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Mittwoch, 12. August 2015

Siodmaks »Sissy«? - Alte Schinken Edition: Katja, die ungekrönte Kaiserin (1959)



Ich möchte mich hier gerne dem anschließen, was schon viele vor mir meinten: Robert Siodmak wollte wohl hiermit seine ganz eigene »Sissi« schaffen, die heißt bloß nicht Sissi, sondern Katja und ist (wie der Titel schon verrät) eine ungekrönte Kaiserin. Dabei verwandelt Siodmak tatsächliche Fakten zu einem tragischen Kinomärchen, welches zwar altmodisch und bieder daherkommen mag, aber einerseits schmuckvoll und zudem hochkarätig in den Hauptrollen besetzt ist. Curd Jürgens gibt die Majestät, den Zaren Alexander II., der von Generälen und Ministern umgeben ist, die sich nur fügen und nicht selbst denken und nur ihren eigenen Interessen folgen. Er weiß, dass Macht auch Gefahr bedeutet und er ist Mann, der an sein Volk denkt und die Leibeigenschaft abschaffen will. Und dann ist da die vernarrte Schwindlerin Katja, welche Romy Schneider mit einer naiven Unverdorbenheit spielt, die um einer Strafe im Mädcheninternat zu entgehen, vorgibt den Fürsten zu kennen, der den darauffolgenden Tag zu Besuch kommt, der sie aber gleichauf in seiner gutherzigen Natur, um ihr zu helfen (= die Leviten zu lesen), zur Schlittenfahrt mitnimmt, um dort sie wiederum zu einem Ball einzuladen, bei dem sie gemeinsam miteinander tanzen werden. Er ist dennoch seiner kranken Frau verpflichtet, deren Gesundheit sich zusehends mit der Zeit verschlechtert. Er muss erkennen, dass es nicht sein kann, dass die Menschen bereits beginnen darüber zu sprechen. Er schickt sie fort nach Paris, um sie dort studieren zu  lassen, auch wenn er ihr in diesem Moment des Abschieds seine Liebe gesteht.



Eine Liebe, die nicht sein darf und ein Thema, das ebenso fix von Siodmak abgefertigt wird. Später wird sie aber noch seine Geliebte bleiben, auch wenn es da noch intrigante Minister gibt und Revolutionäre daneben immer wieder Attentate versuchen auf den Zaren zu verüben. Es wird neu geheiratet und der Zar will seine Katja krönen und an jenen Tag ebenso die Verfassung verkünden lassen. Doch auf beiden Seiten wird sich gegen ihn verschwört. Von Robert Siodmak wird das kraftlos, bis auf die letzte symbolische Szene, und überhastet erzählt. Vieles wird in einer Szene kurz angerissen (wie der Sohn des Zaren) und danach nie wieder darauf Bezug genommen. Das Einzige, wofür sich Siodmak hier wirklich zu interessieren scheint ist die Romanze seiner beiden Hauptfiguren, die aber ebenso voll gestopft ist mit Belanglosigkeiten. Wenigstens kann man Dekoration, Ausstattung, Kostüme, den fallenden Schnee und falsche Bärte bewundern. Handwerklich hat Siodmaks Film ja durchaus noch etwas edles und ausgeschmücktes, aber das ist ebenso eine steife Opulenz, die er hier bietet. Immerhin gibt es dennoch, wenn er die politische Ebene aufgreift, die eigentlich keine politische Ebene ist, hier und da ein paar interessante Momente. Das ist letztlich ein Melodram, ohne die Momente eines solchen wirklich auszukosten.


4.5 / 10

Autor: Hoffman 

Donnerstag, 31. Januar 2013

Ein Karussell der Gefühle - Klassiker der Extraklasse: Kinder des Olymp (1945)




