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Freitag, 9. September 2016

Ozon und seine Diva - Kritik: Das Schmuckstück (2010)


Mit »Das Schmuckstück« hat Francois Ozon eine Komödie, die in den 70er Jahren in Frankreich spielt, abgeliefert, die ganz seiner Hauptdarstellerin Catherine Deneuve gehören soll, die hier gleich zu Beginn schon in einem roten Jogginganzug durch den dämmernden Wald joggt. Deneuve ist fit wie eh und je und gibt sich überaus spielfreudig in ihrer Rolle der Madame Suzanne Pujol, der Frau eines Regenschirmfabrikanten. Einer Frau, der es oberflächlich gesehen an nichts fehlt, aber der nicht mal ihre eigene Küche geblieben ist. Sie hat nichts zu tun, sie darf sich nicht äußern. Wo gehört sie denn hin? Sie ist zum Inventar ihres eigenen Hauses geworden. Ihr Mann (impulsiv: Fabrice Luchini), der reaktionäre und garstige Fabrikleiter, beachtet sie kaum und betrügt sie mit anderen Frauen, wie mit seiner Sekretärin. Sie nimmt es aber hin. Als die Arbeiter der Fabrik einen Streik wegen der schlechten Arbeitsbedingungen beginnen, ein Kampf zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer entsteht, die von dem Bürgermeister (Gerard Depardieu), einem Kommunisten und Proletarier, der eine Schlichtung herbeiführen möchte, vertreten werden und ihr Mann einen Herzinfarkt erleidet, übernimmt sie die Macht und hat unverhofften Erfolg. Dabei kommt sie auch dem Bürgermeister wieder näher, mit dem sie ein kurzes Liebesabenteuer als junge Frau erlebte.


Ozon beschreibt unkompliziert, dabei stets wendig und ironisch die Emanzipation einer Frau, die nicht mehr nur dasitzen möchte und ein Schmuckstück sein will. Sein Film ist eine luftige, gut gelaunte und lockere Komödie, die mit ihren farbenfrohen Bildern an Jacques Demy und seine »Regenschirme von Cherbourg« liebevoll gedenkt. Überhaupt ist Ozons Inszenierung hier überaus fesch und modisch, womit auch der 70er Jahre Look des Films reizend wirkt, denn das hat Stil. Natürlich ist Ozons Film dabei auch eine Hommage an seine Hauptdarstellerin, die anmutig durch diesen Film schlendert (oder eben auch joggt) und damit beweist, dass ihre magische Ausstrahlung immer noch ungebrochen ist.


7.0 / 10

Autor: Hoffman 

Mittwoch, 24. August 2016

Agatha Christie trifft auf Jacques Demy - Kritik: 8 Frauen (2002)


Wenn man »8 Frauen« so sieht, dann könnte man beinahe auf den Gedanken kommen, dass Francois Ozon ein verlorener Sohn Jacques Demys wäre, denn unverkennbar steht »8 Frauen« in seiner Tradition. Es ist ein in prächtige Farben und Dekors getauchtes und schwungvolles Musical, das von seinem Frauen-Ensemble (Ozon fährt damit große Namen des französischen Kinos auf: Catherine Deneuve neben Fanny Ardant oder Danielle Darrieux neben Isabelle Huppert) geführt wird, eine Familie und ihre Angestellte, die zu Weihnachten in einem Landhaus aufeinandertreffen, eingeschneit und damit abgeschnitten von der Welt. Der einzige Mann, ein Vater, Bruder und Ehemann ist in seinem Bett ermordet worden. Sein Gesicht tritt nie in Erscheinung und trotzdem hängt seine Gestalt, im Grunde die des großen Unbekannten, über diesem ganzen Szenario, das damit auch zwangsweise entfernt an Fassbinders (der schließlich auch eines der Idole Ozons ist) »Die bitteren Tränen der Petra von Kant« erinnert. 


Ozons Film ist ein burleskes und glamourös ausgeschmücktes Kriminalstück, eine schrille Groteske, ein verspieltes Rätsel, das Ozon mit solch einer Spielfreude einfädelt, das es schlichtweg fabulös ist. Wer ist der Mörder? Ein Mann oder etwa eine der Frauen? Misstrauen und Zwistigkeiten werden ausgebreitet unter den Frauen. Ozons Werk ist ein elegant inszeniertes, wortgewandtes und immer dabei auch charmantes Kammerspiel, ein freches und überspitztes Durcheinander, bei dem es flott hin- und hergeht. Ozon wirft die Figuren hintereinander in den Film, lässt sie auf- und abtreten. Sein Film ist auch eine Show. Er bietet seinen Darstellerinnen eine Bühne, auf der sie sich austoben dürfen und schenkt jeder seiner Leinwand-Heroinen eine illustre Musiknummer, die Ozon einfach in die Geschichte springen lässt. Es ist natürlich auch die Stilisierung, die augenzwinkernde Melodramatik (bei der sich Ozon sowieso auf große Melodramen-Regisseure wie Fassbinder oder Sirk beruft) und die schöne Künstlichkeit, die das Werk beherbergt, die den Film ausmachen. 


