Bereits die erste Einstellung zeugt nicht vom Tod, sondern zeigt die Hand eines Neugeborenen. Jonah (so gut wie noch nie: Jesse Eisenberg) ist der Vater, der orientierungslos durch die Flure des Krankenhauses zieht, um etwas Verpflegung für seine von der Geburt sichtlich erschöpften Frau zu finden. Überfordert lehnt er sich rücklings an die Wand. Der Titel wird eingeblendet. "Louder Than Bombs" dürfte als eigentlich als Albumname der britischen Rockband The Smiths bekannt sein, in Joachim Trier 3. Langfilm bezeichnet er keine lautstarken verbalen Auseinandersetzungen. Eher lässt sich zu den aufwallenden Emotionen der Familie Reed in Relation setzen. In dieser ist Jonah der deutlich ältere von zwei Söhnen, angehender Dozent für Soziologie, und hat schon eine seigene Familie gegründet. Sein schizoider Bruder Conrad (unfassbar: Devin Druid) verbringt seine Zeit lieber indes mit Videospielen und klugen Beobachtungen. Ihr Vater (Gabriel Byrne) ist dabei, mit Conrads Lehrerin heimlich eine Beziehung zu führen, die aufgrund ihrer Geheimniskrämerei bereits vorab zum Scheitern verurteilt scheint. Eigentlich eine gar nicht so unübliche Familienkonstellation in der heutigen Zeit, wäre da nicht die Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren. So wird Conrad nach der Schule von seinem Vater verfolgt, damit dieser etwas über das Privatleben seines Sohnes in Erfahrung bringen kann. Erst später wird enthüllt, dass Conrad sich der regelmäßigen Aktionen seinens Vaters bewusst ist und so bricht er demonstrativ zur Verwirrung offenbar motivationslos an einem völlig zufälligen Grab zusammen. Der Grund für die Schwierigkeiten in der Familie liegt drei Jahre zurück: Damals starb die Mutter Isabelle Reed (Isabelle Huppert), eine berühmte Fotografin, die hauptsächlich in umkämpften Kriegsgebieten tätig war, während eines Autounfalls. Dass es sich jedoch nur allem Anschein nach um einen banalen Unfall handelt, offenbart sich schnell. Während sich Jonah und sein Vater der Depressionen Isabelles bewusst waren, weiß Conrad davon nichts, lediglich einige Anzeichen dürfte er erkannt haben. In Wahrheit handelt es sich demnach um Suizid, doch eben diese Wahrheit stellt Jonah in Frage: "The truth? What is the truth?"
Mit einer einfachen Antwort ist es bei einer Sinnsuche nun einmal nicht getan. Gibt es überhaupt eine objektive Wahrheit, die alles erklärt? Nicht selten wandelt Joachim Trier mit seinem ersten internationalen FIlm auf den Pfaden Antoinionis: Beispielsweise entdeckt Jonah ein entscheidendes Detil auf einer alten Fotografie seiner Mutter, das ihn fortan beschäftigt oder wird der Autounfall in Slow-Motion (bis zur Erstarrung) in mehreren möglichen Ablaufweisen gezeigt. Dies geschieht entscheidenderweise aus Conrads Sicht, ohne dass er sich für eine Variante entscheidet. Die Erinnerungen an die abwesende Mutter werden kaleidoskopartig verwebt. Alle Familienmitglieder haben ihre eigenen Vorstellungen von der Frau, die sich nicht notwendiger decken oder widersprechen. Eine Wahrheitsfindung erscheint hier von vorneweg sinnlos, können doch nur die subjektiven Sichtweisen wiedergegeben werden. Selbst die flüchtigen Momente, in denen Isabelle völlig allein auftritt, sind letztlich nur Vorstellungen der Verbliebenen. Alles andere wäre auch nicht rekonstruierbar. Der mancherorts als Kritikpunkt des Films verstandene "male gaze" ist meines Erachtens nicht gerechtfertigt: Wie die Männer der Familie die Frauen behandeln, setzt sich ja unübersehbar in weiteren Liebschaften fort: Jonah geht trotz der Geburt seinen Sohnes fremd und sein Vater verspielt sich seine neue Beziehung, indem er Conrad nichts davon wissen lässt. Jonah erinnert