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Freitag, 22. Januar 2016

Das Schwelgen im Moment - Klassiker der Extraklasse: Morocco (1930)


Das Ende von von Sternbergs Morocco hat mich nach der ersten Sichtung zutiefst zerstört. Ein fantastisches Ende, und mit der erneuten Sichtung bin ich mir nun klar geworden, wie hervorragend der gesamte Film ist.
Eine Liebesgeschichte im Exil, im orientalischen Marokko, zwischen einem US-Legionär (Gary Cooper) und einer Vaudeville-Sängerin (Dietrich). Die beiden sind gleichwertig: Mann wie Frau bestehen auf ihrer Unabhängigkeit, beide verschlug es nach Marokko, weil sie flüchten, desillusioniert vom Leben zu Hause. „Ehe? Habe noch nie jemanden gefunden, der gut genug dafür ist“, so das Motto der Beiden, die ihre gemeinsame Zeit damit verbringen, ihre Gefühle voreinander zu verstecken. Es gibt keine einzige wirkliche Liebesszene, doch wie bedingungslos diese Liebe wäre, sehen wir in der letzten Szene, welche außerdem Dietrich ins Zentrum rückt. Erscheint sie uns zu Beginn noch als unnahbar und kühl, identifizieren wir uns am Schluss vollends mit ihr; das Umgekehrte geschieht mit Cooper, dessen Geschichte wir am Anfang erzählt zu bekommen glaubten, da sich noch eine Nebenhandlung um ihn und seine ehemalige Geliebte, die Frau eines Kommandanten, dreht. Das Ende macht klar: es ist eher die Geschichte Dietrichs als die Coopers.

Morocco ist ein Film, der seine einzelnen Momente zelebriert. Die Grundgeschichte ist eher knapp und auch nicht besonders erwähnenswert; dafür lässt Sternberg den Film leben und atmen. Das heißt: Momente, Gesten und Szenen werden enorm ausgedehnt. Besonders diejenigen Dietrichs: alles, was sie macht, wird betont, als sei es in kursiver Schreibweise, als seien es mit Akzent versehene Noten. Schon zu Beginn: als ihr von einem reichen Geschäftsmann eine Visitenkarte verabreicht wird, lässt sie sich Zeit, zerreißt langsam, mit emotionslosem Ausdruck, die Karte und spickt sie von ihrer Hand ins Meer. Sie spricht nie viel, und wenn, dann wirkt es unterkühlt; tatsächlich sprach sie kein Englisch und ahmte die Worte nur phonetisch nach. Doch daraus entsteht ein Vorteil, da sie alles mit Gesten und kleinen Bewegungen kommuniziert. Die Art, wie sie raucht, wie sie nach dem inhalieren die Luft ausstößt; die Pausen zwischen zwei Wörtern; wie sie einmal in einen Raum kommt, dann kurz stehen bleibt, sich dreht, zagt, und in eine andere Richtung weitergeht; wie sie sich an einem Seil festhalten muss, als sie zurückkehrende Legionäre nach Neuigkeiten befragt; wie sie manchmal unvermittelt Cooper mit gestochen scharfem Blick fixiert: dies alles ist essentiell, dies macht einen Großteil des Films aus. Kurz nach einem Besuch Coopers in ihrem Appartement beispielsweise:
Zunächst bleibt sie mit gesenktem Haupt, verdattert über seinen Besuch, auf der Schwelle zurück,


streicht sich durchs Haar,

sitzt gedankenverloren aufs Bett

erwidert (viel zu spät) den Handgruss Coopers

steht wieder auf und lehnt sich über das Balkongeländer.

Die Zeit, die sich Sternberg nimmt, um diese Augenblicke der Reaktionen auszureizen, kommt auch dem detailreichen Dekor resp. der ausgefeilten Bildstaffelung zugute, derer man sich besser bewusst wird. Im Vordergrund der Bilder, ganz nahe der Kamera und die Protagonisten sozusagen „überdeckend“  sind auffallend oft Gegenstände platziert; meistens Seile oder Holzspäne, die ein Netz über die Gesichter der Darsteller werfen, ein Netz, das durch Schattenstrukturen im Hintergrund noch engmaschiger wird. Das Bild wird expressionistisch: das Netz des Künstlers, seine Vision, in welchem/in welcher die Figuren gefangen sind. Zweimal sehen wir auch nur „Netze“: Welten ohne Protagonisten, es ergeben sich fast abstrakte Bilder (aber man beachte die Katze als Kontrapunkt im ersten Bild):


Beide Bilder beziehen sich auf Szenen mit Dietrich, die gefangen und eingelullt ist im Netz der Liebe; auch deshalb gilt: Moroccos primärer Protagonist ist ausschließlich Dietrich. Beide Bilder führen Szenen ein, in denen Dietrich getrennt ist von ihrem Geliebten (deshalb, v.a. im oberen. Bild: sich fühlt wie im Gefängnis).
Ins Auge springt noch, wie oft im Vordergrund der Bilder eine gleißende Lichtquelle zu sehen ist; siehe dazu das allererste Bild. Glühbirnen sind partout präsent, ins Netz gewoben. Eine Glühbirne und ein Netz, das ist Kino: wie ein Projektor mit Leinwand. 