Seine Figuren, das sind dabei Charaktere wie eine bigotte Großmutter (Danielle Darrieux), die es sich im Rollstuhl gemütlich gemacht hat, aber eigentlich laufen kann oder eine pedantische und frigide Tante (Isabelle Huppert), die nie zu schlafen scheint, aber heimlich Liebesromane verschlingt und deren Liebe schlicht als Hass missverstanden wird. Es sind Wahrheiten und Lügen, die aufgedeckt werden oder aufgedeckt werden müssen. Jede Figur birgt ein Geheimnis und hinter diesem Geheimnis entdeckt Ozon auch verletzliche Figuren. In »8 Frauen« geht es damit eigentlich um Gefühle, um Liebe und Verlogenheit. Ozons Film ist wie eine Blume, die erstrahlt. Einmal ist er ein vergnüglicher Schlagabtausch seiner Darstellerinnen, ein Werk, das voller Turbulenzen steckt, das aber am Ende auch zu einem wehmütigen Schlussakkord ansetzt.




8.0 / 10

Autor: Hoffman 

Mittwoch, 10. Juni 2015

Jacques Demy Retrospektive #7 - Alte Schinken Edition: Das bedeutendste Ereignis / Die Umstandshose (1973)



Bereits lange bevor Arnold Schwarzenegger schwanger wurde, hatte auch Marcello Mastroianni mit dieser Problematik zu kämpfen. Marco Mazetti (Marcello Mastroianni) ist Fahrschullehrer von Beruf. Er lebt gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Iréne, einer Friseurin, zusammen. Die zwar unverheiratet, aber einen gemeinsamen Jungen von 8 Jahren haben. Als erstes plagen Marco Kopfschmerzen, dann fühlt er sich nicht wohl beim Theaterbesuch, bei dem Mireille Mathieu einen Gastauftritt hinlegen darf.  Der Arztbesuch, bei einer weiblichen Ärztin, die bei der Untersuchung sich genüsslich eine Zigarette genehmigt, klärt auf: Der Mann ist schwanger und das im vierten Monat! Das kann doch nur ein Witz sein?



Zumindest beruht diese Komödie von Jacques Demy auf einem Witz, den seine Frau Agnés Varda ihm gegenüber während ihrer Schwangerschaft machte und in dem sie ungefähr meinte, dass ein Mann sich gar nicht vorstellen könne, was eine Frau durchmache, da er das nie erleben würde in seinem Leben. Und so kam Demy auf die zu diesem eher harmlosen Film, den er als selbst eine Art Traumvorstellung beschrieb, in dem sich aber auch kleinere Wahrheiten finden lassen würden. Ist diese Schwangerschaft also ein Wunder oder lag es am Essen? Jacques Demy spielt hier mit den Geschlechterrollen, in dem er sie umdreht. Sein Film ist leicht, aber auch seicht und lasch. Der Film ist dabei auch ein Produkt seiner Zeit. Die Klamotten sind bunt und wirken heute kurios. Dabei übt Demy auch eine schräge Art von Konsum- bis Medienkritik, schließlich wird der immer dicker und dicker werdende Marco zum Model eines Modekonzerns für schwangere Männer, der ihn als Mann von Morgen sieht. Die Schwangerschaft von Marco wird zum bedeutendsten Ereignis seit dem Mann auf dem Mond bezeichnet, die Demy zu Beginn in den Film einbaut, während die Credits präsentiert werden.



Ein paar, wenn auch nebensächliche, Spitzen lassen sich auch finden, so die Frage, ob der Papst, jetzt wo die Männer schwanger werden, auch seine Meinung zur Adoption ändert. Darüberhinaus, und neben einer irrsinnigen Tagtraumsequenz, ist dieser Film von Jacques Demy eher flau und bieder geraten, auch wenn die Chemie zwischen Mastroianni und Deneuve stimmt und der Film ein paar putzige Momente bereithält, wie, wenn Mastroianni seinen wachsenden Baum im Spiegel betrachtet oder die Eltern ihrem Sohn erklären müssen, dass Papa nun schwanger ist. Und am Ende bewahrheiten sich die Worte Jacques Demys, denn dann war alles nur heiße Luft, zwar ist ein Kind trotzdem unterwegs, aber das wieder auf den gewohnten Wege (oder in gewohnten Bäuchen).