in manchen Punkten nicht nur zufällig an seine Mutter, ob er irgendwann selbst in den Abgrund gerät, wird offen gelassen. Hierbei handelt es sich auch um eine der interessantesten Entwicklungen der Figuren. Wirkt Jonah zu Beginn noch wie der erfolgreiche Karrierist und angehende Patriarch, der alles unter Kontrolle hat und den Nachlass seiner Mutter regeln will, so zerbricht er immer mehr, weil er sich nicht von der Vergangenheit lösen kann. Dem entgegen steht Conrad, der als Einzelgänger mit bisweilen soziopathischen Zügen eingeführt wird, nur um aus dem chauvinistischen Teufelskreis der Familie ("If I had a girlfriend, I would never lie to her") erst mit Versprechungen und darauf folgend einer herrlichen Naivität auszubrechen. Einer der großartigsten Sequenzen in Triers Standortverlagerung von Oslo nach New York ist ein Essay Conrads, das zu Tangerine Dreams "Love on a Real Train" atemberaubend bebildert wird. Dieses legt er einem Mädchen vor die Tür, um trotz seiner Schüchternheit mit ihr kommunizieren zu können. Später gewinnt er notwendigerweise an Reife, wenn das Resultat nich seinen Hoffnungen entspricht. In diesem Jugendlichen steckt so viel unerwartete Tiefe. Die Coming-of-Age-Momente stellen mit die schönsten Augenblicke in einem an memorablen Momenten reichhaltigen Werk dar, das leider bislang viel zu unbeachtet blieb.
9/10
Autor: DeDavid
Posts mit dem Label Eisenberg (Jesse) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Eisenberg (Jesse) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Freitag, 27. Mai 2016
Samstag, 5. Mai 2012
Cravens pelziges und mutiertes Unheil - Kritik: Verflucht
Nun noch einmal ein Gegenbeispiel aus der Filmographie des großen Horrormeisters Wes Craven, der wie ich schon meinte qualitativ gesehen ein recht abwechslungsreiches Gesamtwerk fristet, wobei besonders seine Spätwerke unter den durchwachsenen Verlauf seiner Filmographie größtenteils zu nennen wären, meiner Meinung nach, aber das kann man so oder so sehen. Jedenfalls ist "Verflucht" aus dem Jahre 2005 doch eines dieser Spätwerke von Wes Craven, in denen er sichtlich recht eigenwillig zu Tage geht und so sich die mittlerweile gereifte Legende des Werwolfs annimmt. Wie auch irgendwo anders erwähnt, ich mag diese Legende um den Wolfsmenschen, einerlei weil diese auch oft viel zu oft im Schatten anderer Monster steht und so transferiert Craven den doch klassisch veranlagten Mythos in die Moderne und lässt es sich nicht nehmen zunächst insofern auch einen gewissen, anfangs teils noch originellen Subkontext zu der Legende aufzubauen, in dem er den Weg mit bestimmten Scream-Referenzen ebnet. Bloß eben variiert im Werwolf-Stil.
Wie der Titel (»Cursed«) schon vermuten lässt wird dabei mächtig verflucht und Unheil gesät im besten Stile der Legende, vormals. Zwei unterschiedliche Geschwister, die durch einen Zufall (gleichzusetzten mit Unfall) von einer wilden Bestie (gleichzusetzen mit Werwolf) gebissen werden und so teils doch Opfer eines recht abstrus zu nennenden Fluches werden. Variiert klein. Worauffolgend die Suche nach der Urbestie beginnt, welche verantwortlich für all dies ist. Altbekannt und von Craven durchaus nett in die Moderne getragen, wenn auch der Handlungsverlauf schmälig, ja sogar sehr schmälig bleibt. Wenigstens anfangs noch schwingen anfängliche Referenzen freudig mitein und Craven beweist durchaus charmant wie es geht, auch seinerseits mit traditionellen Humor im Sinne von »Scream«, also als Persiflage auf konventionell gestrickte Teenie-Horrfilme zu verstehen. Wobei dieser Teil mich jedenfalls durchaus leicht amüsierte. Die Charaktere werden unterhaltsam einfügt, das Thema zunächst noch interessant