9.0 /10

Autor: Cameron

Samstag, 29. Juni 2013

The Evil is among us! - Klassiker der Extraklasse: Im Zeichen des Bösen (1958)


"Touch of Evil" zeigt eine Welt, in der einem Idealisten (ungewöhnlich: Charlton Heston), der gegen ein System, das formell zwar die gute Seite repräsentiert, aber selbst in verbrecherische Machenschaften verwickelt ist, ankämpft, die Hände gebunden sind. Ähnlich erging es Orson Welles in Hollywood, er wollte Filme nach seinen Vorstellungen drehen, doch Hollywood machte ihm aus kommerziellen Gründen einen Strich durch die Rechnung, so dass viele seiner Werke ohne sein Einvernehmen verstümmelt wurden. So geschehen auch bei diesem Film, der 40 Jahre lang nur in stark gekürzter Fassung existierte, und nach dem Welles enttäuscht und wütend Hollywood für immer den Rücken kehrte. Gewinnstreben hat in Welles' Augen in Hollywood Vorrang, nicht die Filmkunst. In "Touch of Evil" ist es ähnlich: Die Polizei, der selbstloses Handeln für die Gesellschaft eigentlich inhärent sein sollte, macht gemeinsame Sache mit dem organisierten Verbrechen, da dort eben (mehr) Geld zu machen ist. Polizist Hank Quinlan - Welles' Rolle im Film - ist dabei sehr interessant. Er ist in seinem Handeln und Denken eine zynische Weiterentwicklung von Welles' legendärer Rolle als Harry Lime in "The Third Man" wenige Jahre zuvor. Hatte man mit Harry Lime noch Sympathien, da dieser in einer ohnehin schon chaotischen Phase der Geschichte zum Verbrecher wird, und damit nur einer von vielen ist, erscheint Quinlan von vorne hin unsympathisch: er ist fett, er säuft, er hat ein loses Mundwerk und er hat jeglichen Glauben an das Gute im Menschen verloren, obwohl er im Gegensatz zu Harry Lime in einer freien Gesellschaft lebt. Der Film weißt mehrmals auf die damals noch offenen Grenzen zwischen den USA und Mexiko hin, was einen Gegenentwurf zum geteilten und besetzten Wien aus "The Third Man" darstellt. Welles macht damit allerdings deutlich, dass zwischen einer vom Krieg gezeichneten Stadt, einer freien Stadt und eben auch, wenn man den Film so lesen will, Hollywood nur ein minimaler Unterschied besteht. Das Böse lauert im Endeffekt überall. Weitere Parallelen zu "The Third Man" sind auch in visueller Hinsicht gegeben. Welles setzt wie Reed Licht und Schatten sehr virtuos ein und schafft es damit, dem Film eine bisweilen sehr surreale Atmosphäre zu verleihen, die gepaart mit den zwiespältigen Charakteren dafür sorgt, dass "Touch of Evil" trotz der Salsa-Musik, die oft im Hintergrund zu hören ist, durchweg pessimistisch wirkt. Und das obwohl der Film aus erzählerischer Sicht recht konventionell ist, doch ein wirkliches Happy End hat "Touch of Evil" nicht. Quinlan mag am Ende sein, doch was bleibt dem Idealisten Vargas, der sich gegen die Repressionen der Polizei zur Wehr gesetzt hat: Die Flucht. Einem Visionär wie Welles ebenfalls. Großes Kino mit unangenehmen Beigeschmack.  

9.0/10

Autor: MacReady

Sonntag, 1. Januar 2012

Klassiker der Extraklasse: Zeugin der Anklage



Agatha Christie sagte einmal selbst: „Alles, was ich an Verfilmungen meiner Werke gesehen habe, fand ich ausgesprochen scheußlich, bis auf "Zeugin der Anklage" von Billy Wilder.“

- Wie wahr nun doch dieser Wahlspruch ist und inwiefern ich das selbst bestätigen kann, lasse ich nun mal im unklaren, denn einige Werke dieser Verfilmungen finde ich recht ansprechend, dies tut aber nichts zur Sache und meinerseits nur nebenbei erwähnt. Und diesen große Lob ist verdient, denn nicht umsonst zählt Billy Wilders "Zeugin der Anklage" aus dem Jahre 1957 zu den wahrscheinlich besten Gerichtsfilmen aller Zeiten, basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück nach (sollte bekannt sein) Agatha Christie. 


