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Mittwoch, 8. Juli 2015

Jacques Demy Retrospektive #12 - Kritik: Trois places pour le 26 (1988)




Es ist ein leiser Einstieg zu einem sanften Chanson, während die Eröffnungscredits in Blau und Rosa erstrahlen, den Jacques Demy bei seinem letzten Werk tätigt, bevor er ganz und gar poppig und fröhlich Yves Montand mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht aus seinem Zug steigen lässt und damit dessen Rückkehr in seine Heimatstadt Marseille verkündet, in der er gleich von Reportern empfangen wird, die auf einer großen Treppe beginnen ihn zu interviewen. Sie singen und tanzen dabei und so heißt Jacques Demy den Zuschauer also Willkommen in diesem, seinem letzten, Film, der eine Hommage an den Schauspieler, Chansonnier, Charmeur und Liebhaber Yves Montand ist, der sich in diesem Film selbst spielt und das mit sichtlicher Freude. Er ist zurückkehrt um ein Stück auf der Bühne aufzuführen, das auf seinem eigenen Leben basiert. Er erinnert sich dabei an eine Frau aus der Vergangenheit, Mylene, die er vor zwanzig Jahren verließ und geliebt hat und von der er hofft, dass er sie wiederfinden würde. Sie ist mittlerweile verheiratet, jedoch sitzt ihr Mann im Gefängnis und sie ist stark verschuldet. Ihre Tochter, Marion (Mathilda May), welche die eigentliche Tochter Montands ist, wovon der aber nichts weiß, bewundert Montand und möchte genau wie er ein Star werden und versucht ihn aufzusuchen. Nach dem Ausfall einer Darstellerin wird sie die Rolle spielen, die ihrer Mutter nachempfunden ist.



Zugegeben ist die Handlung von Jacques Demys Film eher lose, unbeträchtlich und milde. Sie pendelt zwischen den Erinnerungen Montands, die im Theater wiederbelebt werden auf der Bühne, Montands Wiedersehen mit alten Bekanntschaften und Marions Träumerei und Begegnung mit Montand, aber was Jacques Demy wieder daraus macht, ist noch einmal ein farbenfrohes und leichtfüßiges Musical im Stile der großen MGM-Musicals von seinen Idolen wie Vincente Minnelli und Stanley Donen (unter anderem wird »Singin´ in the Rain« zitiert), das von Demy gewandt inszeniert wird. Des weiteren wird auch auf Fred Astaire, Edith Piaf und Marilyn Monroe verwiesen. Dabei ist natürlich wieder einmal Demys Lust an bunten Farben bemerkenswert. Das sind Farben, die einen anspringen, den Film beleben, einen für sich gewinnen und bezaubern. Die Musik, die stammt selbstredend auch wieder von niemand anderem als Michel Legrand, der sich hier ganz in seinem Element befindet, sofern man den Film als Kind seiner Zeit (teils auch musikalisch) akzeptiert. Und so ein kurzweiliger Film kann eigentlich auch gar nicht anders enden, als denn harmonisch, friedsam, vielleicht etwas abrupt und schlicht, zugleich aber augenzwinkernd und beinahe schon märchenhaft mit dem Finden der Liebenden.


7.0 / 10

Autor: Hoffman 

Freitag, 26. Juni 2015

Jacques Demy Retrospektive #11 - Kritik: Parking (1985)



»Parking« ist Jean Cocteau gewidmet, einem von Jacques Demys großen Vorbildern, den er mit diesem Film Tribut zollt. Dabei verlegt Demy den Orpheus-Stoff, den Cocteau bereits in den 50er Jahren verfilmt und modernisiert hatte, in die 80er Jahre und liefert damit eine eigene Interpretation des Ganzen ab, die sich aber auch als Hommage an Jean Cocteau versteht. Die erste Szene gehört ganz Orpheus und Eurydice. Er singt ihr ein Chanson, in dem er seine Liebe zu ihr bekundet, was in einem Liebesakt der Beiden endet. Orpheus (Francis Hunter, den Demy als Fehlbesetzung erachtete und für den zunächst unter anderem David Bowie vorgesehen war) ist bei Jacques Demy nun ein motorradfahrender (wobei dieses Element schon bei Cocteau vorkam, dort aber eine andere Verwendung fand) und bisexueller, da Orpheus neben Eurydice auch mit seinem Produzenten zusammenlebt, Sänger und Popstar mit dünnen roten Stirnband, der durch einen Kurzschluss bei den Proben zu seinem Konzert stirbt, in die Unterwelt geführt wird, um dort festzustellen, dass dort ein Fehler unterlaufen ist und er zu den Lebenden zurückkehren darf. Eurydice ist eine japanische Bildhauerin, womit Demy bei der Beziehung von Orpheus und Eurydice auf John Lennon und Yoko Ono anspielt. Nach einem Streit mit Orpheus stirbt sie an einer Überdosis. Daraufhin macht sich Orpheus auf, um sie aus der Unterwelt zu retten.



