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Freitag, 26. Juni 2015

Jacques Demy Retrospektive #11 - Kritik: Parking (1985)



»Parking« ist Jean Cocteau gewidmet, einem von Jacques Demys großen Vorbildern, den er mit diesem Film Tribut zollt. Dabei verlegt Demy den Orpheus-Stoff, den Cocteau bereits in den 50er Jahren verfilmt und modernisiert hatte, in die 80er Jahre und liefert damit eine eigene Interpretation des Ganzen ab, die sich aber auch als Hommage an Jean Cocteau versteht. Die erste Szene gehört ganz Orpheus und Eurydice. Er singt ihr ein Chanson, in dem er seine Liebe zu ihr bekundet, was in einem Liebesakt der Beiden endet. Orpheus (Francis Hunter, den Demy als Fehlbesetzung erachtete und für den zunächst unter anderem David Bowie vorgesehen war) ist bei Jacques Demy nun ein motorradfahrender (wobei dieses Element schon bei Cocteau vorkam, dort aber eine andere Verwendung fand) und bisexueller, da Orpheus neben Eurydice auch mit seinem Produzenten zusammenlebt, Sänger und Popstar mit dünnen roten Stirnband, der durch einen Kurzschluss bei den Proben zu seinem Konzert stirbt, in die Unterwelt geführt wird, um dort festzustellen, dass dort ein Fehler unterlaufen ist und er zu den Lebenden zurückkehren darf. Eurydice ist eine japanische Bildhauerin, womit Demy bei der Beziehung von Orpheus und Eurydice auf John Lennon und Yoko Ono anspielt. Nach einem Streit mit Orpheus stirbt sie an einer Überdosis. Daraufhin macht sich Orpheus auf, um sie aus der Unterwelt zu retten.



Natürlich ist dieses Werk von Demy dahingehend auch eine Art origineller Popfilm, der das 80er-Jahre-Klima einfängt, sich dabei aber auch teils verfängt. Der Film mag teils grell erscheinen, auf der anderen Seite aber (für einen Jacques-Demy-Film) auch trist. Das Ganze erscheint fast schon zu brav, da der Film in seinen Ansätzen stecken zu bleiben scheint, denn zu wirklich großen Höhen schwingt sich Demy nie (oder zumindest selten) auf. Der Film läuft mechanisch und schwunglos ab. Ähnlich verhält es sich mit den Liedern von Michel Legrand, die sich nicht entfalten können, was aber wohl auch der Tatsache geschuldet ist, dass Francis Hunter, der die Lieder selbst interpretiert, schlichtweg kein (guter) Sänger ist.





Was aber nichtsdestotrotz diesen Film reizvoll macht, ist wie Demy die Geschichte variiert, wie er als Beispiel die Unterwelt umgestaltet in einzelnen Details. Der Abstieg in die Unterwelt erfolgt im Auto, das sich Etage für Etage weiter in die Tiefe begibt, denn der Eingang zur Unterwelt befindet sich bei Jacques Demy in einem unterirdischen Parkhaus. Die Unterwelt selbst ist dann Ort der kargen weißen Wände und bleichen Gesichtern, während die Farben der Kleidung und Gegenstände beibehalten werden, was für einen schillernden Kontrast sorgt. Der Registration in der Unterwelt erinnert an eine Passkontrolle am Flughafen, Computer werden genutzt um Lebensdaten zu überprüfen und der Hades dieser Unterwelt ist ein fesch in rot und schwarz gekleideter Jean Marais, dem einstigen Orpheus von Jean Cocteau, dessen Rolle hierbei seine erste Kinorolle seit »Eselshaut« aus dem Jahre 1970 (ebenfalls von Jacques Demy) war.  Damit wird aus Demys »Parking« also ein immer noch interessantes, dabei straff erzähltes, wenn auch gescheitertes Projekt.