5.0 / 10


Autor: Hoffman 

Mittwoch, 27. Mai 2015

Jacques Demy Retrospektive #5 - Klassiker der Extraklasse: Eselshaut (1970)



Die ersten Bilder dieses Films von Jacques Demy gehören den Büchern, die Geschichten und Märchen ins sich bergen, die uns ganz in ihre Welt eintauchen lassen und Jacques Demy, der versuchte mit den Augen eines Kindes an diese Geschichten zu gehen, entführt uns in ein solches Märchen, dessen Beginn natürlich lauten muss: Es war einmal...und bei Jacques Demy, der hiermit das Märchen »Eselshaut« von Charles Perrault eigenwillig interpretiert, war es einmal ein König (Jean Marais), der sich nach dem Tode seiner Gattin, der er schwor nur eine Frau zu heiraten, die genauso schön ist wie sie, in seine eigene Tochter (Catherine Deneuve in den schönsten Kleidern, welche die Farbe des Wetters, des Mondes oder der Sonne tragen), die scheinbar letzte wirkliche Märchenprinzessin, verliebt und beschließt sie zu heiraten. Die Prinzessin sucht die Flucht und bittet eine gute und fesche Fee (modebewusst: Delphine Seyrig) um Hilfe, die ihr vorschlägt ihr Haupt und damit ihre Schönheit unter einer Eselshaut zu verbergen, um unerkannt vor ihrem Vater zu sein.




Jacques Demys Film ist ein buntes, originelles und pompös ausgestattetes Märchen für Jung und Alt, in dem er mit seiner unbändigen Kreativität, seiner kindlich-verspielten Freude und seiner Lust am probieren eine Welt der Wunder präsentiert, bei der man große Augen macht. Es ist ein grazil-glamourös inszenierter Film über die wahre Liebe, welche die Schönheit hinter der hässlichen Oberfläche entdeckt, denn natürlich durchstreift die Szenerie auch ein verliebt-charmanter Prinz (bezaubernd: Jacques Perrin), der in knalliges Rot gekleidet ist. Magie durchströmt diesen Film. Alles ist möglich! Und damit meint Jacques Demy wirklich alles, wenn der Thron des Königs eine überdimensionale Plüschkatze ist, wenn die Pagen und Pferde des Hofes in blau und rot angemalt sind (wohl damit sie nicht vergessen würden zu welchem Königreich sie gehören), wenn Königinnen in Riesenschneekugeln beerdigt werden, wenn alte Frauen Frösche spucken, wenn die Zeit manchmal wie still zu stehen scheint, wenn Rosen zu sehen und sprechen beginnen oder wenn gute Feen mit Helikoptern angeflogen kommen.



Und natürlich kommt die liebliche Musik auch hier wieder von Michel Legrand und Demy lässt mit seinen Klängen in diesem skurrilen Märchen auch ein Kochrezept für einen Kuchen besingen. Jacques Demy sucht hier das Zauberhafte und Außergewöhnliche, betrachtet das Ganze dabei durchaus mit Augenzwinkern und gibt sich sehr detailverliebt bei den Dekors, um es kurz zu machen, so will er hier einfach fabulieren. Und wie heißt es am Ende eines jeden Märchens so schön: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.


7.5 / 10

Autor: Hoffman 

Freitag, 15. Mai 2015

Jacques Demy Retrospektive #3 - Klassiker der Extraklasse: Die Mädchen von Rochefort (1967)



Ausgehend von seinem gesungenen Film, den Regenschirmen von Cherbourg, seinem wahrscheinlich bekanntesten Film, geht Jacques Demy einen Schritt vorwärts. Entwickelt sein Konzept weiter. So macht er schon zu Beginn ganz klar, dass das hier nun getanzt und sich rhythmisch bewegt wird zu den schmissigen und schwungvollen Klängen Michel Legrands. So wird jedoch hier nicht jedes Wort, wie im Vorgänger gesungen, aber so gut wie jedes Wort. Jacques Demy gibt sich hier ganz enthusiastisch der Illusion des Kinos hin, reißt mit und kreiert ein farbenfrohes und beschwingtes Spektakel, mit dem er eine ganze Stadt zum Tanzen bringt und bei dem er bis zum Ende hin kein Halten mehr kennt. Es ist ein Film über die Liebe und das Glück.



Zwei Zwillingsschwestern (gespielt von den wirklichen Geschwistern Catherine Deneueve und Francoise Dorleac) warten und suchen nach der »wahren« Liebe, nach dem richtigen Mann für sie. Neben ihn suchen auch ein junger Dichter und Maler (Jacques Perrin) in Matrosenuniform, der seinen Militärdienst leistet und der seine Traumfrau noch nicht gefunden hat, der Besitzer eines Musikgeschäftes mit dem Namen Monsieur Dame (Michel Piccoli), der von einer Frau verlassen wurde, weil sie nicht Madame Dame heißen wollte, eine Cafébesitzerin und die Mutter der beiden Geschwister (Danielle Darrieux), die einst einen Mann mit komischen Namen verließ und ein berühmter amerikanischer Komponist (beherzt: Gene Kelly), der Rochefort besucht, um einen alten Freund wieder zu sehen, die Liebe.



