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Donnerstag, 27. Februar 2014

Der Junge aus den Wäldern - Klassiker der Extraklasse: Der Wolfsjunge (1970)




Dieses Werk von Truffaut beginnt wie ein Film aus vergangenen Tagen, wie etwas, das aus der Zeit gefallen ist, eine Aufblende, eine Irisblende, welche Truffaut hierbei konstant verwendet, die sich vom Kreis zum großen Bild ausweitet, als würden einem hier die Augen geöffnet werden. Es ist wohl inszenatorisch Truffauts konsequentester Umgang mit einer historischen (und wahren) Begebenheiten. Und zunächst wird hier auch nicht gesprochen, es wirken ganz die Bilder von Natur, nur das Rascheln der Blätter ist zu vernehmen und ein Junge, der eins geworden ist mit der Natur, ist zu sehen. Truffaut streift mit ihm durch die Natur und Wälder. Er geht gekrümmt, klettert auf Bäume, will überleben, wird gejagt und schnell gefangen, wo er zum Institut für Taubstumme gebracht wird und dort von einem Dr. Itard unter dessen Fittiche genommen wird. Truffaut legt sein Werk dokumentarisch an, in stilistisch schwarzweißen Bildern. Die Bilder sind stilecht wie auch an sich sehr hell, dieses Weiß sticht hervor und dominiert die Bilder die meiste Zeit. Truffaut studiert hier genau, steckt viel Liebe ins Detail und erzählt sehr kompakt wie auch komprimiert. Er verdichtet den Stoff mit Kürzungen.

Der Einstieg mag da vielleicht hastig sein, aber nur logisch, da es die Beziehung zwischen Dr. Itard und dem Wolfsjungen Victor ist, auf die sich Truffaut stützt, das ist, was diesen Film in gewisser Weise ausmacht, was fasziniert. Seine Konzentration liegt auf der Verbindung dieser beiden Charaktere, er arbeitet mit Reduktion, irgendwie erinnert das an Bresson. Dieser Film hat einen sehr experimentellen, daneben noch pädagogischen, Charakter inne und das gefällt. Er ist ein wilder, widerspenstiger, rebellischer Junge, der zur Schau gestellt für die enttäuschten Pariser, als hoffnungsloser Fall bezeichnet wird, als ein Idiot, aber Truffaut (und ebenso sein dargestellter Charakter des Itard) hat Verständnis für ihn, ein Kind, möglicherweise ein uneheliches Kind, das ausgesetzt wurde und so nichts für sein Lage kann, eben ein Unglück. Dieser Truffaut zeugt eben auch von großer Menschlichkeit. Das Kind wird gepflegt, untersucht, es wird geübt, Truffaut nährt sich feinsinnig dem Thema an, es wird entwickelt, überdacht und umgedacht, es soll erlernen und lernen, eine Erziehung genießen, eine Aufgabe zwischen Erfolgen und Misserfolgen, die zu neuen Lösungswegen führen, der Doktor ist erpicht auf Forschung, auf Test und darauf ihn ständig zu prüfen, aber ein Kind muss auch mal ein Kind sein dürfen. Und auch viel persönliches steckt in diesem Film: die Theorie des Autodidakt, die Beziehung zwischen Truffaut und Léaud, dem dieses Werk auch gewidmet ist, wie auch die Beziehung zwischen André Bazin und Truffaut, der, wie er für Léaud,  eine Vaterfigur, die ihn aufnahm, war. Daneben sind die Fenster leuchtend und werden in manchen Szenen zu Portalen, zu Verbindungslinien zwischen zwei Punkten und Spiegel dienen als Projektionen. »L'Enfant sauvage« ist eines von Truffauts großen, kleinen Werken. Wenn man so möchte, ein besonderer Film.


8.0 / 10

Autor: Hoffman 

Mittwoch, 19. Februar 2014

Die »große« Liebe als große Illusion? - Klassiker der Extraklasse: Das Geheimnis der falschen Braut (1969)