6.0 / 10

Autor: Hoffman 

Mittwoch, 27. Mai 2015

Jacques Demy Retrospektive #5 - Klassiker der Extraklasse: Eselshaut (1970)



Die ersten Bilder dieses Films von Jacques Demy gehören den Büchern, die Geschichten und Märchen ins sich bergen, die uns ganz in ihre Welt eintauchen lassen und Jacques Demy, der versuchte mit den Augen eines Kindes an diese Geschichten zu gehen, entführt uns in ein solches Märchen, dessen Beginn natürlich lauten muss: Es war einmal...und bei Jacques Demy, der hiermit das Märchen »Eselshaut« von Charles Perrault eigenwillig interpretiert, war es einmal ein König (Jean Marais), der sich nach dem Tode seiner Gattin, der er schwor nur eine Frau zu heiraten, die genauso schön ist wie sie, in seine eigene Tochter (Catherine Deneuve in den schönsten Kleidern, welche die Farbe des Wetters, des Mondes oder der Sonne tragen), die scheinbar letzte wirkliche Märchenprinzessin, verliebt und beschließt sie zu heiraten. Die Prinzessin sucht die Flucht und bittet eine gute und fesche Fee (modebewusst: Delphine Seyrig) um Hilfe, die ihr vorschlägt ihr Haupt und damit ihre Schönheit unter einer Eselshaut zu verbergen, um unerkannt vor ihrem Vater zu sein.




Jacques Demys Film ist ein buntes, originelles und pompös ausgestattetes Märchen für Jung und Alt, in dem er mit seiner unbändigen Kreativität, seiner kindlich-verspielten Freude und seiner Lust am probieren eine Welt der Wunder präsentiert, bei der man große Augen macht. Es ist ein grazil-glamourös inszenierter Film über die wahre Liebe, welche die Schönheit hinter der hässlichen Oberfläche entdeckt, denn natürlich durchstreift die Szenerie auch ein verliebt-charmanter Prinz (bezaubernd: Jacques Perrin), der in knalliges Rot gekleidet ist. Magie durchströmt diesen Film. Alles ist möglich! Und damit meint Jacques Demy wirklich alles, wenn der Thron des Königs eine überdimensionale Plüschkatze ist, wenn die Pagen und Pferde des Hofes in blau und rot angemalt sind (wohl damit sie nicht vergessen würden zu welchem Königreich sie gehören), wenn Königinnen in Riesenschneekugeln beerdigt werden, wenn alte Frauen Frösche spucken, wenn die Zeit manchmal wie still zu stehen scheint, wenn Rosen zu sehen und sprechen beginnen oder wenn gute Feen mit Helikoptern angeflogen kommen.



Und natürlich kommt die liebliche Musik auch hier wieder von Michel Legrand und Demy lässt mit seinen Klängen in diesem skurrilen Märchen auch ein Kochrezept für einen Kuchen besingen. Jacques Demy sucht hier das Zauberhafte und Außergewöhnliche, betrachtet das Ganze dabei durchaus mit Augenzwinkern und gibt sich sehr detailverliebt bei den Dekors, um es kurz zu machen, so will er hier einfach fabulieren. Und wie heißt es am Ende eines jeden Märchens so schön: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.


7.5 / 10

Autor: Hoffman 

Dienstag, 14. Mai 2013

Zeit für Märchen - Klassiker der Extraklasse: Es war einmal...die Schöne und das Biest (1946)




Ich gebe es ja zu, ich habe eine Schwäche für solch originelle Expositionen, erst werden hier auf einer Kreidetafel die Credits verewigt und dann apelliert Cocteau an die Jugend, die Naivität und das Märchen, die im folgenden dringend gefordert sind, wenn sein Werk mit den sanften Worten »Es war einmal...« beginnt. Er bittet um Toleranz für Märchen und Träume. Cocteaus Film wird damit zu einer Reise zu den Grundwerten des Kinos (nach Méliès interpretiert) und in die Fantasie. Cocteau richtet sich treu nach der bekannten Vorlage von Villeneuve, mit veränderten Einzelheiten bei der Erzählung. Den großen Reiz hinter Cocteaus Umsetzungen machen dabei seine elegante Inszenierung und der Stil seines Films aus, in eine märchenhafte Optik getränkt, verzaubert Cocteaus Werk besonders durch eine prunkvolle Dekoration und eine edle Gestaltung, da dürfen Spiegel selbstredend nicht fehlen, hier glänzt und glitzert die Schönheit, wo sie nur kann. Schönheit ist schließlich auch das Thema des Films.