Alle sind sie verliebt, wollen sich gegenseitig finden, laufen aneinander vorbei, verpassen sich, finden sich aber schließlich und wenn noch nicht jetzt, dann sicherlich in Zukunft. Die Welt ist ein kleiner Ort, sodass sie nun alle in Rochefort aufeinander treffen, auch Akrobaten, Matrosen, Männer, Frauen und Sadisten sind hier anwesend. Jacques Demy führt mit tänzerischer Leichtigkeit durch dieses lebensbejahende, virtuos durchchoreographierte und romantische Musical, dessen bunte Farben an den Menschen und Häuserwänden strahlen und das voller Frohmut steckt. Mit diesem Film hat Jacques Demy die Welt ein bisschen schöner gemacht.

7.5 / 10

Autor: Hoffman 

Mittwoch, 13. August 2014

Wer denkt da nicht an Urlaub? - Klassiker der Extraklasse: Die schönen Wilden (1975)



Zu einer sommerlichen Jahreszeit bedarf auch es auch einiger echter Sommerfilme, mit Jubel und Trubel, vielleicht kann Jean-Paul Rappeneaus »Le Sauvage« auch dazu gezählt werden, denn hier wird gleich geheiratet, dann geflüchtet, bis man im nassen Regen der Nacht nach einer Mitfahrgelegenheit sucht, um ins Hotel zu gelangen, bevor einen überdies der wütende Ehemann italienischer Abstammung verfolgt. Doch da ist schon Yves Montand zur Stelle, um der flüchtenden Catherine Deneuve Hilfe zu leisten, der sie erst zum Flughafen bringt, um dann dann zu merken, dass bei verspäteten Passagieren nicht immer alles glatt läuft und man sich so bald auf der einsamen Insel, auf seiner Insel, erneut begegnet, um zu streiten und zu zanken und um sich auf einmal von hier nach da zu lieben. Echte Wildheit zeichnet diesen Film aus, er ist heiter zugleich munter erzählt, wenn auch chaotisch, denn hier wird geschrien, gequietscht, gejagt, gewütet, beschimpft und so gibt es auch Schlägereien und Unfälle.




 Der deutsche Titel »Die schönen Wilden« trifft es da sogar recht gut, wild ist die Erzählung, zwanglos und locker vorgetragen, der freche Ton amüsiert und das Spiel von Deneuve und dem bärtig-brummigen Montand unterhält. Und wenn man denkt, alles sei vorbei, so geht es dort, wo man eigentlich an Urlaub denkt mit Streit und Hader erst richtig los. Und die Kulisse ist das »Schöne«, das Wasser ist ruhig, die Karibik idyllisch, da möchte man versinken zwischen Strand und Meer, doch auf der anderen Seite herrscht hier große Aufregung, es wird geackert, geschuftet und herumgetobt, denn Deneuve will sich nicht beugen gegenüber Montand, der eigentlich nur auf seinen Frieden auf seiner tropischen Insel aus ist, aus ganz persönlichen Gründen der Welt entfliehen möchte, sie stört nur. Eine Versöhnung scheint nicht in Sicht, kommt aber schneller als man denkt. Es sind bekannte Muster, in denen sich Rappeneau bewegt, so ist das Ganze natürlich recht überschaubar geraten und das Ende eher schal, inhaltlich eben unbedeutend, ein Film, den man wegen seiner Kurzweiligkeit und Stimmung, welche natürlich durch Michel Legrands schwungvollen Score noch verdichtet wird, mag und ebenso schnell wieder vergisst. Er lädt aber auch geradezu ein sich dieser Sommerlaune hinzugeben.