Natürlich ist dieses Werk von Demy dahingehend auch eine Art origineller Popfilm, der das 80er-Jahre-Klima einfängt, sich dabei aber auch teils verfängt. Der Film mag teils grell erscheinen, auf der anderen Seite aber (für einen Jacques-Demy-Film) auch trist. Das Ganze erscheint fast schon zu brav, da der Film in seinen Ansätzen stecken zu bleiben scheint, denn zu wirklich großen Höhen schwingt sich Demy nie (oder zumindest selten) auf. Der Film läuft mechanisch und schwunglos ab. Ähnlich verhält es sich mit den Liedern von Michel Legrand, die sich nicht entfalten können, was aber wohl auch der Tatsache geschuldet ist, dass Francis Hunter, der die Lieder selbst interpretiert, schlichtweg kein (guter) Sänger ist.





Was aber nichtsdestotrotz diesen Film reizvoll macht, ist wie Demy die Geschichte variiert, wie er als Beispiel die Unterwelt umgestaltet in einzelnen Details. Der Abstieg in die Unterwelt erfolgt im Auto, das sich Etage für Etage weiter in die Tiefe begibt, denn der Eingang zur Unterwelt befindet sich bei Jacques Demy in einem unterirdischen Parkhaus. Die Unterwelt selbst ist dann Ort der kargen weißen Wände und bleichen Gesichtern, während die Farben der Kleidung und Gegenstände beibehalten werden, was für einen schillernden Kontrast sorgt. Der Registration in der Unterwelt erinnert an eine Passkontrolle am Flughafen, Computer werden genutzt um Lebensdaten zu überprüfen und der Hades dieser Unterwelt ist ein fesch in rot und schwarz gekleideter Jean Marais, dem einstigen Orpheus von Jean Cocteau, dessen Rolle hierbei seine erste Kinorolle seit »Eselshaut« aus dem Jahre 1970 (ebenfalls von Jacques Demy) war.  Damit wird aus Demys »Parking« also ein immer noch interessantes, dabei straff erzähltes, wenn auch gescheitertes Projekt.


6.0 / 10

Autor: Hoffman 

Mittwoch, 24. Juni 2015

Jacques Demy Retrospektive #10 - Kritik: Ein Zimmer in der Stadt (1982)






Für Jacques Demy bedeutet »Une Chambre en Ville« eine Heimkehr. Es ist eine Rückkehr in seine Heimatstadt Nantes, die er schon in seinem Debüt »Lola« porträtierte. Die ersten Töne und Bilder, es ist ein Blick über Stadt und Hafen bei einem rot glühenden Sonnenuntergang, sind melancholisch und auch die darauffolgenden Bilder sprechen eine andere Sprache, als man sie denn von Demy bei dieser Rückkehr erwartet hätte: Es sind Bilder der Gewalt. Demy lässt demonstrierende Arbeiter, die für ihre Rechte streiken und Polizisten, die ihren Aufstand zerschlagen wollen, aufeinanderprallen.



Dieser Streik bildet den Hintergrund von Jacques Demys Film, dessen Geschichte, eine Geschichte der Leidenschaft ist, die er ins Jahr 1955 verlegt, schlicht entworfen, aber kraftvoll vorgetragen: Der Metallarbeiter Guilbaud (Richard Berry) stürzt sich in eine Affäre mit einer Frau aus gehobenen Haus (Dominique Sanda), Edith, die unter ihrem Pelzmantel nichts als nackte Haut trägt und deren Mann ein geiziger, eifersüchtiger und impulsiver Fernsehverkäufer im giftig-grünen Anzug (Michel Piccoli, der diesen wie einen Besessenen mimt) ist, den sie nur wegen des Geldes heiratete. Guilbauds verliebte Freundin Violette (Fabienne Guyon), der auch die zunächst naiv-träumerischen Momente dieses Films gehören, will ihn, weil sie schwanger von ihm ist, heiraten. Er muss sich aber eingestehen, dass er nicht mit ihr zusammenleben kann. Sie träumt, er könne nicht träumen. Gerade auch diese Tatsache unterstreicht noch einmal passend den Pessimismus des Films, der ebenso gut auch einen fatalistischen Charakter beherbergt, wenn die Karten gelegt werden. Die Beiden, Guilbaud und Edith, treffen durch Zufall (oder doch Schicksal?) auf der Straße aufeinander, entbrennen füreinander und wollen einander nie mehr verlassen.



Dabei ist der Tod in diesem tragischen Film ebenso präsent wie die Liebe. Es ist auch der Film, bei dem Demy wieder jedes Wort und jeden Dialog singen lässt. Hinter der Musik steckt dieses Mal aber nicht Michel Legrand, sondern Michel Colombier, der den Film in melancholische, sehnsuchtsvolle sowie finstere, zwischendrin immer mal sanfte, und dann wieder stürmische Klänge packt. Dieser gewalttätige zugleich gewaltige Film, bei dem sich mancher aus Wahnsinn glatt mit seinem Rasiermesser blutig zur Tat schreitet, aber Demy nichtsdestotrotz seine enorme Sensibilität für seine Figuren nicht missen lässt, ist wohl auch sein brutalstes und düsterstes Werk. Die Straßen sind karg und grau, die Innenräume zwar durchaus farbenprächtig, jedoch sind dies auch eher gedecktere Farben. So bleiben am Ende dieses wuchtigen Film nur Verwüstung und Zerstörung.