Der Vater, der seiner Tochter eine Rose mitbringen soll, also Schönheit raubt und das Biest (Jean Marais), der Besitzer jener Blume, der im Gegenzug dafür aber auch Schönheit (eine seiner drei Töchter) als Ausgleich verlangt. Drei Töchter, zwei Überhebliche und eine Tüchtige, Bella (= wir erinnern uns; abgeleitet von belle). Jene Tochter, die ihn auch bat eine Rose zu pflücken, sie ist es nun, die sich für ihren Vater aufopfert und zum Schloss des Biestes zurückkehrt. Das Schloss des Biestes selbst markiert in Cocteaus Werk wahrscheinlich den faszinierendsten Punkt, bei dem Cocteaus Einfallsreichtum auftrumpft, von bewegenden Objekten (wie Kerzenhaltern) und Büsten, die zum Leben erwachen oder Licht- und Schattenspielen, all das unterstützt diesen surrealen Zwischenton von Cocteaus Film, auch Aurics musikalische Untermalung schwingt zwischen lebhaften und nahezu geisterhaften Klängen, phantastisch! Magisch sind die Dekors und die Details, eingehüllt wie in einen mystischen Schleier (und ich wollte doch weitestgehend auf diese komischen Vergleiche verzichten). Inhaltlich wird deutlich weniger geboten. Somit konzentriert sich Cocteau auf die Beziehung und die Entwicklung von Bella und dem Biest. Beim ersten Anblick dieses »Tiers« fällt sie in Ohnmacht. danach wendet sie sich ab von ihm, wegen seiner Abscheulichkeit und seiner Natur eines Tieres, welche sie fürchtet.




Es ist die Furcht vor dem Unbekannten. Man kann hier also vom poetisch-realistischen Motiv des Individuums (= das Biest), welches gegen die Gesellschaft gestellt ist, sprechen. Eine, die ihn nicht als das akzeptiert was er ist, weil er eben normwidrig oder andersartig für sie ist. Man kann dieser Thematik fast persönlichen Bezug seitens Cocteau, der bisexuell war, einräumen, das Biest also als Metaphern für die Homosexualität steht. Ein Stoff, der ihm demnach am Herz gelegen haben muss. Das zeigt sich auch darin, dass Cocteau starke Empathie für das  Biest erzeugt, welches sein Glück sucht. Die Figuren sind folglich gleichberechtigt in ihrer Gefangenschaft. Das Biest ist Bella unterlegen durch ihre brennenden und grausenden Blicke. Zudem bezeichnet es sie auch als »Gebieterin«, sie wiederum auch ihn als »Gebieter«. Was sie verbindet ist ein Wechselspiel von Leid und Mitleid, von Trauer und Barmherzigkeit und Liebe. Das Lehrstück, bei dem es nicht auf den äußeren Schein, sondern das innere Sein ankommt, ist bekannt. Anmerken möchte ich dabei noch, dass bemerkenswerterweise Jean Marais (meist in Nahaufnahmen) in zwei Rollen zu sehen ist, die von Bellas Buhler und dem Biest. Symbolisieren diese etwa die zwei Seiten einer Medaille? Während die Gier den einen verdammt, rettet die Liebe also den anderen? Ich möchte das nur bedingt anführen, möchte aber festhalten, dass diese Verbindung stark fehlinterpretiert werden kann. Vielleicht brauchte Cocteau auch einfach nur eine Erklärung dafür, dass er seinen geliebten Marais in mehreren Rollen inszenieren konnte. Vielleicht sind Erklärungen in diesem Fall auch überflüssig, so lässt man den Traum träumen bis er in den dichten Wolken versinkt und man wieder dort angekommen ist, wo diese Reise begann.




7.0 / 10

Autor: Hoffman