6.0 / 10

Autor: Hoffman

Mittwoch, 30. April 2014

Die Leiden der Unsterblichen - Kritik: Begierde (1983)


Tony Scott experimentiert in seinen ersten Spielfilm, welcher thematisch in gewisser Weise als Vampirfilm bezeichnet werden kann, mit seiner angetrauten Videoclipästhetik und dem Genre an sich, er liefert dazu doch einen überraschend eigenwilligen Film als sein Debüt ab. Schon die erste Szene enthüllt Scotts technisches Verständnis für das Visuelle: Eine Disko, Menschen und Körper in Bewegung, eine qualmende Zigarette, Deneuve und Bowie, ein wilder, beinahe schon fragmentarischer Schnitt; eine Szene, welche den Geist der 80er Jahre ganz eigensinnig widerspiegelt. Schon dort bemerkt man, dass Scott ganz auf den Stil seines Films bedacht ist, formal ist das bestechend inszeniert, wie Scott diese Spaltung von Licht und Schattenmotiven vornimmt, wie er die weißen Schleier wehen lässt, wie bedacht er auf die Fotografie einiger Momente und Posen ist, als Beispiel wie verführerisch er Catherine Deneuve in Szene setzt, die sich hier mit ihrer Performance wahrscheinlich vor der »Blutgräfin« Delphine Seyrig verneigt. Besonders mutig ist hier natürlich der Moment, in dem Scott die erotischen Spannungen zwischen Deneuve (= der Verführerin) und Sarandon (= diejenige, die verführt wird) in einer elegant-sinnlichen Liebesszene gipfeln lässt. 



Weiterhin lebt Scott hier für das ästhetische Spiel mit den Bildern. Manchmal ist er exzessiv wie ein Biss, manchmal ist er aber auch ganz leise und still wie ein Sonnenaufgang. Dabei kreist sein Film um Themen der Ewigkeit von Leben und Tod, von der ewigen Liebe, von Sterblichkeit und der Tragik der Unsterblichkeit, von dem Leid, der Ewigkeit als Fluch, von der Gier (= wie ein Herzschlag) nach der Selbsterhaltung und der Unmöglichkeit des Sterbens. Scotts Film lebt von seiner Bildsprache, hier ersetzen die Bilder die Erzählung. Es wird bebildert, nicht  unbedingt erzählt, denn wenn man es aus der narrativen Perspektive betrachtet, so wirkt Scotts Film dabei uneinheitlich, ja geradezu ziellos und ungelenkig. Dagegen muss man die Bilder halten, welche kühl daherkommen und damit auch eine gewisse Distanz halten, aber das Faszinierende ist daran, dass diese edlen Bilder ebenso etwas sehr fragiles an sich haben, was sich weiterhin durch die blassen, hellblauen Stiche in etwas wehmütiges und ja sehnsüchtiges in Hinsicht der Bildsprache verwandelt, was wiederum auch thematisch sehr gut zu der inhaltlichen Melancholie des Films passt, die den Film antreibt. Diese Leere reflektiert das Innere der Protagonisten, so kommt es einem vor, wenn man auf Bowies Charakter schaut, dies drückt seine Qualen aus, macht sie für den Zuschauer durch die Bilder greifbar. Die Form wird also zu etwas inhaltlichem. Vielleicht ist es in dieser Hinsicht das interessanteste Werk in Tony Scotts Filmographie, ein ambitioniertes Debüt ist ihm mit »The Hunger« auf jeden Fall gelungen.


7.0 / 10

Autor: Hoffman

Mittwoch, 19. Februar 2014

Die »große« Liebe als große Illusion? - Klassiker der Extraklasse: Das Geheimnis der falschen Braut (1969)



Schon wieder ist es eine Braut, die Truffaut interessiert, schon wieder arbeitet er nach einer Vorlage von William Irish (wie auch schon bei der vorherigen, schwarz-tragenden Braut), wieder kann man Parallelen zum Film noir ziehen und darüberhinaus ist Hitchcock wieder ein bedeutender Einfluss, wenn auch nicht der einzige Regisseur, der hier geehrt wird, denn das Werk ist schließlich auch Jean Renoir gewidmet. Das mag mancher ironisch nennen oder auch nicht, Truffaut scheint sich scheinbar dem Spannungskino verschrieben zu haben, unterläuft aber spitzfindig dessen Erwartungen, denn dieser Film ist doch mehr ein Drama der Liebe. Das Intro ist originell gewählt, mit einer Zeitung mit Partnerannoncen, unterlegt von schwirrenden Stimmen, die sich beschreiben und nach der Liebe suchen. Antoine Duhamels musikalische Untermalung ist Herrmanns Stil nicht unähnlich, das führt uns schon zu Hitchcock, sie hat so eine seidene Dramatik inne, als komme auf einen etwas zu. Und da ist es schon: Eine Heirat steht an? Und der Verlobte kennt seine Braut nicht einmal persönlich?! Schon die erste Begegnung beginnt mit einer Lüge, einem falschen Bild. Er glaubt, dass sie dennoch einander kennen, viel voneinander wissen und so herrscht Schweigen zwischen ihnen. Truffaut schafft ein Mysterium um diese Frau. Belmondo ist ungewöhnlich besetzt, er spielt einen reichen Tabakfabrikbesitzer, einen gutgläubigen Kerl und Catherine Deneuve ist seine kühle Braut. Es ist eine weiße Hochzeit, die für vermeintliche Reinheit steht, eben für Wahrhaftigkeit, aber Truffaut täuscht damit. Er widmet sich jedoch zunächst der Beziehung, der Routine des Ehelebens in tropischen wie auch malerischen Bildern der Insel.