7.5 / 10

Autor: Hoffman 

Freitag, 19. Juni 2015

Jacques Demy Retrospektive #9 - Kritik: La naissance du jour (1980)



Nachdem Jacques Demy die aufwendige Großproduktion von »Lady Oscar« hinter sich gebracht hatte, drehte er zurück in Frankreich diesen kleinen Film, einen Fernsehfilm (der Einzige in Demys gesamter Karriere), der auf dem autobiografischen Roman der französischen Schriftstellerin Colette basiert und beim »LaTreille Muscate« gedreht wurde, wo Colette auch den Roman zum dazugehörigen Film schrieb. Heute ist dieser Ort ein Hotel und Restaurant. Es ist in diesem Sinne ein unauffälliger, geradezu unspektakulärer Film, der zart und schlicht von Demy erzählt wird und im Jahre 1927 in der Nähe von Saint-Tropez spielt. Dabei übernimmt Demy exakt die Worte Colettes im Roman, laut seiner eigenen Aussage. Colette (Daniéle Delorme) befindet sich im Herbst ihrer Lebensjahre und hat sich für einen Sommer in ihrer abgeschiedenen Villa niedergelassen. Ein Schauplatz, auf den Demy fast ausnahmslos den gesamten Film über das Geschehen konzentrieren lässt.

Dort schreibt sie und erinnert sich an ihre verstorbene Mutter, an ihre Ehen und blickt auf ihr bisheriges Leben sowie die Liebe zurück. Dabei beschreibt sie im Off-Kommentar ihre Gedanken und Beobachtungen. Ein jüngerer Mann (Jean Sorel) taucht auf, bei dem Colette hofft mit ihm endlich das Glück zu finden, bis eine Freundin (Dominique Sanda) auf den Plan tritt, die sich ebenfalls für ihn interessiert. Es ist als wolle Demy mit diesem Film eine Auszeit nehmen, um zu erholen, denn dieser Film ist zurückgezogen von aller Hektik. Colette ist in dem Garten von ihrer Residenz umringt vom Grün, der Sonne, einer Katze, von Blumen, Sträuchern und Vogelgezwitscher wie auch von den Klängen Mendelssohns, die Demy als passende musikalische Untermalung für diesen Film verwendet. Auch lassen sich in der Nähe Strand und Meer finden. Es ist demnach also ein sacht-artiger, leiser und friedvoller Film über Liebe und Begierde in einem gemütlich-sommerlichen Ambiente, von dem man nicht viel erwarten sollte, sondern dem man sich einfach für die kurze Zeit hingeben sollte.


6.0 / 10

Autor: Hoffman 


Freitag, 12. Juni 2015

Jacques Demy Retrospektive #8 - Alte Schinken Edition: Lady Oscar (1979)



Jaques Demys »Lady Oscar« basiert auf einem japanischen Comic, der ebenfalls eine Animeserie nach sich zog, die ebenso wie der Film aus dem Jahre 1979 stammt. Der Film wurde mit einer englischen Darstellerin in der Titelrolle und dem Franzosen Demy als Regisseur besetzt. Demy beschrieb diese Dreifaltigkeit als surreal, aber auch als einen möglichen Weg, um so die französische Geschichte zu erzählen. Worum es  Jacques Demy dabei aber auch geht, das ist das Spiel mit den Geschlechterrollen. Ein General wartet, nachdem seine Frau ihm bereits fünf Töchter geboren hat, auf die Geburt seines ersten Sohnes. Doch das erwartete Kind wird wieder ein Mädchen. Die Frau stirbt bei der Geburt. Er beschließt das Mädchen Oscar zu nennen und als Jungen zu erziehen. Sie ist ein Mädchen, dass lieber mit Jungen spielt und mit den Degen kämpft. Sie wird zur Leibgardistin von Marie Antoinette.



Michel Legrand, dessen Musik wahrscheinlich der (einzige) Höhepunkt des Films ist, liefert dazu wieder stimmungsvolle Melodien, mal träumerisch und mal geschwind. Das ist von Demy vornehm bebildert, gewandt inszeniert und adrett ausgestattet. Demy erzählt diese Geschichte jedoch auch lasch. Marie Antoinette (und eigentlich auch so gut wie jede adelige Figur) ist eine Karikatur. Sie ist ein oberflächlich-doofes und arrogant-umschwärmtes It-Girl, das sich nur um Kleidung und Männer kümmert, nicht um die Politik. Vieles wirkt überzogen, auch wenn sich der Film in erster Linie nicht als Komödie versteht. Irgendwie scheint Demy das andererseits auch nie ganz ernst zu nehmen, bis vielleicht auf die Probleme von seiner Lady Oscar, die sich zwischen Pflichten und Sehnsüchten sieht. Demys Ziel ist dabei klar, es ist die französische Revolution. Die Massen sind in Aufruhr und leben in Armut, diese werden aber nur äußerst nebensächlich behandelt, denn zumeist widmet sich Demy eher dem oberflächlichen Schlossleben. Das Drehbuch schreitet dahingehend nur behäbig voran.