Schon wieder ist es eine Braut, die Truffaut interessiert, schon wieder arbeitet er nach einer Vorlage von William Irish (wie auch schon bei der vorherigen, schwarz-tragenden Braut), wieder kann man Parallelen zum Film noir ziehen und darüberhinaus ist Hitchcock wieder ein bedeutender Einfluss, wenn auch nicht der einzige Regisseur, der hier geehrt wird, denn das Werk ist schließlich auch Jean Renoir gewidmet. Das mag mancher ironisch nennen oder auch nicht, Truffaut scheint sich scheinbar dem Spannungskino verschrieben zu haben, unterläuft aber spitzfindig dessen Erwartungen, denn dieser Film ist doch mehr ein Drama der Liebe. Das Intro ist originell gewählt, mit einer Zeitung mit Partnerannoncen, unterlegt von schwirrenden Stimmen, die sich beschreiben und nach der Liebe suchen. Antoine Duhamels musikalische Untermalung ist Herrmanns Stil nicht unähnlich, das führt uns schon zu Hitchcock, sie hat so eine seidene Dramatik inne, als komme auf einen etwas zu. Und da ist es schon: Eine Heirat steht an? Und der Verlobte kennt seine Braut nicht einmal persönlich?! Schon die erste Begegnung beginnt mit einer Lüge, einem falschen Bild. Er glaubt, dass sie dennoch einander kennen, viel voneinander wissen und so herrscht Schweigen zwischen ihnen. Truffaut schafft ein Mysterium um diese Frau. Belmondo ist ungewöhnlich besetzt, er spielt einen reichen Tabakfabrikbesitzer, einen gutgläubigen Kerl und Catherine Deneuve ist seine kühle Braut. Es ist eine weiße Hochzeit, die für vermeintliche Reinheit steht, eben für Wahrhaftigkeit, aber Truffaut täuscht damit. Er widmet sich jedoch zunächst der Beziehung, der Routine des Ehelebens in tropischen wie auch malerischen Bildern der Insel.



Schnell wird aber klar: diese Braut hat doch ein Geheimnis, so wie Truffaut sie beobachtet? Schon ist das Geld weg, die Braut ebenfalls. Was darauf folgt, ist ein engagierter Privatdetektiv und ein Schwindelanfall (= wie in »Vertigo«?), ein Alptraum seitens Belmondo, von tanzenden Frauen in weißen Kleidern, er am Steuer des Wagens zwischen den undurchsichtigen Bäumen. Dadurch wird aber auch die vermisste Braut - durch Zufall! - wieder gesichtet, sie muss nur noch ausfindig gemacht werden. Das ist der Startschuss für eine weitere Reihe an Schauplätzen, neben dem exotischen Réunion, von Nizza zu Lyon und zur Schweiz. Das mag etwas umständlich formuliert sein, aber durchdacht, und wird darüberhinaus von Truffaut durchaus ironisch betont, als wilde Liebe. So erfährt man, dass sie eine Frau mit Vergangenheit ist, die erpresst wurde, mit einer schweren Kindheit im Waisenhaus, ein bekanntes Truffautmotiv, und daraus profitierender Neurosen (= etwa wie bei »Marnie«?), sich als Diebin durchschlagen muss, keine Skrupel besitzen mag, ihn aber (scheinbar) wirklich liebt. Ist es eine Frage des Vertrauens? Wohl eher der Liebe. Er glaubt, denn er liebt sie, er will sie aufrichtig lieben. Da erfolgt eine zarte Beschreibung ihrer sanften Schönheit am Kaminfeuer und auch auf die Beine wird geachtet, Belmondo ist fasziniert von ihnen, ja das hat auch zeitweise etwas frech-lustvolles, aber öfter noch etwas düsteres. So ist er ihrer Schönheit doch verfallen, würde sogar für sie töten und sich aufopfern.



Es gibt hier zwei Welten, zwei Lebensweisen, die aufeinanderprallen, das Schnelllebige, welches durch Deneuve repräsentiert wird, und das Dauerhafte, nach dem sich Belmondos idealistischer Charakter sehnt, aber wiederum für die Liebe zu ihr aufgibt. Dieser Film von Truffaut ist eigentlich sehr zentriert, wenngleich er dabei verstrickt und geheimnisvoll wirken mag, auf seine beiden Protagonisten und ihre Beziehung, die von Liebe und Zuneigung zu Wut, Verachtung und Hass reicht. Das ist ein komplexer Konflikt, den beide hier austragen. Es ist ein Wechselspiel zwischen ihnen, bei dem man sich fragen muss, ob die Liebe dieser Frau wirklich echt ist? Sie könnte falsch sein. Deneuve umgibt so etwas rätselhaftes, dabei immer am Geld interessiert, aber auch an seiner Liebe? Und benutzt sie ihn etwa nur? Das deutet auf eine Femme Fatale hin. Kann diese Liebe sein? Er stellt zwar ihr Glück in Frage, meint aber ebenso, dass er nicht ohne sie leben könne. Schmerz und Freude wären dabei zwei Seiten der Liebe. Und weitere Details gibt es hier übrigens auch, da läuft im Kino »Johnny Guitar«, ein bisschen Balzac wird gelesen und versuchsweise wird vergiftet, wie in »Notorious«. Das ist eine Geschichte zwischen Hitchcock und Renoir, die ins Weiße, ins Ungewisse führt, bei der man sich fragt, ob die Liebe vielleicht nur eine Illusion ist, eine große Illusion. Doch was die Zukunft bringt, weiß keiner.



7.0 / 10


Autor: Hoffman