Schnell wird aber klar: diese Braut hat doch ein Geheimnis, so wie Truffaut sie beobachtet? Schon ist das Geld weg, die Braut ebenfalls. Was darauf folgt, ist ein engagierter Privatdetektiv und ein Schwindelanfall (= wie in »Vertigo«?), ein Alptraum seitens Belmondo, von tanzenden Frauen in weißen Kleidern, er am Steuer des Wagens zwischen den undurchsichtigen Bäumen. Dadurch wird aber auch die vermisste Braut - durch Zufall! - wieder gesichtet, sie muss nur noch ausfindig gemacht werden. Das ist der Startschuss für eine weitere Reihe an Schauplätzen, neben dem exotischen Réunion, von Nizza zu Lyon und zur Schweiz. Das mag etwas umständlich formuliert sein, aber durchdacht, und wird darüberhinaus von Truffaut durchaus ironisch betont, als wilde Liebe. So erfährt man, dass sie eine Frau mit Vergangenheit ist, die erpresst wurde, mit einer schweren Kindheit im Waisenhaus, ein bekanntes Truffautmotiv, und daraus profitierender Neurosen (= etwa wie bei »Marnie«?), sich als Diebin durchschlagen muss, keine Skrupel besitzen mag, ihn aber (scheinbar) wirklich liebt. Ist es eine Frage des Vertrauens? Wohl eher der Liebe. Er glaubt, denn er liebt sie, er will sie aufrichtig lieben. Da erfolgt eine zarte Beschreibung ihrer sanften Schönheit am Kaminfeuer und auch auf die Beine wird geachtet, Belmondo ist fasziniert von ihnen, ja das hat auch zeitweise etwas frech-lustvolles, aber öfter noch etwas düsteres. So ist er ihrer Schönheit doch verfallen, würde sogar für sie töten und sich aufopfern.



Es gibt hier zwei Welten, zwei Lebensweisen, die aufeinanderprallen, das Schnelllebige, welches durch Deneuve repräsentiert wird, und das Dauerhafte, nach dem sich Belmondos idealistischer Charakter sehnt, aber wiederum für die Liebe zu ihr aufgibt. Dieser Film von Truffaut ist eigentlich sehr zentriert, wenngleich er dabei verstrickt und geheimnisvoll wirken mag, auf seine beiden Protagonisten und ihre Beziehung, die von Liebe und Zuneigung zu Wut, Verachtung und Hass reicht. Das ist ein komplexer Konflikt, den beide hier austragen. Es ist ein Wechselspiel zwischen ihnen, bei dem man sich fragen muss, ob die Liebe dieser Frau wirklich echt ist? Sie könnte falsch sein. Deneuve umgibt so etwas rätselhaftes, dabei immer am Geld interessiert, aber auch an seiner Liebe? Und benutzt sie ihn etwa nur? Das deutet auf eine Femme Fatale hin. Kann diese Liebe sein? Er stellt zwar ihr Glück in Frage, meint aber ebenso, dass er nicht ohne sie leben könne. Schmerz und Freude wären dabei zwei Seiten der Liebe. Und weitere Details gibt es hier übrigens auch, da läuft im Kino »Johnny Guitar«, ein bisschen Balzac wird gelesen und versuchsweise wird vergiftet, wie in »Notorious«. Das ist eine Geschichte zwischen Hitchcock und Renoir, die ins Weiße, ins Ungewisse führt, bei der man sich fragt, ob die Liebe vielleicht nur eine Illusion ist, eine große Illusion. Doch was die Zukunft bringt, weiß keiner.



7.0 / 10


Autor: Hoffman 

Mittwoch, 7. August 2013

Truffaut Retrospektive #6 - Kritik: Die letzte Metro (1980)