Überhaupt muss man sagen, dass Demy auf seinem Weg dorthin überaus zerstreut wirkt: Daten, historische Persönlichkeiten, überflüssige Nebenplots (wie ein Mädchen, dass an einer Adeligen Rache für den Tod ihrer Mutter nehmen will), die Suche Oscars nach sich selbst. Das Ganze wirkt irgendwie überladen und uneinheitlich. Demy kann hier keinen klaren Weg einschlagen und das lässt viele Konflikte oberflächlich wirken. Inbesondere die unausgesprochene Liebe zwischen Oscar und André, ihrem Freund aus Kinderzeiten, wirkt, trotz der Tatsache, dass sie letztlich den besonderen Schlusspunkt der Geschichte bildet, leidenschaftlos an Eckpunkten abgearbeitet. Und ein ganz anderes Problem ist daneben noch, dass die androgyne Ausstrahlung von Lady Oscar durch die doch eher feminine Catriona MacColl mehr Behauptung als Tatsache bleibt. Das ist gerade bei einem solchen Film, dessen Fokus teils darauf liegt, eher misslich. Es lässt sich daher gut nachvollziehen, dass dieser Film von Jacques Demy floppte.


5.0 / 10

Autor: Hoffman 


Mittwoch, 10. Juni 2015

Jacques Demy Retrospektive #7 - Alte Schinken Edition: Das bedeutendste Ereignis / Die Umstandshose (1973)



Bereits lange bevor Arnold Schwarzenegger schwanger wurde, hatte auch Marcello Mastroianni mit dieser Problematik zu kämpfen. Marco Mazetti (Marcello Mastroianni) ist Fahrschullehrer von Beruf. Er lebt gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Iréne, einer Friseurin, zusammen. Die zwar unverheiratet, aber einen gemeinsamen Jungen von 8 Jahren haben. Als erstes plagen Marco Kopfschmerzen, dann fühlt er sich nicht wohl beim Theaterbesuch, bei dem Mireille Mathieu einen Gastauftritt hinlegen darf.  Der Arztbesuch, bei einer weiblichen Ärztin, die bei der Untersuchung sich genüsslich eine Zigarette genehmigt, klärt auf: Der Mann ist schwanger und das im vierten Monat! Das kann doch nur ein Witz sein?



Zumindest beruht diese Komödie von Jacques Demy auf einem Witz, den seine Frau Agnés Varda ihm gegenüber während ihrer Schwangerschaft machte und in dem sie ungefähr meinte, dass ein Mann sich gar nicht vorstellen könne, was eine Frau durchmache, da er das nie erleben würde in seinem Leben. Und so kam Demy auf die zu diesem eher harmlosen Film, den er als selbst eine Art Traumvorstellung beschrieb, in dem sich aber auch kleinere Wahrheiten finden lassen würden. Ist diese Schwangerschaft also ein Wunder oder lag es am Essen? Jacques Demy spielt hier mit den Geschlechterrollen, in dem er sie umdreht. Sein Film ist leicht, aber auch seicht und lasch. Der Film ist dabei auch ein Produkt seiner Zeit. Die Klamotten sind bunt und wirken heute kurios. Dabei übt Demy auch eine schräge Art von Konsum- bis Medienkritik, schließlich wird der immer dicker und dicker werdende Marco zum Model eines Modekonzerns für schwangere Männer, der ihn als Mann von Morgen sieht. Die Schwangerschaft von Marco wird zum bedeutendsten Ereignis seit dem Mann auf dem Mond bezeichnet, die Demy zu Beginn in den Film einbaut, während die Credits präsentiert werden.



Ein paar, wenn auch nebensächliche, Spitzen lassen sich auch finden, so die Frage, ob der Papst, jetzt wo die Männer schwanger werden, auch seine Meinung zur Adoption ändert. Darüberhinaus, und neben einer irrsinnigen Tagtraumsequenz, ist dieser Film von Jacques Demy eher flau und bieder geraten, auch wenn die Chemie zwischen Mastroianni und Deneuve stimmt und der Film ein paar putzige Momente bereithält, wie, wenn Mastroianni seinen wachsenden Baum im Spiegel betrachtet oder die Eltern ihrem Sohn erklären müssen, dass Papa nun schwanger ist. Und am Ende bewahrheiten sich die Worte Jacques Demys, denn dann war alles nur heiße Luft, zwar ist ein Kind trotzdem unterwegs, aber das wieder auf den gewohnten Wege (oder in gewohnten Bäuchen).


5.0 / 10


Autor: Hoffman 

Freitag, 29. Mai 2015

Jacques Demy Retrospektive #6 - Klassiker der Extraklasse: The Pied Piper - Der Rattenfänger von Hameln (1971)



Jacques Demy interpretiert die deutsche Volkssage um den Rattenfänger von Hameln ganz für sich, er führt damit in das finstere Mittelalter, in das Jahr des schwarzen Todes, also der Pest, die Furcht und Schrecken in der Bevölkerung verbreitet. Demy interpretiert sie als das, was sie für ihn ist, als eine Geschichte, in der Realismus und Magie zusammentreffen. Seine Geschichte schildert er eingängig in schlichten und geerdeten Bilder. Es sind Bilder, die teils beschaulich sein mögen, aber andererseits auch teils dämmrig. Es ist wieder ein originell inszeniertes Märchen von Demy, das aber dezenter daherkommt als sein vorheriger Märchenfilm »Eselshaut«. Die Modifikationen, die Demy vornimmt, sind zwar immer noch eigenwillig und teils überaus augenzwinkernd, aber der Tenor des Films ist auch ernster, immerhin wird in dieser Geschichte letztlich auch ein Scheiterhaufen entzündet.