Somit wurde die Handlung des Stücks in den Film miteingebracht (sollte man bei so was auch nicht anders machen), auch wenn ich es  durch mein Wissen über das Stück hier bei dem Film immer feiner und besser ausgeklügelt wahrnahm, so mögen kleine Änderungen berechtigt sein, intelligent gehandhabt ist das Ganze eh und auch letztlich mit ein paar gut durchdachten Twists angereichert wurde, wobei dabei natürlich das grande Final zu begeistern weiß, wirklich clever gemacht, auch wenn die Handlung zunächst recht konventionell wirkt, aber doch interessant: Der alternde Rechtsanwalt/Verteidiger Wilfrid Robarts, der eigentlich große Aufregung meiden sollte, übernimmt einen neuen Fall, eine schwere Angelegenheit, er soll den Mordverdächtigen Leonard Vole verteidigen, ein Motiv hatte er anscheinend, doch Robarts setzt sich ins Zeug. Einziges großes Problem dabei: Die Frau des Angeklagten tritt als Zeugin der Anklage auf...

Die klassische Anwaltschaft (immer noch die Beste) in Form des Sir Wilfrid Robarts besetzt mit dem gigantischen Charles Laughton, wobei man hier meiner Meinung nach zunächst annehmen könnte, dass es sich hier wohl um eine große Laughton-Show handelt, denn er spielt mit einer unvergleichlichen Kraft und mit einer solchen Liebe, dass sein Spaß an der Rolle klar zu erkennen ist, so ist es doch nicht, denn dafür sorgt einmal Elsa Lanchester (übrigens Laughton´s Ehefrau) als liebevolle, wie auch sorgsame Krankenschwester bzw. Pflegerin Miss Plimsoll, die bekümmert ist über Herrn Robarts, er solche ja seine "Medizin" nehmen und sich nicht aufregen solle, obwohl dann ein Gerichtssaal für so etwas wohl nicht der richtige Ort zu seien scheint, sorgt also sogar für Humor und Heiterkeit. Oder auch Tyrone Power weiß zu glänzen, Power in seiner letzten Rolle, seinem letzten vollendeten Film und einerseits ist dieser Film absolut würdig, als auch seine Rolle, die Power noch einmal grandios verkörpert, glaubwürdig gespielt. Und auch Marlene Dietrich zeigt erneut warum sie in Hinsicht auf ihr Schauspiel eine Göttin ist, mit dunkler Fassade und wie eine Femme Fatale und etwas divenhaft, aber wie gesagt famos als Zeugin der Anklage Christine.


Billy Wilder hingegen mischt all sein bisheriges Schaffen in einen Film (so kam es mir jedenfalls stellenweise vom Stil her vor), obwohl es sich bei "Zeugin der Anklage" eigentlich um einen dramatischen Gerichts-Thriller handelt, was auch auf die Spannung bestens zutrifft, so verziert Wilder sein mit am Anfang vielleicht etwas ungewöhnlich wirkenden (auf das Genre des Films bezogen) Humor, so empfand ich Wilder´s Werk auch stets als sehr amüsant, besonders bezogen auf die Figur des Robarts und dessen Pflegerin, die sich um ihn fast wie eine Mutter kümmert, aber Robarts hat seinen eigenen Kopf und sich teilweise gegen ihre Maßnahmen der Genesung aufzulehnen versucht. Gesetzt wird hier auf hintergründige und faszinierende Charaktere, wie auch durchaus auf skurrile bzw. liebevolle Figuren und Gestalten, der Trick dabei bleibt dennoch schlau, denn jeder wird irgendwann gerichtet. Dazu noch ein paar interessante Anspielungen und insgesamt würde ich den Film sogar als wunderbar ironisch beschreiben.
Einer der Gründe, um Wilder und seine Filme zu lieben, so balanciert er doch auf dem perfekten Grat zwischen Dramatik, Spannung und Unterhaltung bzw. Witz, absolut mitreißend von ihm erzählt. Habe eh eine gewisse Schwäche für solche Filme. Und am Ende scheint alles raffiniert eingefädelt zu sein und der Effekt hat gewirkt. Denn so oder so: Die Gerechtigkeit siegt immer....jedenfalls irgendwie und auf ihre Art. Zudem noch von der Kamera erstklassig gefilmt, kühl, aber an sich atmosphärisch dicht bebildert und nahezu perfekt.


Unterm Strich bleibt mir dann nur noch zu sagen, dass ich "Zeugin der Anklage" so wohl zu den großen Billy Wilder-Meisterwerken zähle, denn auch hier stimmt seitens Drehbuch, Inszenierung und Darstellern alles, als auch den großen Gerichtsfilmen der Filmgeschichte, vielleicht sogar als einer der Vorreiter und das macht diesen Film herausragend für mich.



9 / 10

Autor: Hoffman