Truffauts »letzte Metro« ist ein Studiofilm geworden, mit Kulissen, die aussehen wie im Theater und einer räumlichen Struktur und Gestaltung, die in ihren Ausführungen beschränkt scheint. Das Szenenbild wirkt künstlich, doch mir gefällt diese eingeschlossene Atmosphäre an Truffauts Film, der sich um eine Theatergruppe und das Theater selbst, während der deutschen Besatzung im zweiten Weltkrieg, dreht. Ganz dokumentarisch setzt Truffaut den Zuschauer zunächst ins Bild von Zeit, Geschehen und Geschichte. Dabei ist für Truffaut der politische Kontext sekundär, wie immer interessiert er sich vielmehr für seine Figuren und das Leben und auch wenn dies eine Studioproduktion ist, so verzichtete Truffaut auch nicht auf seinen altbekannten Stil, um die Handlung zu erstellen, in dem er sich von der detaillierten Archivarbeit und teils von seiner eigenen Kindheit, in der er diese Zeit erlebt hatte, inspirieren ließ. Dieser Aspekt wird am deutlichsten, wenn Truffaut den Kontrast zwischen Theater und Realität durchleuchtet. Truffauts Werk ist geprägt von Dunkelheit (= als Symbol der Frustration) und sanften Lichtern (= als kleine Hoffnungsschimmer), von geheimen Orten, Verstecken und von der Nacht. Das Theater und die Kinos leben, sie sind voll von Zuschauern, die so versuchen der düsteren Realität zu entfliehen, auch wenn es nur für wenige Stunden ist.





So erinnert das dann auch ein bisschen an Truffauts »Die amerikanische Nacht«, bloß, dass Truffaut dieses Mal nicht das Kino illustriert, sondern seine Faszination hierbei dem Theater gilt, von Vorbereitung, Inszenierung und Premiere, in Zeiten der Besatzung. Dabei ist besonders beachtlich wie subtil er den Grat zwischen hintersinnigem Humor, der gerne auch frech sein darf, und Dramatik bei der Geschichte hält, die Truffaut damit sowohl behutsam als auch des öfteren ironisch erzählt und dank Almendros in ein exquisites Bildergewand gekleidet. Es ist natürlich auch wieder eine Dreiecksgeschichte, welche Truffaut schildert (selbstredend auch nicht ohne Frauenbeine und Chansons!). Der junge Depardieu als Bernard, ein Charmeur, der sich den Frauen liebevoll nährt und Schauspieler, der seine politischen Überzeugen umzusetzen versucht; Deneuve als emanzipierte Theaterchefin, die sich durchsetzen und Kraft nach Außen strahlen muss, was ihr (der Figur, wie auch Deneuves Spiel an sich) einen kühlen Stich verleiht, dahinter verbirgt sich aber mehr, wie die Liebe und ihre Sorge um ihren Mann, für den sie die Flucht plant, dem jüdischen Theaterregisseur Steiner (Heinz Bennent), der isoliert und ohnmächtig im Keller des Theater verborgen verweilen muss und langsam zu verzweifeln droht durch das Warten, dieses endlose und quälende Warten. So dirigiert er nun hinter (oder unter) den Kulissen, durch seine Frau als ausführendes Organ, das Stück. Seine Frau führt ein Doppelleben, von Tarnung und Täuschung, wie im Theater, sie muss die Fassung wahren und nimmt damit eine heikle Position in dieser Zeit von Gefahren, Verdächtigungen, Denunzianten, selbstgefälligen Journalisten und Stromausfällen ein. Da ist Vorsicht geboten.




Denevues Figur steht aber auch in der Liebe im Mittelpunkt von Theater und Realität, im Theater liebt sie Bernard, im Leben gibt sie sich ihrem Mann hin, doch entwickelt Truffaut daraus langsam eine Übertragung von Schein zu Sein; das gilt aber auch für den gesamten Film. Eine besonders amüsante Szene ist in dieser Hinsicht ist jene, wenn Steiner kurz darüber spricht, dass seine derzeitige Situation ihn an ein Theaterstück erinnere, oder eine andere wunderbare Szene ist, wenn er im Zuge der Premiere des Stücks nervös und bangend um den Erfolg des Stückes fürchtet, dabei aufgeregt das Zimmer auf- und abschreitet, während seine Frau die Ruhe selbst  ist, ein witziger Schwenk in die Richtung des von Truffaut verehrten Howard Hawks. Und beim herrlichen Schlussakkord führt Truffaut schließlich persönlich alles mit aberwitzigen Tempo zum Ende und schreitet humorvoll zum Epilog, in dem er nun das Theater und die Wirklichkeit vollkommen miteinander verschmelzen  und zu einem werden lässt.



8.0 / 10

Autor: Hoffman 

Montag, 7. November 2011

Klassiker der Extraklasse: Belle de Jour - Schöne des Tages




Buñuel, Buñuel! Mein Königreich, auch was rede ich meine Seele für einen echten Luis Buñuel. Kommt mir bekannt vor, sei es drum. Ein weiteres Werk des großen Surrealisten erneut gesichtet. Ein Film von dem Mann, dessen Filme stets zu gefallen wissen, letztendlich und irgendwie. Keine Gespenster der Freiheit, weit gefehlt, denn es geht um die Schöne des Tages, anders gesagt "Belle De Jour" von Luis Buñuel aus dem Jahre 1967 nach dem gleichnamigen Roman von Joseph Kessel.