Zu Beginn aber begegnet der musizierende Rattenfänger (Donovan, der auch die Musik zu diesem Film komponierte), der neben seiner Flöte auch eine Gitarre bei sich trägt, auf eine reisende Familie von Schauspielern (oder besser gesagt sie treffen auf ihn, der der Musik gefolgt ist) auf ihrem Weg zur Stadt Hameln und schließt sich ihnen an. Dort haben die Repräsentanten der Kirche die Macht inne, bornierte Dogmatiker, die keine andere Religion als ihre eigene akzeptieren, was auch ein alter und weiser jüdischer Arzt und Alchemist erfahren muss, der vor einer Rattenplage warnt und versucht ein Mittel zu finden, um sie zu bekämpfen, was ihm zum Verhängnis wird. Diese Repräsentanten der Kirche kooperieren mit dem Baron der Stadt (Donald Pleasence, der mit seinem spitzen Zwergenhütchen wie ein alter Hexenmeister aussieht), der eine Kathedrale ganz für sich bauen lassen will, an denen die Menschen bei Tag und bei Nacht schuften müssen und dessen ebenso gieriger Sohn (John Hurt) die Tochter des Bürgermeisters heiraten soll. Als die Rattenplage ausbricht, wird der Jude als Verursacher dieses Unglücks beschuldigt und die Geschichte nimmt ihren altbekannten Lauf. Jacques Demy nimmt hier eine klare Einteilung in Gut und Böse vor, was er erzählt, das ist nämlich auch eine Fabel über religiösen Fundamentalismus, Diskriminierung und Intoleranz, die durchzogen ist von Magie. So hat Musik eine heilende Wirkung inne, die Ratten folgen wie hypnotisiert dem Klang der Flöte und die Figur des Rattenfängers taucht aus dem Nichts aus wie sie auch wieder am Ende (und das nicht allein) verschwindet.


7.0 / 10

Autor: Hoffman 

Mittwoch, 27. Mai 2015

Jacques Demy Retrospektive #5 - Klassiker der Extraklasse: Eselshaut (1970)



Die ersten Bilder dieses Films von Jacques Demy gehören den Büchern, die Geschichten und Märchen ins sich bergen, die uns ganz in ihre Welt eintauchen lassen und Jacques Demy, der versuchte mit den Augen eines Kindes an diese Geschichten zu gehen, entführt uns in ein solches Märchen, dessen Beginn natürlich lauten muss: Es war einmal...und bei Jacques Demy, der hiermit das Märchen »Eselshaut« von Charles Perrault eigenwillig interpretiert, war es einmal ein König (Jean Marais), der sich nach dem Tode seiner Gattin, der er schwor nur eine Frau zu heiraten, die genauso schön ist wie sie, in seine eigene Tochter (Catherine Deneuve in den schönsten Kleidern, welche die Farbe des Wetters, des Mondes oder der Sonne tragen), die scheinbar letzte wirkliche Märchenprinzessin, verliebt und beschließt sie zu heiraten. Die Prinzessin sucht die Flucht und bittet eine gute und fesche Fee (modebewusst: Delphine Seyrig) um Hilfe, die ihr vorschlägt ihr Haupt und damit ihre Schönheit unter einer Eselshaut zu verbergen, um unerkannt vor ihrem Vater zu sein.




Jacques Demys Film ist ein buntes, originelles und pompös ausgestattetes Märchen für Jung und Alt, in dem er mit seiner unbändigen Kreativität, seiner kindlich-verspielten Freude und seiner Lust am probieren eine Welt der Wunder präsentiert, bei der man große Augen macht. Es ist ein grazil-glamourös inszenierter Film über die wahre Liebe, welche die Schönheit hinter der hässlichen Oberfläche entdeckt, denn natürlich durchstreift die Szenerie auch ein verliebt-charmanter Prinz (bezaubernd: Jacques Perrin), der in knalliges Rot gekleidet ist. Magie durchströmt diesen Film. Alles ist möglich! Und damit meint Jacques Demy wirklich alles, wenn der Thron des Königs eine überdimensionale Plüschkatze ist, wenn die Pagen und Pferde des Hofes in blau und rot angemalt sind (wohl damit sie nicht vergessen würden zu welchem Königreich sie gehören), wenn Königinnen in Riesenschneekugeln beerdigt werden, wenn alte Frauen Frösche spucken, wenn die Zeit manchmal wie still zu stehen scheint, wenn Rosen zu sehen und sprechen beginnen oder wenn gute Feen mit Helikoptern angeflogen kommen.



Und natürlich kommt die liebliche Musik auch hier wieder von Michel Legrand und Demy lässt mit seinen Klängen in diesem skurrilen Märchen auch ein Kochrezept für einen Kuchen besingen. Jacques Demy sucht hier das Zauberhafte und Außergewöhnliche, betrachtet das Ganze dabei durchaus mit Augenzwinkern und gibt sich sehr detailverliebt bei den Dekors, um es kurz zu machen, so will er hier einfach fabulieren. Und wie heißt es am Ende eines jeden Märchens so schön: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.