Es ist zweifellos beeindruckend, wie es Marcel Carné schaffte selbst unter schwersten Bedingungen, während der deutschen Besatzung, dieses imposante Stück Zelluloid zu inszenieren. Das Szenenbild von Alexander Trauner scheint trotz diesen Verhältnissen makellos gestaltet zu sein und die Zeitepoche des 19. Jahrhunderts ist vorzüglich rekonstruiert. Kaum merklich scheinen jene Schwierigkeiten bei der Produktion, denn die Ausstattung verzückt und die Massenszenen sind glänzend in Szene gesetzt. Die Szenerie ist so elegant wie Carnés Regie. Wie schon festgestellt, reflektiert Carné dabei das 19. Jahrhundert, auch wenn es sich hierbei um poetischen Realismus handelt. Das Jahrhundert der Romantik, wobei ich mich nur bedingt darauf beziehen möchte, vielmehr auf das Synonym des 19. Jahrhunderts, das Jahrhundert der Widersprüche. Denn ganz abwegig scheint letzter Begriff bei Carnés »Kinder des Olymps« (1945) nicht. Denn hier trifft Rationalität auf melodramatische Romantik, die Traumwelt des Theaters auf die harte Realität. Daraus entwickelt Carné nun ein leibhaftiges Karussell der Emotionen und Sehnsüchte, die Liebe als ausschlaggebendes Motiv der Handlung in der Welt von Schauspielern, Gaunern, Halunken, Gauklern und Ganoven.



Das Stück spielt in Paris, verständlicherweise, es ist ja auch hier die Stadt der Liebe. Eine Frau (Arletty) zwischen vier Männern. Zum einen dem Pantomimen Baptiste (Jean-Louis Barrault), der sie zutiefst liebt. Er scheint der Richtige zu sein, doch wird er bereits von einer Anderen geliebt, die er aber im Gegenzug nicht lieben kann. Wird er für Carné etwa zum tragischen Helden? Zum anderen den schneidigen und belebten Schauspieler Frederic, der sprunghafte Prediger seiner eigenen Kunst (= des Schauspiels), der mit den großen Worten und großen Selbstbewusstsein prallt, dass man fast von einer gewissen Hochmütigkeit seinerseits sprechen will. Kurz: Der Entertainer. Dann der kühle Intellektuelle und Autor Lacenaire, ja das ist eine ambivalente Persönlichkeit. Wahre Liebe empfindet er nicht. Galant ist er im Auftreten, eiskalt ist er ein Mörder aus Passion und stolzer Dieb, aber auch ein Mann tragischer Natur, der sein eigenes Leben als Theaterstück inszeniert bis zum Schluss - und darüber hinaus hervorragend dargestellt durch Marcel Herrand. Und dann aus dem Nichts, der Graf, der ins Spiel springt, dem es nach Liebe bedarf. Ein verliebter Adeliger, der in ihr die Schönheit in einer hässlichen Welt sieht. Seine Liebe wird zwar nicht erwidert, doch die Eifersucht trägt er mit sich, wenn es sich um das Seine handelt. Es beginnt ein Wechselspiel.




So porträtieren die Charakter einerseits ein Rollenklischee, werden von Carné vertieft und erfahren dadurch eine tiefer gehende Charakterzeichnung, wenn Carné dabei zudem auch noch mit genau diesen Rollenklischees und Erwartungen spielt, ist das klug erdacht, das setzt für sie sowohl Enttäuschung als auch Hoffnung voraus. Das Werk ist in zwei Akte unterteilt. Der Erste mit der Verlassenden, der wahren Liebe, dem Verführer, den ungenutzten Chancen und der Pointe. Zum Zweiten mit Zeiten, die sich geändert haben als konsequente Weiterentwicklung der Geschichte, denn auch die Figuren haben sich über die Jahre nun verändert. Auch dies ist den Produktionsbedingungen geschuldet, beim Dreh gespalten in zwei Filme und später vereint. Dabei entpuppt sich auch als die große Stärke des Films selbst das Wort, oder umfassender der Dialog, geschliffen geschrieben mit viel Feinheit. Teils mit Elan, Stil, erfrischender Spontanität, aber auch mit Lakonie, dazu genussvoll inszeniert zwischen Leichtfüßigkeit und tiefer Melancholie von Carné, so treffen auch hier die Widersprüche zusammen, während die sorgfältig gefilmten Bilder die poetische Anklänge der Geschichte noch bestärken. Aufmerksam beobachtet Carné aber auch das Theater in seiner traumhaften, eigenen Wirklichkeit von Freiheit. So wird das Theater zum Motiv des Films und Carné´s Film zu einer Hommage an dieses, bis er dann zuletzt die Phantasie des Theaters und die ernüchternde Realität aufeinanderprallen lässt und sie mit einem Schuss großer Dramatik und tragischer Ironie des Schicksals kommentiert, schließlich beginnt sich der Vorhang wieder zu senken, denn das Spiel ist vorbei - und der Zuschauer? Der ist schlichtweg begeistert.



8.5 / 10

Autor: Hoffman