Für mich stets irgendwie ein stets unkonventioneller Buñuel (das kann man selbstverständlich sehen, wie man möchte), sogar mit einer zusammenhängenden Handlung verziert, wie immer faszinierend und interessant gemacht, Mittelpunkt des Films eine Frau... ihre Ängste, ihre Träume, ihre Wünsche, etc. ... natürlich mit typischen Elementen von Buñuel angereichert, wieder einmal entlavt er scheinbar schonungslos die bürgerlichen Konventionen: Mittendrin Sérverine. Die anscheinend ein perfektes Leben mit ihrem Ehemann Pierre führt. Oberflächlich betrachtet, doch erfüllt ist ihr Leben keinesfalls. Der öde Alltag, sie versucht ihm zu entfliehen, qualvolle Träume umgeben sie. Auf Hinweis entdeckt sie das Bordell von Madame Anais und beginnt so bald ein Doppelleben, in der Nacht daheim, tagsüber aber im Bordell. Um auszubrechen.
Roter Faden der Story dabei Séverine, gespielt von einer großartigem Catherine Deneuve als kühle bzw. schöne Blonde, sie hält dem Film am laufen, Deneuve vermittelt ihren Charakter mehr als glaubhaft, sodass ich hier fast behaupten möchte, dass es wohl eine ihrer besten Leistungen ist. Das sollte aber jeder selbst sehen. In weiteren Rollen noch ein überzeugender Jean Sorel als Ehemann bzw. Arzt Pierre, dann noch eine nicht minder grandiose Geneviève Page als Madame Anais, oder auch Pierre Clementi als Gangster Marcel, der zu Séverines "großen" Freier wird. Und nicht zu vergessen den stets exzellenten, wie auch hier, Michel Piccoli (eh ein Stammgast in Buñuels Werken, was ich stets begrüße) Lebemann und Freund bzw. Bekannter des Paares Husson. Damit wäre wohl hervorragend ausgewählt.



Buñuel hier einmal ungewöhnlich. Surreal selbstverständlich, doch verschwimmen hier die Grenzen zwischen Realität und Traum wie nie zuvor (für mich) bei Buñuel, überall lauert der Surrealismus. Das heißt also Konzentration ist gefordert und wird verlangt. Denn jede Unachtsamkeit kann schwere Folgen haben, das mag sich natürlich dramatischer anhören als es wirklich ist. In jedem Fall wieder wunderbar symbolisch angehaucht. Jedes Bild als Symbol und als deutliche Kritik am Bürgertum. Manchmal auch etwas absurd, aber stets mit Präzision. Typisch. Der Mann fasziniert wieder einmal, wenn auch für mich auf einer etwas ernüchternden Ebene, überraschend gemächlich analysiert er die Psychologie seiner Hauptprotagonistin und setzt sich mit ihren Problemen auseinander, trotzdem provoziert er gleichzeitig, kritisiert bzw. hinterfragt die Gesellschaft hinter dem Bürgertum und deren Lüste und Laster, das gezeigt mit den jeweiligen Abgründen der Charaktere. Auch hier seine Protagonistin als Spiegel dieser, die Aufbruch in neue Sphären führt sie in die skrullisten und doch entlarvtesten Ecken des Bunuel Films. Sehr fein gehandhabt. Eine weitere fantastische Regie von ihm. Besonders hierbei noch die Umsetzung des Abschlusses bzw. die der letzten Szene, die dem Ganzen noch ein Stück weit verblüffender macht bzw. in dem Sinne absolut" umhaut", interessant auch, dass es sogar Gerüchte geben mag die spekulieren, dass selbst der große Meister Buñuel nicht wusste was es bedeuten sollte. Aber man bedenke: Gerüchte...Dazu noch eine geniale Kameraarbeit, einerseits wundervoll und elegant bzw. stimmungsvoll gefilmt, andererseit brillant vermischt mit surrealistischen Bildern der Extraklasse, wie man sie von Buñuel kennt. Ein Funke der überspringt.

Zudem noch wie bereits erstklassig ausgearbeitete Charaktere, grandios-hintergründig und auch eben kritisch angelegt, mit interessant gemachten psychologischen Aspekten vergoldet und einfach meisterhaft um ich kurz zu halten. Alles dreht sich um Séverine.




Und zum Schluss bleibt dann nur noch erstmal wieder zu sagen, dass "Belle De Jour" eindeutig eines der großen Meisterstücke des Meisters Luis Buñuel ist, wie immer ein mehr als faszinierendes Erlebnis und als Anhang noch: Man sollte bitte wieder einmal zählen wie oft ich das Wort "Buñuel" verwendete. Wie immer ein ausgezeichnetes Kunststück.



                                                           8.0 / 10

Autor: Hoffman