7.5 / 10

Autor: Hoffman 

Freitag, 22. Mai 2015

Jacques Demy Retrospektive #4 - Klassiker der Extraklasse: Model Shop - Das Fotomodell (1968)




Jacques Demy spinnt die Geschichte seiner Lola weiter. Er will mit diesem Film Los Angeles erforschen, erkunden und damit seine Eindrücke von dieser Stadt wiedergeben, die er von der Stadt gesammelt hat. Denn das, was er sah, kannte er nicht aus anderen Filmen, weshalb er die Wirklichkeit, die er gesehen hatte, mit diesem Film darstellen wollte. Er ist ein Franzose in Amerika. Wir sehen L.A. aus seinen Augen. Demys männlicher Protagonist, an dessen Fersen er sich heftet, ist aber ein Amerikaner. Dieser junge Mann (Gary Lockwood, der gerade erst mit Stanley Kubricks »2001« einen Erfolg verzeichnen konnte und dessen Rolle zunächst an Harrison Ford gehen sollte, dem die Produzenten aber keine große Karriere prophezeihten...) ist ein arbeitsloser Architekt, der im Schlaf von der Liebe träumt, dessen Auto gepfändet werden soll und lustlos in den Tag lebt, bis er zufällig einer Frau (Anouk Aimée) begegnet, von der er sofort fasziniert ist. Diese Frau ist eine Fremde. Ihr Name ist Lola und arbeitet in einem Fotomodellshop. Sie, die aus Nantes stammt, verdient sich mit ihrer Arbeit das Geld für die Rückfahrt nach Frankreich, wo ihr Sohn in Paris auf sie wartet. Sie hat der Liebe abgeschworen seit der Scheidung von ihrem Mann Michel.



Demy füllt an dieser Stelle, wenn er Lola über ihre Vergangenheit berichten lässt, Lücken, beantwortet mögliche Fragen und verweist dabei auch auf seine Spielerin Jackie Demestre, die Protagonistin in seinem »La baie des anges« und vernetzt damit seine Filme wieder einmal. Sie wird also zurückkehren. Er, der eigentlich aus San Francisco stammt und somit in Los Angeles auch in gewisser Weise auch ein Fremder in Los Angeles ist, wurde zur Armee einberufen und muss bald in den Vietnam. Ihre Wege treffen und trennen sich immer wieder. Sie folgen einander, finden sich, verlieben sich und verlassen sich. Hoffnungen und Enttäuschungen werden wieder gegenübergestellt. Diese Ereignisse schildert Demy anhand eines eigentlich beinahe schon ganz gewöhnlichen Tages. Sein Film ist eine bodenständige Odyssee durch die Stadt mit ihren Häusern, Straßen und Menschen, in der Demy an verschiedene Orte führt, womit Demy hier vieles auch nur streift, so sind Hippies oder die Freundin des jungen Mannes, die eine Karriere als Schauspielerin anstrebt nur Randerscheinungen. Sicherlich ist das eine einfache Geschichte, die Demy hier zurückhaltend erzählt, da er sich mehr dem Erkunden der Stadt hingibt, dabei aber auch mit kindlich-reizvoller Neugier Los Angeles bebildert. Es ist so gesehen der amerikanische Film eines Franzosen.


6.5 / 10

Autor: Hoffman 

Freitag, 15. Mai 2015

Jacques Demy Retrospektive #3 - Klassiker der Extraklasse: Die Mädchen von Rochefort (1967)



Ausgehend von seinem gesungenen Film, den Regenschirmen von Cherbourg, seinem wahrscheinlich bekanntesten Film, geht Jacques Demy einen Schritt vorwärts. Entwickelt sein Konzept weiter. So macht er schon zu Beginn ganz klar, dass das hier nun getanzt und sich rhythmisch bewegt wird zu den schmissigen und schwungvollen Klängen Michel Legrands. So wird jedoch hier nicht jedes Wort, wie im Vorgänger gesungen, aber so gut wie jedes Wort. Jacques Demy gibt sich hier ganz enthusiastisch der Illusion des Kinos hin, reißt mit und kreiert ein farbenfrohes und beschwingtes Spektakel, mit dem er eine ganze Stadt zum Tanzen bringt und bei dem er bis zum Ende hin kein Halten mehr kennt. Es ist ein Film über die Liebe und das Glück.



Zwei Zwillingsschwestern (gespielt von den wirklichen Geschwistern Catherine Deneueve und Francoise Dorleac) warten und suchen nach der »wahren« Liebe, nach dem richtigen Mann für sie. Neben ihn suchen auch ein junger Dichter und Maler (Jacques Perrin) in Matrosenuniform, der seinen Militärdienst leistet und der seine Traumfrau noch nicht gefunden hat, der Besitzer eines Musikgeschäftes mit dem Namen Monsieur Dame (Michel Piccoli), der von einer Frau verlassen wurde, weil sie nicht Madame Dame heißen wollte, eine Cafébesitzerin und die Mutter der beiden Geschwister (Danielle Darrieux), die einst einen Mann mit komischen Namen verließ und ein berühmter amerikanischer Komponist (beherzt: Gene Kelly), der Rochefort besucht, um einen alten Freund wieder zu sehen, die Liebe.



Alle sind sie verliebt, wollen sich gegenseitig finden, laufen aneinander vorbei, verpassen sich, finden sich aber schließlich und wenn noch nicht jetzt, dann sicherlich in Zukunft. Die Welt ist ein kleiner Ort, sodass sie nun alle in Rochefort aufeinander treffen, auch Akrobaten, Matrosen, Männer, Frauen und Sadisten sind hier anwesend. Jacques Demy führt mit tänzerischer Leichtigkeit durch dieses lebensbejahende, virtuos durchchoreographierte und romantische Musical, dessen bunte Farben an den Menschen und Häuserwänden strahlen und das voller Frohmut steckt. Mit diesem Film hat Jacques Demy die Welt ein bisschen schöner gemacht.