verpackt um das Mysterium, Andeutungen, Anspielungen, wie erwartet spürbar auch Kevin Williamsons Beitrag dazu - dies inszeniert Craven zwar nicht gerade in irgendeiner Form vom besonderen Maßstab, dennoch routiniert. Und doch entwickelt sich "Verflucht" in seinem Verlauf doch zu einem eher misslungenen Versuch, der Werwolf-Legende frisches Blut zu spenden. Da man spätestens nach der ersten Verwandlung erkennen muss, dass sich Cravens Werk ins Abstruse schleppt und im Grunde dann jenen Konventionen folgt wie huldigt, die Craven doch im Grunde zunächst so stilecht versuchte zu überspitzen? Immerhin gelingt es Craven wenigstens überhaupt in der späteren Entwicklung selbstironische Nebentöne zu verspüren, die insofern wenigstens überhaupt Abwechslung bieten zu diesem doch vorhersehbar und konventionell gekochten Filmchen. Wahrer Grusel ist dadurch auch wirklich selten, wenn überhaupt, präsent allein durch eine gewisse Absurdität des Werwolfes selbst, welcher meiner Schätzung nach eher als haariger wie auch mutierter Haribobär (in polierter CGI-Rüstung) durchgehen sollte, als denn als blutrünstiger Werwolf, aber selbst da beweist Craven irgendwie Ironie. Sollte er auch. Denn auch die Darstellerriege weiß wenig zu verzücken, Christina Ricci kann da eh wenig reißen, trotz geheimnisvoller Art, Jesse Eisenberg fährt wieder die fast schon prototypisierte Fassung eines nervösen, mittlerweile arg nervigen, Nerds auf und Joshua Jackson ist halt auch noch irgendwie da, gefällt sogar noch am besten, woran das liegt? Ich habe keine Ahnung. Da kann das noch so gewollt klischeehaft gedacht sein, es bleibt einseitig beleuchtet und kaum zündend. Aber auch altbewährte Craven/Williamson-Motive finden wieder ihren Einsatz, als Beispiel es wird viel selbstzitiert und versucht Medienkritik zu üben, diese wirkt dennoch weitaus zu zahm und auch die Hollywood-Demontage misslingt deutlich sichtbar, das hatte er schon mal besser und bissiger drauf. Eine gewisse Faszination ist meinerseits jedoch auch hier nicht abzusprechen, wegen einzelner Versatzstücke anderer Craven Werke und um Parallelen zu ziehen.
So beugt sich doch interessanterweise Wes Craven in diesem Spätwerk "Verflucht" dem, dem sich der einstige Wes Craven nie beugen wollte und doch schafft er es zumindest in wenigen Passagen seine alte, eigene und eigenwillige Individualität durchstrahlenzulassen, doch dies rettet für mich das Endprodukt vor dem Durchschnitt des Genres nicht, zwar mit durchaus ironischer Beilage, aber dafür auch mit abstrusen Ausgang, obgleich man dies in Bezug auf Craven deutlich interpretieren könnte oder auch eben nicht. Demnach enttäuschend für mich in Anbetracht auf Craven.
4.5 / 10
Autor: Hoffman
Isos Meinung:
Ironisch-angestaubtes Pisswasser macht auf originellen
Cranhoney Fresh; Altmeister Craven hat Lust auf Wölfe, verzettelt sich
allerdings in abstrusem Unfug und womöglich altersdebilen Spielereien. Was
macht der bloß? Wenn das altkörperlicher Stromnetzverbrauch ist, dann bitte ich
um Erbarmen. Bitte nicht, du alter Sack. Und doch, zugegebenermaßen, finde ich
„Cursed“ nicht ungemein schlecht, in Relation zu dem, was es heute sonst so
gibt, und das ist des Öfteren sehr viel schlechter, sogar ganz nett; aber genau darin besteht doch der Fehler. Woher soll man
ausweglosen Schund vom Positiven abgrenzen können, wenn doch nichts über
Fadheit hinausgeht? Gar nicht, richtig. Schmerzvoller Blödsinn revolutioniert das Befriedigende und Scheiße wird das neue Gut. Ist es Zeit für neue Wertungsmaßstäbe,
eine Revolution liebevoller Annahme, die Kuscheldecke? Hoffentlich nicht, ein bisschen Ehre darf man sich gerne noch bewahren.
3.5 / 10
Abonnieren
Posts (Atom)
