind Stimmen, die langsam zu stummen scheinen und die Liebe unmöglich machen, auch ausgedrückt durch die formalisierten Dialoge und das grobe und monotone Spiel der Akteure. Genau diese Leblosigkeit ist es, die scheinbar das Ende heraufbeschwört und den symbolischen Tod in Bressons Werk so präsent aufzeigt, also die Abwendung von Gott und der Suche nach Gott. Das macht sicherlich seinen Film sperriger, aber auch umso spannender. Es sind also die kleinen Details, die Bresson in seiner fragmentarischen Erzählung beleuchtet und den Inhalt der Geschichte durchaus vage werden lässt, das erlaubt eine ambivalente Haltung zu Gesehenen und Geschehenen. Den Höhepunkt dieser ungewöhnlichen Inszenierung repräsentiert dann ein Turnier, welches brüchstückhaft und jeweils ausschnittsweise von Bresson geschildert wird, mit wiederkehrenden Einstellungen, unkonventionellen Winkeln und Perspektiven. Da kann man doch nur erstaunt zurückblicken, das Ende der Welt sehen und imponiert sein von einem solch gespenstischen Abgesang auf das Genre und auf die Menschheit.



7.5 / 10


Autor: Hoffman