7.5 / 10

Autor: Hoffman 

Mittwoch, 13. Mai 2015

Jacques Demy Retrospektive #2 - Klassiker der Extraklasse: Die blonde Sünderin (1962)



Jacques Demys zweiter Spielfilm »La baie des anges« ist ein durch und durch stilvoller, wenn dabei auch schlichter Film, bei dem Demy seine Eindrücke, bei seinem ersten Casinobesuch, zu dem man ihn mitnahm, zu einem Film verarbeitet. Ähnlich ergeht es Demys Protagonisten, einem korrekten jungen Mann (Claude Mann), der als Bankangestellter arbeitet und von einem Kollegen, der Erfahrung mit dem Spiel hat, mit ins Casino genommen wird, der ihn in diese Welt einführt und von dessen Reiz er sich nicht mehr lösen kann. Demy berichtet von der Verführung des Spiels und zeigt präzise die Faszination, das Vergnügen und das Risiko, das hinter dem Spiel liegt, ohne dabei über seine Figuren moralisch zu urteilen. Es ist die Wahl der Zahl, das Mysterium das hinter diesen Zahlen liegt, die Spannung, die in dem Moment vorliegt, wenn die Kugel auf dem Rouletttisch zu rollen beginnt, das Glück, der Reiz zu gewinnen und schnelles Geld zu machen in kurzer Zeit. Denn in Casinos kann das Geld tatsächlich auf Bäumen wachsen von diesem zum nächsten Moment. Gespielt wird hier dann zu den elegant-dynamischen Klavierklängen Michel Legrands, die einen soghaft in diese Welt abtauchen lässt, während die Zeit von dannen zieht.

Der junge Mann verfällt dem Reiz, die diese unbekannte und neuartige Welt auf ihn ausübt. In Nizza, das er besucht um dort in einem Casino spielen zu können, trifft er auf Jackie (nuancenreich: Jeanne Moreau). Eine Frau, die dem Spiel erliegen ist und ihr altes Leben für das Spiel hinter sich gelassen hat. Sie ist eine leidenschaftliche Spielerin, die sich angezogen fühlt von dem Spiel, nicht bereit ist aufzuhören, begierig ist immer weiter zu spielen, auch wenn sie bereits alles verloren hat. Das Spiel gibt ihr Glückseligkeit. Geld sowie Verlust sind für sie bedeutungslos geworden. Daraus entwickelt Demy ein einfaches, aber reizvolles Szenario von zwei Spielern, die zueinander finden, sich beistehen und sich ineinander verlieben. Es treibt sie nach Nizza, später nach Monte Carlo. Demy schildert unbefangen und kühl eine beinahe schon abenteuerliche und risikofreudige Reise, bei dem Gewinn und Verlust oder Hoch- und Tiefflüge dicht beieinander stehen und sich ebenso neben dem Gefühl des Glücks auch die Ernüchterung breitmacht. Demy schildert damit also einen kurzen und Trip, der einen Einblick gibt in die rauschhafte Welt des verführerischen wie auch gefährlichen Spiels.

7.5 / 10

Autor: Hoffman 

Freitag, 8. Mai 2015

Jacques Demy Retrospektive #1 - Klassiker der Extraklasse: Lola, das Mädchen aus dem Hafen (1961)



Jacques Demys Spielfilmdebüt, welches er Jean-Luc Godard verdankte, der es mit gewissen Einschränkungen finanzierte und Demy so auf ein eher kleineres Budget zurückgreifen musste, spielt nicht etwa in Paris, sondern in Nantes, einer Hafenstadt, Demys Heimatstadt. Es ist eine Hommage an diese Stadt, zugleich Max Ophüls gewidmet. Liebevoll lässt Demy seine Hafenstadt glänzen, führt an behagliche Schauplätze, Orte der Vergangenheit, die einen selbst erinnern lassen zu den Klängen Michel Legrands. Demy folgt elegant und mit einer charmanten und unbeschwerten Melodramatik den Menschen auf ihrem Weg zwischen Sehnsüchten, Träumen, Erwartungen, Hoffnungen und Enttäuschungen, auch mit einem kurzen Schwenk am Kino vorbei (schließlich gilt: »Im Kino sieht immer alles viel schöner aus!«). Anouk Aimeé ist in der Titelrolle das, was Marlene Dietrich für Sternberg war: Eine bezaubernde Lola, hier Tänzerin und Mutter, die auf die Rückkehr des Mannes wartet, der sie einst verlassen hat, die erste Liebe ihres Lebens. Da ist auch ein gelangweilter, junger Mann, Roland, der sich fragt wozu er arbeitet und eine innere Leere empfindet, bis - ja, bis! - sich die Freunde aus alten Tagen wieder begegnen, Lola und Roland. Sie, die nur wartet und ihn als wirklichen Freund wissen will. Er, der sie als seine Liebe nicht missen will, hofft auf eine gegenseitige Liebe und steht dabei doch schon zur Reise bereit.



Aber auch seine anderen Figuren lässt er zusammentreffen, da sind ein amerikanischer Matrose mit einem strahlend weißem Hemd, der vergnüglich seine Zeit verbringen will, das junge Mädchen Cecile, das gerade beginnt Englisch zu lernen und darüberhinaus die Liebe, ganz im Sinne des Erwachsenwerdens, kennen lernt und ihre sorgenvolle Mutter. Manchmal träumen sie auch einfach nur vor sich hin und Demy schäumend mit ihnen, so sind die Fenster wie auch die Bilder leuchtend, er verzaubert und entfaltet seine Magie, ob Glück oder Unglück, ob mal mit Trauer oder mit Frohsinn. Er zeigt sich empfindsam, wenn er sein emotionales Karussell über die Liebe, das Verschwinden und die Erinnerungen drehen lässt und verwebt dabei gleichzeitig Vergangenheit und Gegenwart sowie Zukunft miteinander. Passend dazu versinnbildlicht ein nostalgisches Schwelgen auf dem Jahrmarkt, ein Sprung in Zeitlupe, wie ein Sprung durch die Zeit, die Träume des Kinos. Nantes wird zu Jacques Demys ganz eigenem kleinen magischen Universum. Es stimmt schon, wenn man sagt, dass Demy die Nüchternheit des Lebens in einen traumhaften Schleier kleidete. Er bringt zum träumen.



8.5 / 10

Autor: Hoffman 

Freitag, 10. April 2015

Die chaotische Welt - Klassiker der Extraklasse: Paris gehört uns (1961)




Bei Jacques Rivette ist Paris nicht die Stadt der Liebe, er wirft einen desillusionierenden Blick auf diesen Ort, er ist düster, fremdartig, trist und entmenschlicht. Das ist ein Paris, das aus den Fugen der Welt geraten ist oder ist es die Welt selbst, die dem nahenden Ende entgegenblicken muss? Was Rivette in »Paris gehört uns« heraufbeschwört, ist Paranoiakino, das von Zeitpolitik, Andeutungen und Einzelheiten in diese und jene Richtungen, Geschehnissen und Nihilismus geprägt ist. Daraus ergibt sich ein Werk voller Mysterien, Geheimnisse und Verschwörungen, in dessen Mittelpunkt eine junge Studentin (Betty Schneider) aus der Provinz steht, die den Selbstmord (oder doch Mord?) des Exilspaniers und Anarchisten Juan nachgeht; eine Suchende, die erst ermutigt, dann entmutigt wird und vergessen soll, auf einen Mantel des Schweigens trifft und ihre riskante Nachforschung doch weiterführt. Das mutet als Detektivfilm an, mit dessen Konventionen und Erwartungen Rivette spielt und sie banalisiert. Eine klare Struktur lässt sich bei Rivette nicht erkennen. Sie ist labyrinthartig, ,wie der Schauplatz Paris. Es ist eine chaotische, aber nicht absurde Welt, heißt es im Film selbst, ein Ausspruch bei dem Rivette gekonnt seinen Film reflektiert.



Paris ist zu einer Stadt der Fragezeichen geworden. Menschen sind Marionetten, alles ist Schein, sie tauchen auf und verschwinden wieder. Wenngleich das ebenso den schwierigen Produktionsbedingungen geschuldet sein mag, so scheint aber dafür Rivette auch Alternativen gefunden zu haben, die sein Stück noch umso undurchsichtiger erscheinen lassen. Das Theater nimmt einen zentralen Punkt ein, es ist keine Einbildung, es ist die Realität! Es ist der Ausgang von allem, die Welt ist zu einem großen Theater geworden, von Realität und Illusion, Leben und Tod. Ebenso versucht der Theaterregisseur Gérald Shakespeares »Perikles« auf die Bühne zu bringen, doch fehlen ihm Budget und Besatzung, sodass er oftmals improvisieren muss, wie Rivette bei diesem Film selbst und so gibt es hier auch Gastauftritte von Chabrol, Godard, Brialy und Demy. Diese Flüchtigkeit findet sich aber auch den Bilder wieder, welche andererseits rätselhaft wirken, mit Schatten, gedämpften Lichtern, Konturen und Vorhängen, die verbergen sollen.



Das ist eine fragile Welt voller Unsicherheit, Täuschung, Gefahr und Unheil, die einen verschlingt, bei der Rivette aber hin und wieder abschweift beim Theater oder bei der Literatur. Damit vereint Rivette aber auch Bruchstücke, die auf einer neuen Ebene Zusammenhänge ergeben. Dabei merkt man ihm eine gewisse Spielfreude beim Ganzen an. Alles ist vage, nichts will eindeutig sein. Es liegt eine feindselige wie auch bedrohliche Stimmung in der Luft und sogar Lang wird hier mehrfach zitiert, ob mit »Metropolis« oder »Mabuse«, denn bei Rivette scheint in all das eine Geheimorganisation verstrickt zu sein, die nach Macht strebt und die Ordnung der Welt ins Wanken bringt. Das Böse hat viele Gesichter, ansonsten wäre es zu einfach und Rivettes Film verschlingt einen immer dann besonders, wenn er genau diese Verworrenheit zuspitzt. So ist letztlich daraus ein sonderbares und geheimnisvolles Werk geworden, dass sich jeder Bestimmtheit entbehrt und über das sich wohl ewig rätseln lässt. Bei Rivette gehört Paris niemandem.


7.0 / 10

Autor: Hoffman